Die Zukunft der Dorfkirmes sieht düster aus

Von: Hendrik Buch
Letzte Aktualisierung:
14911795.jpg
Dem Kinderkarussell ist Adrian Holz entwachsen. Mit seinem Vater Uwe bereist er für größere Fahrgeschäfte aber gerne die Region. Foto: Hendrik Buch
14911617.jpg
Hans Bert Cremer (links) und Uwe Lausberg beklagen den Wegfall vieler Kirmesplätze auf dem Land. Foto: Hendrik Buch

Kreis Düren. Angesprochen auf das Thema Kirmes bekommt Uwe Holz schnell leuchtende Augen. Er ist im besten Sinne kirmesverrückt. Doch die Jugend ziehen Autoscooter und Raupenbahnen nicht mehr an. Angesichts der Vielzahl der Angebote erlischt die Faszination immer mehr.

Fast jeden Monat besucht Uwe Holz mit seinem Sohn Adrian eines der großen Feste in der Region oder auch einen Freizeitpark. Im Internet folgt er einigen Kirmesblogs.

Bei der Frage nach dem Ursprung dieser Faszination, muss er nicht lange überlegen. Schnell ist er in Erinnerungen an seine Kindheit und den Kirmesplatz in Vossenack angekommen. „Das ganze Jahr habe ich damals Zehnpfennigstücke gesammelt, um immer wieder das Blinkerspiel zu spielen“, schwärmt er. Von solchen Kindheitsgeschichten hat er viele im Repertoire. Sie erzählen von Tüten voller Chips für den Autoskooter, Fußballsammelbildchen und dem Kirmesgeld von den Großeltern.

Als Vater ist er mit seinem Sohn zwar auch noch gelegentlich nach Vossenack gefahren, Adrian hat aber nicht diese emotionale Bindung zur Dorfkirmes. Warum der Kirmesplatz auf dem Dorf die beiden heute nicht mehr reizt? „Die Welt ist viel kleiner geworden und das Angebot so groß“, sagt Holz nicht ohne Bedauern. Für ein paar gebrannte Mandeln sei es ihm oft den Weg nicht wert. „Und wie alles andere auch ist es teurer geworden“, stellt er noch fest.

Mit dem Ende der Fastenzeit geht auch auf dem Land die Kirmessaison wieder los. Für die Schützenbruderschaften, die dort einer der Hauptveranstalter von Kirmesplätzen sind, ist das Thema ein Luxusproblem. Über die Zeiten, in denen man noch von Standgeldern der Schausteller profitierte, kann man hier nur noch schmunzeln. Heute bedeutet die Bestückung des Kirmesplatzes vor allem eines: Arbeit. Dennoch halten viele am aufwändigen Versuch der Platzbestückung fest, denn eine Kirmes bereichert nicht nur die Schützenfeste, sondern auch das Dorfleben allgemein.

Auf der Kreisdelegiertentagung der Bruderschaften im März zeigte sich entsprechend nur eine Minderheit der Bruderschaften mit ihren Plätzen zufrieden. Ein Drittel der anwesenden Schützenvereine hatte im vergangenen Jahr sogar gar keinen Schausteller mehr auf seinem Fest, viele andere nur noch einen einzelnen Wagen. In der Sache beklagen die Schützen oft die schwierige Suche nach Buden und auch die Verständigung der Schausteller untereinander. Gelte ein Platz einmal als unprofitabel, habe sich dies sofort herumgesprochen und keiner käme mehr. „Wenn dann doch jemand kommt, gibt er nach einem Jahr wieder auf“, bedauert zum Beispiel Kai Fischer aus Golzheim, „so können sich natürlich auch keine neuen Strukturen mehr entwickeln.“

Wie groß das wirtschaftliche Risiko aber auch für die Schausteller ist, zeigt das Beispiel Froitzheim. Hier versuchte man, die Schausteller mit Geld zum Bezirksschützenfest zu locken. Es kam dennoch keiner.

Angesprochen auf das Thema Dorfkirmes reagieren Hans Bert Cremer und Udo Lausberg dementsprechend wenig euphorisch. Sie stehen dem Dürener Schaustellerverband vor. Die Dorfkirmes hat man dort innerlich schon weitgehend abgeschrieben, das merkt man im Gespräch schnell. „Für viele von uns ist diese Entwicklung wohlgemerkt existenzbedrohend“, weiß Lausberg aus eigener Erfahrung. Er selbst hat seine Fahrgeschäfte – und damit eine Familientradition – vor kurzem letztlich gesundheitsbedingt veräußert. „Es hat sich aber auch einfach nicht mehr gerechnet“, erklärt er.

In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Landkarte der Volksfeste bundesweit mehr verändert als in den 100 Jahren davor. Wie auf der Bundesversammlung der Schausteller aufgezeigt, sind 40 Prozent der traditionellen Kirmesplätze weggebrochen. „Entweder gibt es dort keine Schausteller oder gar kein Fest mehr“, berichtet Lausberg. Selbst regional ehemals hoch attraktive Dorfplätze wie in Bürvenich oder größere Orte wie Kreuzau seien heute wirtschaftlich ein schwieriges Pflaster. „Auch dort, wo die Zelt- und Saalfeste noch gut laufen, geht die Bindung zum Kirmesplatz verloren“, sagt er resigniert, „letztlich zieht nur noch die ganz große Kirmes in der Stadt das Publikum an.“

Die Gründe dafür seien vielfältig, erklärt auch Cremer. Bei der Erinnerung an die Vergangenheit bekommt er freudige Augen. „Wenn wir damals auf die Dörfer kamen, waren wir einer der Höhepunkte des Jahres“, denkt er zurück. Den Wandel führt er vor allem auf das geänderte Freizeitverhalten zurück: „Heute locken Schießbude und Karussell leider nur noch wenige Menschen vom Sofa.“ Einige Schausteller setzen dementsprechend für die Zukunft auf große Anlagen, neue Angebote für das Dorf sind nicht in Sicht. Im Gegenteil trennen sich immer mehr Schausteller von Raupenbahnen und Autoskootern. Selbst viele Schießbudenbetreiber haben auf Grund hoher Auflagen umgesattelt. Und für die Übriggebliebenen steigt der Druck, auf den großen Plätzen unterzukommen. „Wir machen das schließlich alle hauptberuflich“, erinnert Cremer.

Dass für die heutige Generation der Kirmesplatz angesichts der Vielzahl der Angebote einen schwierigen Stand hat, bestätigt auch das Beispiel von Adrian Holz. Den Dreizehnjährigen reizt an Kirmes alles, was schnell und hoch ist. Dafür fährt er mit seinem Vater auch bis Aachen, Düsseldorf, Euskirchen oder sogar Rust. Für einen Autoskooter auf eine Dorfkirmes zu fahren, dafür bekommt ihn sein Vater nicht so einfach motiviert. „Früher war es aber schön“, sagt Uwe Holz aus vollem Herzen: eine Nostalgie und ein Stück Lebensqualität auf dem Dorf, dem leider Zukunftsperspektiven fehlen.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert