Düren - „Die wunderbare Welt der Amnesie“: Wahrlich kein Abend für Sensibelchen

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„Die wunderbare Welt der Amnesie“: Wahrlich kein Abend für Sensibelchen

Von: has
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Nessie Tausendschön und William Mackenzie bescherten einen großartigen Abend. Foto: Hannes Schmitz

Düren. Ihren Namen leitet die ausgebildete Ziergärtnerin von einem gemeinen Gänseblümchen ab und ist als Nessie Tausendschön nichts für Mimosen. „Kabarett muss auch einmal weh tun“, propagierte sie zugleich und versetzte das Publikum im ausverkauften „Komm“ zunächst einmal in Schockstarre, als sie scheinheilig fragte: „Kennen Sie die deutsche Deklination von Vergessen? Vergessen, wir vergaßen, wir haben vergast.“

Danach dauerte es einige Augenblick, bis die Zuhörer die Protagonistin auf der Bühne annahmen. Auf der Kleinkunstbühne war sie in ihrem Element und ließ vergessen, dass ihr Auftritt bei der Revue zu den „SWD.KOMMedy.Abenden“ leicht daneben ging.

Gehörigen Portion Anarchie

Ausgezeichnetes Musikkabarett bot sie bei ihrem Einzelgastspiel, der von den Stadtwerken und dem „Komm“ ausgerichteten Reihe. Kein Abend für Sensibelchen war ihr Programm „Die wunderbare Welt der Amnesie“ in dem sie nicht medizinische Aspekte beleuchtete, sondern speziell dem Vergessen mit einer gehörigen Portion Anarchie widmete.

Die Künstlerin aus dem hohen Norden, die mittlerweile in Köln lebt, provoziert und fordert heraus. Sie machte Kabarett nicht nur für Frauen, sondern ließ auch die Handvoll Männer heile, falls sie nicht in der ersten Reihe saßen. Da wurde ihr Blick milde, wenn sie befand „das Kabarettpublikum altert mir weg“ und gestand, dass sie seit 25 Jahren auf der Bühne steht. Uneitel stand sie auf den Bühnenbrettern, vorbei die Zeiten als sie sich als femme fatal lasziv auf Flügeln räkelte.

Unverwechselbare Stimme

Eher unscheinbar ist ihre Kleidung, geblieben ist aber ihre unverwechselbare Stimme. Mit frechen Formulierungen, derber Ausdrucksweise, selbstironisch und modest nahm sie alle und jeden unter die Lupe und schloss sich selbst auch nicht aus. Sie schlüpft gekonnt in andere Rollen, um mit tiefsinnigen aber auch feinfühligem Humor anzuecken, auf Missstände aufmerksam zu machen.

Die herzerfrischende Zynikerin kann aber auch singen, und wie! Sie verziert melodisch ihre Lieder, da wirkt ein Liebeslied fast lyrisch, dann wieder eine Chanson mit kecken Zeilen.

Köstliche Parodien

Abwechslungsreich waren ihre Songs, oft „untermalt“ mit einem noch immer peppigen Hüftschwung und zu engen Röcken. Sie sang vom betrunkenen Schutzengel, schickte mit dem Publikum zusammen Ariane in die Hölle oder wurde knallig rockig als sie das Hormon Testosteron bejubelte. Sie entpuppte sich als Stimmakrobatin, parodierte Max Rabe mit seinem Gehabe, ließ Lena, Nena und Nina Hagen auf köstliche Weise aufleben. Kongenial ihr musikalischer Partner William Mackenzie, der stoisch drein blickend virtuos auf seinen Gitarren aufspielte und sie gekonnt in Szene setzte - ob als Sängerin oder Solistin an der „singenden Säge“. Politisch wurde sie mit abstrusen Verschwörungstheorien, um zu zeigen wie die Amnesie-Masche funktioniert.

Gerhard Schröder flutetet den Osten, um die Wahl zu gewinnen, Angela Merkel auch. Nur verpasste sie mit Blick auf die Bundestagswahl das richtige Timing. Dafür verrät Angela Merkel im Horst Schlämmer-Stil ihre Krankheiten („Ich hab Pofalla und sogar Niebel-Lungen!“)Politik verglich Nessie Tausendschön mit Jeans: „An allen Nähten sitzen Nieten“ oder einer „ Orgel mit den dazu gehörenden Pfeifen.“

Es war ein großartiger Abend mit einer Kabarettistin und ebenbürtigen Bühnenpartner, der auch als verkappter Zauberer, die Lacher auf seiner Seite hatte.

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