Dieter Powitz ist neuer Leiter des Dürener Kulturbetriebs

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An der Rur angekommen: Dieter Powitz ist seit Oktober 2014 Leiter des Dürener Kulturbetriebs. Foto: Stephan Johnen

Düren. „Wir müssen uns doch nicht verstecken“, sagt Dieter Powitz. Der 51-Jährige ist neuer Chef des Dürener Kulturbetriebs und seit Oktober im Amt. Mittlerweile hat er sich an der Rur eingelebt und einen Überblick verschafft. Im Interview mit DZ-Redakteur Stephan Johnen spricht er über VHS-Klischees, Zuschauerzahlen und kulturelle Ausrufezeichen zwischen Aachen und Köln.

Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie angekündigt, eine Bestandsaufnahme zu machen. Wie ist die Lage?

Powitz: Der Kultursektor hat in beinahe allen Städten personell und finanziell zu kämpfen. Ich hätte aber nicht damit gerechnet, wie kritisch es zuweilen in Düren ist. In VHS und Musikschule beispielsweise herrscht reger Betrieb. Aber die Einrichtungen haben keinen Hausmeister. Wenn es schneit, muss die Musikschulleiterin den Schnee räumen. Ist das sinnvoller Personaleinsatz?

Gibt es weitere Beispiele?

Powitz: Nehmen wir Schloss Burgau, eine Perle dieser Stadt. Wer genau hinschaut, sieht aber, dass an vielen Ecken der Lack ab ist. Für diesen Veranstaltungsort gibt es zudem Auflagen, die die zwei Mitarbeiter kaum meistern können. Das Rüstzeug, diesen Ort sinnvoll zu nutzen, ist nicht gegeben.

In früheren Haushalten wurden Einnahmen aus einer Gastronomie verbucht, die es dort gar nicht gibt.

Powitz: Der Standort ist sicher dafür geeignet, wir brauchen aber ein Konzept. Bei einem „Weiter so!“ kann die Perle zur Tellermine werden. Apropos Konzept: Unter dem Dach des Kulturbetriebs gibt es sieben Institutionen, von der Bücherei bis zum Theater, aber kein Konzept für eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit.

Wo liegt das Problem?

Powitz: Angenommen, Sie haben nächste Woche spontan Lust, etwas zu unternehmen. Lesen Sie dann sieben einzelne Flyer, die sie irgendwo in der Stadt gefunden haben? Jeder kocht derzeit auf seinem eigenen Campingkocher sein Süppchen. Marketing und Vertrieb müssen überdacht werden.

Es gibt doch die „Spielzeit“. Eine Broschüre, die über alle Veranstaltungen im Jahr informiert.

Powitz: Dabei handelt es sich um ein Format, das alles möchte und nichts kann. Ein Format, das überdacht werden muss.

Was schwebt Ihnen vor?

Powitz: Wir brauchen etwas, das an den Kühlschrank passt, damit Menschen sich das Programm auch anschauen. Ein Kalender, alle Veranstaltungen aller Akteure in der Stadt – jeden Monat neu. Hinzu kommt eine Anlaufstelle mitten in der Stadt, in der es für alle Veranstaltungen Karten gibt. Und zwar von 10 bis 18 Uhr unter der Woche und 10 bis 14 Uhr an Samstagen.

Alle Akteure auf einem Programm?

Powitz: Wir haben nur ein Publikum, es gibt nur ein kulturelles Leben, wir können nur gemeinsam überleben.

Was hat Sie positiv nach ihrem Dienstantritt überrascht?

Powitz: Die offene und herzliche Aufnahme im Kollegenkreis. Wir sind uns nicht alle um den Hals gefallen, aber es gibt eine gesunde Neugierde, ein echtes Zuhören, eine offene inhaltliche Auseinandersetzung.

Sie sind der neue Besen, der von außen kommt. Werden sie kräftig durchfegen?

Powitz: Viele Kollegen wollen nicht, dass alles weiterläuft wie bisher. Auf der anderen Seite gibt es Zweifel, wie die Zukunft aussieht. Es wird Veränderungen geben. Aber wir werden diesen Weg gemeinsam gehen.

Welchen Stellenwert hat für Sie ein städtisches Kulturangebot?

Powitz: Wo Kultur wegbricht, tritt rohe Gewalt hervor. Kultur gehört zur Basisversorgung einer Stadt

Gehört dazu auch eine Volkshochschule?

