Die Straßenlaterne: Dürens unscheinbarste Kostbarkeit

Von: Burkhard Giesen
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Straßenlaterne in Düren von 1990
Auf dem Kaiserplatz wurde die von Peill & Putzler entwickelte Dürener Lampe erstmals im Oktober 1990 aufgestellt. Foto: Burkhard Giesen
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Auf dem Kaiserplatz wurde die von Peill & Putzler entwickelte Dürener Lampe erstmals im Oktober 1990 aufgestellt. Foto: Burkhard Giesen
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Harry Hambloch hat bei Peill & Putzler als Glasbläser gearbeitet. Die Dürener Glastradition setzt er bis heute fort. Foto: Burkhard Giesen
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Die Glashütte wurde 1903 von Leopold Peill gegründet. Einer der größten Rundöfen Europas in Hütte 3 ist erhalten geblieben. Foto: Burkhard Giesen

Düren. Sie ist unscheinbar und erfüllt ihren Zweck. Und manchmal ärgert man sich auch über sie – spätestens dann, wenn sie kaputt ist. Dann rückt der Dürener Service-Betrieb in der Innenstadt an, tauscht die LED-Lampe aus und die Straßenlaterne strahlt wieder wie selbstverständlich. Das tut sie seit genau 25 Jahren.

Im Jahr 1990 war es, als die Neugestaltung der Innenstadt in Angriff genommen wurde. Der Kaiserplatz wurde umgebaut, der Marktplatz umgestaltet, nach und nach folgten die Kölnstraße und die Wirtelstraße. Die Innenstadt sollte sich von ihrer besten Seite präsentieren, deshalb wollte man natürlich nicht die übliche, ausladende Straßenlampe neu installieren, sondern suchte nach einer anderen Option.

Und weil Düren damals nicht nur die Stadt des Papiers, sondern auch der Glasherstellung war, fand man die Lösung mit der Glashütte Peill & Putzler, die den Auftrag bekam, für die neue Innenstadt eine Straßenlaterne zu entwickeln – in genau der Form, in der sie heute noch verbaut wird. Kein Wunder also, dass die Straßenleuchte auch den Modellnamen „Düren“ erhalten hat und ausschließlich in Düren verbaut wurde.

„Generell waren die Lampen von Peill & Putzler in einer sehr geometrischen, klassischen Form gestaltet, die der Bauhaustradition folgt. Der legendäre Wilhelm Wagenfeld war in den 1950er-Jahren dort Chefdesigner. Das hat die Firma geprägt“, sagt Dr. Iris Nestler, früher Leiterin des Deutschen Glasmalereimuseums in Linnich.

Eine Sichtweise, die der Dürener Harry Hambloch, bei Peill & Putzler bis zum 2002 zuletzt als Technischer Leiter des Unternehmens beschäftigt, teilt. Hambloch: „Bei Peill & Putzler hatten sich nach dem Krieg nur die besten Glasmacher eingefunden. Glasmacher war ursprünglich ein Wanderberuf. Wer gut war, der kam nach Düren. Das war über viele Jahrzehnte so.“

Hambloch hat seine Lehre 1972 bei Peill & Putzler begonnen und bis zum Jahr 1993 als Bläser von Kristallglas gearbeitet. „Wir haben diese Lampen aus Kristallglas geformt. Die Dürener Lampe hat eine sehr anspruchsvolle Form, das konnte immer nur in einem Team von zwei bis drei Personen geleistet werden.

Zu diesem Team gehörten auch viele türkische Gastarbeiter, die sich gerade bei dieser Lampe sehr mit ihrer Arbeit für diese Stadt identifizieren konnten“, erinnert sich Hambloch. Eine Arbeit, die ihn heute noch stolz macht: „Wir haben diese Lampen mit dem Mund geblasen und mit der Kraft unseres Körpers geformt. Wenn ich heute durch Düren gehe, freue ich mich, ein Produkt zu sehen, an dem ich selbst mit gearbeitet und das ich mit geformt habe.“

„Vater“ der in Düren für Düren entworfenen Leuchte war Hans von Malotki, ein namhafter Lichtdesigner aus Köln, der Lichtplaner Hans von Malotki, der mit berühmten Architekten wie Mies van der Rohe zusammengearbeitet hat. Für von Malotki ging es dabei stets um die Wirkung des Lichts im Raum. So konzipierte er zum Beispiel die Lichtplanungen für die Nationalgalerie in Berlin, den wiederaufgebauten Deutschen Reichstag und die Preußische Staatsbibliothek – und eben die Dürener Innenstadt. Heiner Wingels, Leiter des Dürener Tiefbauamtes, erinnert sich: „Damals standen noch die alten Pilzleuchten auf dem Markt und dem Kaiserplatz.

