Die Suche nach den Altlasten hat begonnen

Von: Burkhard Giesen
Letzte Aktualisierung:
5158901.jpg
Ralf Kreischer (links) und Jochen Ziegon zeigen am Beispiel der früheren Großwäscherei Hünerbein auf, mit welchen Problemen das Kreisumweltamt bei der Altlastensanierung zu kämpfen hat. Foto: Burkhard Giesen

Düren. Wenn bei Ford früher nach Beendigung der Schicht der mit Öl getränkte Blaumann ausgezogen wurde, dann landete er in der ehemaligen Großwäscherei Hünerbein am Mirweiler Weg. Was die Hausfrau mit ihren Reinigungsmitteln weißer als Weiß gewaschen hat, wurde bei Hünerbein mit Lösungsmitteln erreicht: der Blaumann strahlte wieder blau, frei von Öl.

Das blieb bis Mitte der 1990er Jahre so. Bis zur Insolvenz der Großwäscherei. 15 Jahre nach dem Abriss der Wäscherei-Hallen ist das Umweltamt des Kreises noch immer damit beschäftigt, die Hinterlassenschaften der Wäscherei aufzuräumen.

Mehr als 50 Projekte listet der neue Bodenschutzbericht des Umweltamtes auf, von der früheren Halde Beythal über die ehemalige Filmfabrik in Mariaweiler, die frühere Lendersdorfer Hütte, das ehemalige Gaswerk oder eben die Großwäscherei. „Die sah aus wie fluchtartig verlassen“, erinnert sich Ralf Kreischer, Leiter des Umweltamtes des Kreises. Es folgte die sachgerechte Entsorgung und der Abriss. Damit war das Problem aber nicht gelöst: Jochen Ziegon, Diplom-Geophysiker beim Umweltamt: „Lösungsmittel haben die Eigenschaft, durch winzige Betonrisse zu dringen. Sie sind schwerer als Wasser und konnten so auf dem Gelände am Mirweiler Weg bis zur Lehmschicht unter dem Grundwasser vordringen.“

Die Mitarbeiter des Umweltamtes haben das komplette Grundstück untersucht. „Wir haben es nahezu perforiert, um die Belastungen messen zu können“, erklärt Ziegon. Die Ergebnisse waren erschreckend: „Von August 2012 bis jetzt haben wird 500 Kilogramm Schadstoffe aus dem Boden herausholen können. Das ist mehr, als bei anderen Sanierungsprojekten in 50 Jahren zusammen kommen“, so Ziegon. Wie viel Schadstoffe noch im Boden stecken, weiß man nicht genau. Das können nur weitere kontinuierliche Untersuchungen zeigen.

„Dabei haben wir an dieser Stelle noch großes Glück, weil sich ein Großteil der Schadstoffe in einer Lehmwanne etwa acht Meter tief im Boden gesammelt hat“, erklärt Ziegon weiter. Einfach das Grundwasser abzupumpen hilft aber nicht. Mit dem Grundwasser werden die Lösungsmittel teils wie in einer Fahne fortgeschwemmt. Diese Schadstofffahne ist hier noch 700 Meter weiter messbar.

Den Schadensherd entfernen

Amtsleiter Ralf Kreischer: „In solchen Fällen muss zuerst der Schadensherd entfernt werden, man muss also die Quelle herausnehmen, bevor man anfängt, das belastete Grundwasser abzupumpen.“ Das kann noch bis zu zehn Jahre oder länger nötig sein, wie bei der ehemaligen Kettenfabrik an der Rurstraße. Hier waren über ein undichtes Tauchbad Schadstoffe in Boden und Grundwasser gelangt. Die Bodensanierung erfolgte dort im Jahr 2001, das Grundwasser wird bis heute abgepumpt und gereinigt. Bei der Grundwasserreinigung am Standort der Großwäscherei mussten spezielle Pumpen erst von einem Ingenieurbüro gefertigt werden, weil die Lösungsmittel sonst jede Dichtung zerfressen hätten.

