Durch eine fremde Welt in die Realität

Von: Sandra Kinkel
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Zirkusmusiker, die sich für eine Welt ohne Gewalt einsetzen: Sascha Sistenich, Lena Bühl, Maren Romstedt und Maximilian Schmidt (von links). Foto: Sandra Kinkel
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Welches ist das perfekte Zitat: Lena Bühl, Tom Schiffer, Nicole Lache und Lisa Nath-Göbel (von links) suchen es. Foto: Sandra Kinkel

Düren. Es geht um Demokratie, Erderwärmung, Bildung und die Gleichbehandlung von homosexuellen Paaren in unserer Gesellschaft, es geht aber auch darum, aufzustehen, sich zu wehren, endlich anzufangen, Dinge zu verändern.

 Kurzum: Die aktuelle Produktion der jungen Dürener Theatergruppe „Ernas Erben“ mit dem aussagekräftigen Titel „Auf der Suche nach Idealen“ ist ein Stück Sozialkritik, das zum Nachdenken anregt und ziemlich unter die Haut geht. Es ist aber auch ein Spiegel dessen, was junge Leute bewegt. Und es ist ein eindeutiges „Ja“ auf die Frage „Haben Jugendliche überhaupt noch Ideale?“

„Es ist mein Job als Theaterpädagogin, eben nicht ein fertig existierendes Stück einzustudieren. Sondern mit den Schauspielern kreativ zu werden und Themen zu finden, die eine gesellschaftliche Relevanz haben und die die Jugendlichen interessieren“, sagt Marion Kaeseler, die das Stück mit den Schauspielern Maximilian Schmidt, Nicole Lache, Selina Bulowski, Gisela Moyzio-Weisse, Thomas Durst, Julia Eder, Lisa Nath-Göbel, Tom Schiffer, Lena Bühl, Renate Dikta, Elena Salentin, Frank Martin, Maren Romstedt, Sascha Sistenich und Rüdiger Weisse erarbeitet hat.

Anders als bei „Der Arbeitslose“, der ersten Produktion von „Ernas Erben“, wird bei der Zirkus-Theater-Collage „Auf der Suche nach Idealen“ keine abgeschlossene Geschichte erzählt. Vielmehr präsentieren die Schauspieler eine Zirkusvorführung mit unterschiedlichen Nummern – es gibt Musik, Jonglage, eine Löwendressur, Seiltanz und Akrobatik.

Marion Kaeseler: „Den Schauspielern wird wirklich viel abverlangt. Nicht nur, dass sie mit fremden Dialekten sprechen oder manchmal so tun müssen, als hätten sie einen Sprachfehler. Es ist auch nicht so einfach, über Klimaschutz zu sprechen und gleichzeitig über ein Seil zu balancieren.“ Oder den berühmten Mann in der Kiste zu zersägen und sich dabei über die Nachteile von G8, also der um ein Jahr verkürzten Gymnasialzeit aufzuregen. „Ernas Erben“ schaffen beides.

Und sie schaffen noch viel mehr. Die jungen Schauspieler regen das Publikum zum Nachdenken an, sie zwingen die Leute geradezu, sich zu überlegen, worüber man sich beschweren sollte. „Jeder sollte so sein können, wie er ist“, fordert eine Frau. „In Düren gibt es zu wenig Theater“, kritisiert ein Mann. Was sind Vorbilder in unserer Gesellschaft? Mutter Theresa oder Gandhi vielleicht? Oder doch Eltern, die sich für ihre Kinder einsetzen oder Lehrer, die sich wirklich um ihre Schüler kümmern?

Wie in einem richtigen Zirkus beziehen „Ernas Erben“ die Zuschauer mit ein, und wie in einem richtigen Zirkus darf zwischendurch natürlich auch gelacht werden.

Es ist auf den ersten Blick durchaus komisch, wenn Selina Bulowski, die die Rolle des Alibaba spielt, in schönster Proleten-Jugendsprache („Hey Alter, haste es jetzt endlich geschnallt?) Platons „Höhlengleichnis“ erklärt. Es ist aber zugleich auch sehr tiefsinnig und bewegend, wenn die junge Frau sagt, dass die Menschen es sich mittlerweile in ihrer Höhle, also auf der Erde, viel zu gemütlich eingerichtet hätten. „Wir müssen hinter die Dinge gucken, um die Wirklichkeit zu verstehen. Leute, kommt endlich aus Eurer Höhle raus“, lautet Alibabas Aufforderung ans Publikum.

„Auf der Suche nach Idealen“ ist eine sehr stimmige Inszenierung. Vom Bühnenbild angefangen (leere Colakisten und ein heller Teppich machen aus der Studiobühne eine Manege), über „richtige Zirkusmusik“ bis hin zu Getränken und Brezeln, die direkt im „Zirkuszelt“ verkauft werden, und Schauspieler Sascha Sistenich, der in der Pause Spenden für sein Freiwilliges Soziales Jahr in Bolivien sammelt, ist bei „Auf der Suche nach Idealen“ zweieinhalb Stunden alles so wie in einem richtigen Zirkus.

Und doch ist es anders. Die Zuschauer werden zwar in eine fremde Welt entführt, gleichzeitig müssen sie sich aber trotzdem mit ihrer eigenen Welt auseinandersetzen. Das und die Tatsache, dass man deutlich spürt, dass die Schauspieler genau die Themen ansprechen, die ihnen unter den Nägeln brennen, macht das Stück so spannend und interessant.

Am Sonntag, 23. Juni, um 20 Uhr gibt es noch eine weitere Aufführung im Haus der Stadt.

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