„Düren Kultur“: Gutes Essen kann Balsam für die Seele sein

Von: Kevin Teichmann
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Heike Bock, Moderator Johannes Arens und Edith Beck plauderten über die Bedeutung der Nahrung für Leibe und Seele. Foto: Kevin Teichmann
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Gastronom Richard Bühl kochte für die Gäste.

Düren. „Wir müssen alle essen und trinken – das ist ein soziales Totalphänomen“, läutet Johannes Arens die illustre Runde im City Carrée ein. Arens kommt aus Kesternich am Rursee und ist Kulturwissenschaftler und beschäftigt sich mit der kulinarischen Seele Dürens.

Die Auftaktveranstaltung einer dreiteiligen Serie namens „Soulfood“ behandelt den Aspekt „gestern“, also Bedeutung und Tradition des Essens in der Vergangenheit. Es folgt im Februar die Veranstaltung „heute“ über zeitgenössische Speisen und im Mai „morgen“ mit einem Zukunftsausblick.

„Soulfood“, so Arens, sei ganz einfach „Nahrung für die Seele“, denn „Leib und Seele werden durch Nahrung zusammengehalten“. Dieter Powitz, Leiter von „Düren Kultur“, kann Arens‘ Ausführungen sehr gut folgen: „1987 habe ich in London studiert und ich hatte ein wahnsinniges Heimweh. Um aus dem Heimweh-Loch herauszukommen, habe ich mir etwas Heimat nach London geholt und Linsensuppe gekocht.“

Auch Heike Bock, die in der Niederzierer Altenwohnanlage Sophienhof lebt, bereichert die Runde mit ihren geschmackvollen Erinnerungen. Bocks Lieblingsgericht? „Das ist Heringsstipp“, sagt die Seniorin. „Und was ist das genau und was gehört dazu?“, fragt Arens.

„Das sind Heringsstücke mit Sahne, Apfel-, Zwiebel- und Gurken-Stückchen – und als Beilage noch Pellkartoffeln“, schwärmt Bock und allein beim Gedanken an das Gericht läuft dem Einen oder Anderen im Publikum Wasser im Mund zusammen. „Und genau dieses Gericht – nur mit Brat- statt Pellkartoffeln – bereiten wir heute für das Publikum zu“, lächelt Arens nickend.

Im Hintergrund lässt Gastronom Richard Bühl unzählige Kartoffelscheibchen in eine riesige Pfanne rutschen. So als hätte der Pächter des Restaurants im City Carrée nur auf Arens‘ Stichwort gewartet. Das leise Knistern der im Öl brutzelnden Kartoffeln ist die perfekte Untermalung für die sich anschließende Diskussion über Nahrung und Genuss in Düren und Umgebung.

Seit neun Jahren lebt Heike Bock im Sophienhof und gehört zu den „fünf, sechs Leuten, die den Speiseplan erstellen“. Sie darf also „mitbestimmen, was auf den Tisch kommt“. Geburtstagswünsche würden dabei auch berücksichtigt. Denn jeder soll an seinem Ehrentag auch das bekommen, was er am liebsten isst.

Das bringt aber auch die Problematik mit sich, dass nicht jeder Geburtstagswunsch allen Bewohnern schmeckt. „Da haben wir eine gute Ausweichmöglichkeit gefunden.“ Heike Bock isst gerne ab und zu auswärts bei einem türkischen Imbiss in der Neuen Mitte Niederzier. „Da ist der Backfisch so gut wie auf der Annakirmes.“

Mittlerweile hört man das Zischen und Knacken der Speckwürfel, die Bühl zu den Kartoffelplättchen hinzugibt. Der ohnehin schon raumsuchende Geruch der bratenden Kartoffeln verbindet sich nun mit dem des angebratenen Specks – eine Kreation der Düfte. Spätestens jetzt hat wohl jeder der über 30 Zuhörer Lust auf den Abendschmaus bekommen.

Doch Arens hat mit Edith Becker von der Dürener Tafel noch einen weiteren Gast. Becker und ihr Team versorgen in der Woche rund 2000 Menschen mit „Backwaren, Obst und Gemüse, Milchprodukten und kleineren Mengen Fleisch und Fisch“. Essen, das noch genießbar ist, von Supermärkten aber sonst weggeworfen würde. Bock findet das gut. Wie viele in ihrem Alter, sagt die 1939 Geborene: „Essen wegwerfen – das ist Sünde.“ Wie groß die Hungersnot in der Nachkriegszeit war, belegt Arens anhand von Zeitungsmeldungen, die er im Dürener Stadtarchiv gefunden hat.

Und das wiederum regt auch das Publikum an. Eine ältere Frau zeigt begeistert auf: „Ich möchte gerne ein Lied singen, das damals in Düren gesungen wurde.“ Und tatsächlich, die Stimme der Frau erhebt sich. Zuerst ganz leise, dann immer überzeugter trägt sie ein Lied vom Schlangestehen an einer Dürener Metzgerei vor. Beifall ist ihr Lohn. Marion Larue, Ehefrau von Bürgermeister Paul Larue, gehört auch zu den Zuschauern und erklärt: „Über meine Schwiegertochter, die Vegetarierin ist, habe ich die Lust am Vegetarischen gewonnen.“ Kulinarische Erlebnisse können eben vielseitig sein.

Zum Genuss gehört für manch einen auch das Rauchen von Zigarren. Einer der Zeitungsberichte macht auf einen Zigarrenfabrikanten aufmerksam, der vor dem Zweiten Weltkrieg in Heinsberg fertigte, nach dem Krieg allerdings in Rölsdorf aufschlug, weil das alte Betriebsgelände zerstört wurde. Plötzlich deutet ein älterer Mann auf einen Holzgegenstand unter seinem Stuhl und ergreift das Wort. „Ich bin der Schwiegersohn des Fabrikanten“, sagt er. Arens stutzt kurz ungläubig und begeistert zugleich. Was für schöne Geschichten der Zufall manchmal doch schreibt.

Als das Buffet später eröffnet wird, ist klar: Richard Bühl und sein Kochteam haben ganze Arbeit geleistet. Das scheint auch Heike Bock so zu sehen. Wohlwollend hebt sie den Daumen nach oben. Ein Grinsen kann sie sich dabei nicht verkneifen.

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