Nideggen - Die Tourismuskarte alleine reicht nicht

Die Tourismuskarte alleine reicht nicht

Von: Burkhard Giesen
Letzte Aktualisierung:
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Die Altstadt von Nideggen lockt viele Besucher an. Vom Tourismus allein kann die Kommune allerdings nicht leben. Foto: Bert van Londen

Nideggen. Bürger in Berg können sich richtig ereifern. „Was soll ich nun auf Ihrem Zettel ankreuzen?“, fragt ein Leser die Redaktion, nachdem ihm der Fragebogen zu unserer Aktion „Ihre Heimat unter der Lupe“ ins Haus geflattert war. „In Berg gibt es keine Kneipe, kein Geschäft, keine Schule, keinen Kindergarten, geschweige denn ein Theater oder Schwimmbad. Es gibt nur einen mickrigen Spielplatz.

Eine öffentliche Busverbindung zum Arztbesuch oder zum Rathaus nach Nideggen gibt es auch nicht. Wenn ich ins Burgenmuseum will oder in ein Restaurant, muss ich mit dem Auto fahren.“ Das Fazit unseres Lesers: „Aufgrund der total fehlenden Infrastruktur und der extrem hohen Grundsteuerbelastung ziehen immer mehr junge Leute weg. Die Ortschaften bluten aus.

Dies hat zur Folge, dass viele Wohnhäuser nicht mehr vermietet werden und nicht mehr zum regulären Preis verkauft werden können. Alterssicherung durch Grundbesitz oder Immobilien: Ade!“ Und das, so der Mann abschließend, „trifft auf fast alle Stadtteile von Nideggen zu“.

Ist Nideggen wirklich so wenig lebenswert? Nein, finden fast zwei Drittel unserer Leser. Trotzdem: Immerhin jeweils ein Viertel der Befragten sprechen sich für eine bessere Infrastruktur und mehr öffentliche Einrichtungen aus. Das Problem: Wie soll Nideggen das bezahlen? Die Stadt steht am finanziellen Abgrund, Ausgaben für die öffentlichen Einrichtungen müssen weiter gekürzt werden.

Und in punkto verbesserter Infrastruktur hat man noch gut den Versuch der Stadt in Erinnerung, bei der Gründung eines Bürgerbusvereins behilflich zu sein, der den von Nideggenern ja nicht zu unrecht bemängelten Öffentlichen Personennahverkehr spürbar verbessern helfen sollte. Im April 2011 war es, als die Stadt eine Befragung aller Haushalte zu dem Thema organisiert hatte – gerade mal 172 der rund 10.000 Einwohner nahmen überhaupt an der Befragung teil, lediglich elf Nideggener wollten in einem Bürgerbusverein mitarbeiten. Zu einer daraufhin angesetzten Infoveranstaltung erschienen vier (!) Bürger, das ehrgeizige Projekt war damit gestorben.

Einen anderen Ansatz hat jüngst Jörg Hamel, Geschäftsführer des Einzelhandels- und Dienstleistungsverbandes Aachen-Düren-Köln, verfolgt. Er hatte darauf verwiesen, dass eine Kommune nur dann gestärkt werden könne, wenn man ein Konzept habe, wie man sich weiterentwickeln wolle. Als reine Wohnstadt mit Nahversorgung am Stadtrand? Mit seinem historischen Stadtkern? Mit besonderem Blick auf ältere Bürger?

Hamel, der zudem darauf setzt, dass die Politik selber aktiv Stadtentwicklung betreiben müsse, anstatt sich von einzelnen Investoren treiben zu lassen, greift damit Diskussionen auf, die es auch in weit größeren Kommunen wie Aachen oder Düren gibt. Die Kernfrage ist: Wofür steht die Kommune? Welches Image hat sie? Beispiel Düren: Will man sich als die Papierstadt etablieren, muss man das auch im Stadtbild deutlich machen.