Die Alternative waren ziemlich plumpe Zweckleuchten von AEG.“ Die waren allerdings unerwünscht. Wingels: „Düren ist nun mal die Stadt des Wiederaufbaus in den 1950er Jahren und wir wollten ein Sinnbild für diese 50er Jahre neu erfinden.“ Da kam der Vorschlag des Lichtplaners von Malotki, auf den auch die Illuminierung der Annakirche zurückgeht, gerade recht.

Wie problematisch die Produktion dieses besonderen Leuchtkörpers war, darüber weiß nicht nur heute noch Harry Hambloch zu berichten – das war schon 1990 in der Zeitung ein Thema. „Der Glaskörper ist so groß, dass wir an der Grenze des Machbaren liegen“, berichtete etwa damals ein Mitarbeiter der Konstruktionsabteilung von Peill & Putzler. Immerhin mussten Mitarbeiter wie Hambloch 13 Kilogramm Rohmasse mit ihrer Pfeife aufnehmen, um den Leuchtkörper dann in einer Gussform mit einer speziellen Beschichtung zu blasen. Hinzu kam, dass die Lampe noch aufwendig veredelt wurde: Per Sandstrahl wurde die Innenseite des Kristallglases bis auf drei Absätze mattiert.

Mit der Insolvenz von Peill & Putzler wurde es für die Stadt dann allerdings zunehmend problematisch, die Dürener Lampe zu verbauen. Heiner Wingels: „Die Rechte für den Lampenkörper gingen auf ein tschechoslowakisches Unternehmen über. Das Glas wurde immer dünner und hatte zum Schluss eher Sektglasqualität. Wenn da einer an dem Lampenmast wackelte, kam der gesamte Glaskörper runter. Das war natürlich gefährlich.“

Auf die Dürener Lampe wollte man bei der Stadt allerdings nicht verzichten und suchte nach einer neuen Lösung – und wurde bei der Firma Hellux in Laatzen fündig, die die Leuchten heute nach der ursprünglichen Form von Peill & Putzler in Acrylglas nach Bedarf produziert. 320 Dürener Leuchten gibt es derzeit in der Innenstadt – und es dürften bald noch mehr werden. Bei der Sanierung der Kölnstraße sollen sie berücksichtigt werden, und wenn im Rahmen des Masterplanes eine Umgestaltung des Bereiches bis zum Bahnhof in Angriff genommen wird, könnten auch hier bald die Dürener Leuchten erstrahlen.

Eine Frage bleibt allerdings noch offen: Strahlt überhaupt noch eine Originalleuchte aus Kristallglas in Düren? Das weiß man selbst bei der Stadt Düren nicht so genau und wird es vielleicht erst dann feststellen, wenn die inzwischen auf LED-Licht umgerüsteten Laternen kontrolliert werden müssen. Bei den Dürener Stadtwerken, die viele Jahre für den Erhalt der Straßenbeleuchtung zuständig war, liegt kein Original mehr vor und auch im Archiv des Stadtmuseums findet sich keine Dürener Leuchte.

Harry Hambloch, der die Lampe 1990 selbst mit produziert hat, hat heute übrigens immer noch mit Glas zu tun. Im Jahr 2002 wechselte er als Produktions- und Hüttenleiter nach Lettland, um dann im Jahr 2006 gemeinsam mit dem Diplom-Glasingenieur Gert Heider in Castrop-Rauxel ein eigenes Unternehmen zu gründen. Hambloch: „Unsere Absicht war, das Glaswissen und die deutschen Glastraditionen am Leben zu erhalten, indem das bestehende Know-how allen Firmen zur Verfügung steht, die Glas benötigen und die sich in Glasfragen von Experten beraten lassen wollen.“

Dazu hatten sich Hambloch und Heider die Markenrechte an einem Dürener Produkt gesichert – Peill & Putzler hatte 1990 eine Zweitmarke unter dem Namen „Duria Crystal“ etabliert, genau unter diesem Namen starteten Hambloch und Heider ihr Unternehmen in Castrop-Rauxel und produzieren für Kunden in ganz Europa nach deren Vorstellungen. „Wir wollen einfach die Glastradition in Deutschland erhalten“, drückt Hambloch das aus, was ihn seit vielen Jahren antreibt: die Liebe zum Glas.

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