Powitz: Klar, Makramee und Dia-Vorträge, das sind VHS-Klischees. Ein wesentlicher Teil der Aufgaben sind aber mittlerweile Ausbildung und Sprachförderung. Sie können an der VHS jeden Abschluss bis zur Fachoberschulreife erwerben. Das wird sehr rege genutzt. Auch das ist Basisversorgung.

Reden wir über das Theater. Kann Düren zwischen Aachen und Köln überhaupt bestehen?

Powitz: Düren hat 90 000 Einwohner, da gibt es Publikum. Düren hat aber nur eine Chance zu überleben, wenn die Stadt Lebensqualität bietet.

Sind sie denn mit den Besucherzahlen zufrieden?

Powitz: Nein. Wie bereits gesagt, spielt die Vermarktung dabei sicherlich eine Rolle.

Oder liegt es an Qualität der in Düren gezeigten Produktionen?

Powitz: Nein, die Mischung macht‘s. Möglichst viele Menschen sollen sich in einem Programm wiederfinden. Ich zeige gerne dreimal populäre Musicals, um mir einmal mit dem Schauspielhaus Bochum eine Vorzeigebühne für zeitgenössisches Theater und unkonventionelle Regiehandschriften leisten zu können.

Wird untersucht, was gut ankommt und was nicht?

Powitz: Wir werden dieses Thema verstärkt angehen und genauer auf die Relation von Kosten und Auslastung achten. Auch Umsatzpro-gnosen gehören dazu. Es gibt Aufführungen, bei denen wir in Kauf nehmen, dass sie nicht ausgebucht sind. Aber was auf Dauer eine als Ziel definierte Quote nicht erreicht, muss überdacht werden.

Wo sollen Zuschauer herkommen?

Powitz: Wir wollen in Zukunft stärker mit Schulen zusammenarbeiten und bei der Programmgestaltung die Lehrpläne im Blick haben. So können wir Schüler als Zuschauer gewinnen – und sie können beispielsweise im Rahmen des Unterrichts Beiträge für unser Jahresheft verfassen. Es gibt aber auch eine echte Bleikugel an unserem Bein: das Haus der Stadt.

Was ist am Haus falsch?

Powitz: Nichts. Aber das Haus ist, überspitzt formuliert, ein Kulturtempel im offenen Meer der Verrohung. Die Unterführung schreckt ebenso Menschen ab wie die unbelebten Flächen und die Parkplätze. Im direkten Umfeld fehlt die soziale Kontrolle.

Potenzielle Zuschauer kommen nicht, weil sie vom Umfeld abgeschreckt werden?

Powitz: Leider ja.

Glauben Sie, dass es im Rahmen des Masterplan-Prozesses Hilfe gibt?

Powitz: Ich bin dankbar, dass ich in der Steuerungsgruppe auch einmal von der Realität berichten konnte. Ich kann alle Beteiligten nur bitten: Lasst uns mit dieser Aufgabe nicht im Regen stehen.

Kommen Sie mit dem Budget aus?

Powitz: In den vergangenen Jahren sind nach Tarifabschlüssen die Personalkosten gestiegen, ohne dass es einen Ausgleich gab. Das geht auf Dauer nicht. Aktuell bezuschusst die Stadt den laufenden Betrieb mit knapp 2,5 Millionen Euro.

Wie steht es um Drittmittel, also Spender und Sponsoren?

Powitz: Derzeit werden offenbar auch Selbstverständlichkeiten mit Drittmitteln bezahlt. Wenn ein Sponsor unsere Broschüren druckt, ist das nett, aber für ihn wenig attraktiv. Aus meiner Sicht ist es Aufgabe der Stadt, dies zu bestreiten. Es geht nicht darum, auf Geld zu verzichten. Sponsorenmittel sollten jedoch so eingesetzt werden, dass sie etwas bewirken.

Woran denken Sie?

Powitz: Ich möchte ein Tanzprojekt starten. Da sind wir auf Unterstützung angewiesen. Mir schweben 80 bis 100 Tänzer im Alter von 8 bis 80 Jahren vor. Alle fangen bei Null an, alle kommen mit unterschiedlichen Biografien zu uns. Unter Anleitung von professionellen Choreographen sollen sie auf der großen Bühne tanzen.

Sie gestalten also das eigene Programm?

Powitz: Düren kann dem modernen Tanz eine Bühne bieten. Und zugleich ist das ein keckes Ausrufezeichen in Richtung Köln und Aachen. Es geht nicht darum, zu schauen, was die anderen machen, sondern welche Akzente Düren setzen kann. Wir müssen uns doch nicht verstecken.

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