Nideggen hingegen hat zwei andere Pfunde: engagierte Bürger in vielen Vereinen, die eine breite Palette von Angeboten offerieren und einen Altstadtkern samt Burg, der Touristen in Scharen anzieht. So konnte die Eifel-Kommune in den letzten Jahren allein um 20 Prozent bei den Übernachtungen zulegen. Die Tagestouristen sind da noch gar nicht gezählt. Bürger in Nideggens Stadtteilen dürfte das vermutlich allerdings nur am Rande interessieren. Ein Konzept zur Weiterentwicklung der Kommune würde eher den Stadtkern als seine Ortsteile betreffen.

Aber wie kann man die fehlende Infrastruktur in den Ortsteilen wieder wettmachen? Durch Engagement! Edith Esser, Ortsvorsteherin von Rath, ist ein gutes Beispiel dafür. Als sie 2009 erstmals angetreten ist, hat sie eine Bestandsaufnahme gemacht: keine Jugendarbeit, keine Angebote für Senioren, keine Begegnungsstätte, keine Kneipe. „Mann muss einfach nur Ideen haben“, sagt Edith Esser und hat 2011 bei Ebay einen Bauwagen ersteigert.

Mit vielen freiwilligen Helfern hat es Esser geschafft, den maroden Bauwagen so herzurichten, dass er heute auf dem Dorfplatz steht und jeweils einmal in der Woche einen Termin für Jugendliche und ein weiterer für Kinder angeboten werden kann – mit ehrenamtlicher Betreuung, die von einem Vater übernommen wird. „Natürlich haben wir auch immer wieder mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Aber ich bitte dann gezielt um Spenden und irgendwie klappt das auch immer.“

Die anfängliche Erkenntnis, dass es nicht mal einen Raum als Treffpunkt für Jugendliche in Rath gab, hat sich inzwischen zum Positiven gewandelt. Heute ist Edith Esser froh, dass es statt dem Raum einen mobilen Treffpunkt gibt: „Die Jugendlichen konnten den Bauwagen zum Beispiel auch nutzen, um im Karnevalszug mitzufahren.“ Natürlich ist bei dem Engagement auch Einsatz gefragt. Für Senioren organisiert die Ortsvorsteherin einmal im Jahr Tagesfahrten.

Zum Beispiel ein Ausflug an die Mosel mit Schifffahrt. Und statt das alleine zu organisieren, hat sich Edith Esser mit ihren Ortsvorsteherkollegen aus Nideggen und Brück zusammengetan. „Das klappt wunderbar und wird hervorragend angenommen“, erzählt sie – und weiß vor allem auch, mit welchen Tricks sie arbeiten muss: „Nach der ersten Fahrt habe ich beim nächsten Fest im Ort auf zwei Tafeln Bilder von der Fahrt gezeigt. So war sichergestellt, dass darüber gesprochen wurde und die Teilnehmer denen, die nicht dabei waren, von der Fahrt vorschwärmten.“

Vielleicht geht Edith Esser ihr Ehrenamt als Ortsvorsteherin aber einfach auch nur sehr unkompliziert an. „Wenn für eine Kirmes im Ort ein Festzelt aufgebaut wird, dann weiß ich, zu welcher Zeit dieses Zelt nicht genutzt wird und kann dann einen Seniorenkaffee veranstalten.“ Oder: Wenn es von der Stadt kein Geld mehr für St. Martins-Wecken gibt, streckt sie das Geld eben vor, bietet Kakao und Glühwein an, bittet um eine Spende und hat am Ende noch etwas Geld übrig, um das wieder in die Kinder- und Jugendarbeit zu investieren.

Natürlich kann die Rather Ortsvorsteherin nicht alle Probleme lösen. Sie zaubert keinen funktionierenden ÖPNV herbei und eröffnet auch keinen Lebensmittelladen im Ort. Aber: „Bei uns funktioniert die Nachbarschaftshilfe noch. Ich Frage oft auch gezielt Senioren, wie sie denn ihre Einkäufe erledigen. Und wenn jemand Unterstützung benötigt, weiß ich auch, wen man im Ort fragen kann.“

Ihre Meinung ist gefragt: www.duerener-meinung.de

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