Das Pensum der Mitarbeiter im Umweltamt ist gewaltig: 80 bis 100 dieser Fälle werden im Jahr bearbeitet, hinzu kommt die Erstbewertung von potenziell belasteten Flächen. Seit 2004, als die kreisweite Bodenbelastungskarte erstmals vorgelegt und etwas mehr als 7000 Flächen benannt wurden, konnte die Hälfte der Flächen bereits bewertet und bei Verdacht untersucht werden. Die bisherige Erfahrung: Bei rund einem Viertel dieser untersuchten Flächen wird man fündig und muss sich um die Schadstoffsanierung kümmern.

Und wer zahlt die Maßnahmen? In der Regel der Verursacher, wenn er denn noch existiert. Beim Beispiel Großwäscherei wird es sehr kompliziert. Die Inhaber waren insolvent. „Im Insolvenzverfahren steht die öffentliche Hand genauso da, wie andere Gläubiger“, betont Kreischer. Hinzu kam, dass auf dem Grundstück noch eine Grundschuld eingetragen war.

Weil die Nachfahren der Grundstückseigentümer das Erbe ausgeschlagen haben, ist das Grundstück dann an das Land Rheinland-Pfalz gefallen, weil die Erben dort lebten. „Wir wollen mit dem Land einen Vertrag abschließen, dass das Grundstück nach der Sanierung an den Kreis fällt“, so Kreischer. In anderen Fällen wird als Ausgleich ein Teil der Sanierungskosten als Grundschuld eingetragen. Dass Land und Kreis die Sanierungsmaßnahmen finanzieren müssen, ist aber nicht die Regel. Kreischer: „In 80 Prozent der Fälle gibt es noch einen Verursacher oder Eigentümer.“ Im Fall der Großwäscherei besteht eine Kooperation mit dem Altlastensanierungs- und Altlastenaufbereitungsverband NRW, der das Projekt fachlich begleitet und 80 Prozent der Kosten trägt.“

Mit dem Eigentümer muss sich der Kreis zwar auch schon mal per Rechtsanwalt über die Frage der Kosten unterhalten, aber, so Kreischer: „Auch wenn da viele Gespräche nötig sind, landen wir in der Regel nicht vor Gericht. Vielleicht auch, weil heute niemand ein Interesse daran hat, dass durch ein Gerichtsverfahren ein solcher Vorgang öffentlich wird. Um künftigen Altlasten vorzubeugen, geht das Umweltamt seit einiger Zeit auch verstärkt auf die derzeit produzierenden Betriebe zu. Kreischer: „Diese Gespräche sind bisher alle konstruktiv verlaufen. Da, wo wir im laufenden Betrieb Proben entnehmen wollten, gab es überhaupt keine Probleme.“

Ein Wandel im Vergleich zu früher? Ja und Nein. Ja, weil das Umweltbewusstsein auch in den Vorstandsetagen selbst gewachsen sei, wie es Ziegon formuliert. Nein, weil man es früher teilweise einfach nicht besser wusste. Der Geophysiker macht das noch einmal am Beispiel der Großwäscherei deutlich: „Die Anlagen standen ja damals auf Beton. Man wusste einfach nicht, dass die Lösungsmittel trotzdem durch den Beton ins Grundwasser sickern konnten. Nach heutigem Stand sind Auffangwannen aus Stahl gefordert.“

Hilfe der Bürger erwünscht

Wie auch Bürger die Arbeit des Umweltamtes unterstützen können, machen Kreischer und Ziegon an einem Beispiel deutlich. In 2012 haben die Mitarbeiter schwerpunktmäßig Standorte ehemaliger Tankstellen untersucht. In 2013 sollen es unter anderem ehemalige Flugplätze im Kreis Düren sein. „Wir suchen zum Beispiel noch nach dem genauen Standort des Flugplatzes zwischen Golzheim, Girbelsrath und Eschweiler über Feld“, so Ziegon, der sich über „Input seitens der Bevölkerung“ freut: „Wenn jemand noch weiß, wo sich früher eine alte Deponie befand, kann uns sowas immer weiter helfen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert