Vossenack/Düren - Die Schlacht um die Preise haben sie aufgegeben

Die Schlacht um die Preise haben sie aufgegeben

Von: Stephan Johnen
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„Ich beteilige mich nicht an Preisschlachten“, sagt Karin Ronig, Händlerin aus Vossenack. Foto: Johnen

Vossenack/Düren. Was, bitteschön, ist „kleinflächiger inhabergeführter Einzelhandel“? Damit ist gemeint, was es früher an jeder Ecke gab: Die Buchhandlung von Herrn Schmitz, den Elektroladen von Familie Meier, das Damenoberbekleidungsgeschäft von Frau Müller. Doch das Bild der Städte wandelt sich – und die Zahl der Geschäfte, in denen der Besitzer noch hinter der Ladentheke steht, schrumpft.

1995 waren es nach Angaben des Handelsverbands Deutschland (HDE) 31,2 Prozent der Einzelhändler, 2010 14,1. Auf dem Vormarsch ist hingegen der Online-Handel. Im vergangenen Jahr wurden im Internet Waren für fast 30 Milliarden Euro umgesetzt – das entspricht sieben Prozent des gesamten Handelsumsatzes. Welche Auswirkungen hat dies? Ist die Konkurrenz übermächtig? Wir haben uns bei Händlern, die noch hinter der eigenen Ladentheke stehen, umgehört.

„Der Preis ist das alleinige Marketing-Instrument im Internet“, sagt Uwe Gunkel, Geschäftsführer des gleichnamigen Dürener Familienunternehmens für Elektrowaren. Auf den klassischen Handel habe dieser Prozess seit Jahren Auswirkungen: CDs, Computerspiele, Kameras: Bei vielen Warengruppen habe Gunkel aufgegeben, mit den Wettbewerbern aus dem Internet mithalten zu wollen. „Es gibt dort Angebote, die liegen unterhalb meines Einkaufspreises.“

Das Internet, sagt Gunkel, sei aber nur ein Aspekt, die Fachmärkte ein anderer. Der Einzelhändler mit einer einzelnen Filiale könne da nicht mithalten. „Ohne Mitgliedschaft in einer Einkaufsgenossenschaft wären wir am Markt nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagt Gunkel. Hinzukomme, dass – auch in Düren – die Einzelhandelsflächen wachsen, der Umsatz aber stagniere. Seit Jahren komme es zu Bereinigungen auf dem Markt. Die Verlierer dabei? Die Kleinen. „Viele werden große Probleme bekommen“, prognostiziert Gunkel.

Und dennoch gebe es Chancen, den demografischen Wandel beispielsweise. „Meine Großeltern haben im Alter nicht mehr konsumiert. Das wandelt sich, die 50- und 60-Jährigen sind heute äußerst technikaffin und zahlungskräftig. Diese Zielgruppe wird wichtiger.“ Ein weiterer Vorteil sei die Beratung: „Viele Kunden wissen deren Wert zu schätzen“, ist Gunkel überzeugt.

Den Kontakt zum Kunden und eine individuelle Beratung nennt auch Christel Scheepers, Inhaberin eines Dürener Bekleidungsgeschäftes, als Verkaufsargumente. Wichtig sei die Stammkundschaft. Immer wichtiger würden Aktionen. „Ohne die geht es nicht mehr.“ Drei Mal im Jahr wird reduziert. Mehr nicht. Von Abwanderungen zu Internet-Shops kann die Händlerin nichts berichten. Sie ist optimistisch, dass auch die Jüngeren den Wert der Angebote vor Ort rechtzeitig schätzen lernen.

Bücher stehen im Internet in den Verkaufslisten weit vorne. 62 Prozent aller Händler, die Bücher verkaufen, tun dies auch online. Ruth Klein nicht. Noch nicht. Vor fünf Jahren hat die 49-Jährige die Dürener Buchhandlung „Zander & Decker“ von ihren Eltern übernommen. Diese hatten neben der 1911 gegründeten Buchhandlung „Zander“ Ende der 60er Jahre „Decker“ gekauft – und zusammengelegt. „Die Mieten sind für alle ein Problem, hinter denen nicht eine Kette steht“, bilanziert Ruth Klein. Heute mehr denn gestern. Aber das sei ein anderes Thema.

„Ich habe mir angewohnt, die Entwicklung gelassen zu sehen“, sagt sie mit Blick auf den wachsenden Anteil des Online-Handels. Das Argument, im Internet sei die Auswahl größer, lässt sie nicht einfach im Raum stehen. „Bei über 500.000 Büchern auf dem Markt kann kein Händler alle vorrätig haben. Aber wir bestellen sie gerne“, sagt sie. Der „analoge“ Buchhandel sei dabei nicht langsamer. „Wer bis 17 Uhr im Laden ordert, kann das Buch in der Regel am nächsten Morgen abholen“, sagt sie. Etwa die Hälfte der Bücher, die sie verkauft, werden bestellt – persönlich, telefonisch oder per E-Mail. Doch auch bei „Zander & Decker“ bleibt die Zeit nicht stehen. „Wir informieren uns gerade, wie wir einen Vertriebsweg für E-Books aufbauen können“, sagt Ruth Klein.

Handel ist Wandel, weiß Karin Ronig aus eigener Erfahrung. 1997 hat sich die heute 47-Jährige mit einem Buch-, Geschenke- und Spielwarenladen in Vossenack selbstständig gemacht. Das Sortiment hat sie seitdem schon mehrfach auf den Kopf gestellt. Auch wegen der Konkurrenz aus dem Netz. „Ich gehe auf viele Messen und besuche Fortbildungen“, sagt sie. In der Masse der Neuerscheinungen möchte sie beispielsweise bei Gesellschaftsspielen unentdeckte Schätze bergen – und damit bei Kunden punkten. „Ich verkaufe nur Sachen, hinter denen ich auch stehe“, sagt sie. Die Preisschlachten im Internet könne sie nie gewinnen, deswegen beteiligt sie sich nicht daran. „Wer den Handel vor Ort erhalten will, muss auch bereit sein, einmal einen Euro mehr zu zahlen“, sagt sie. „Zumal lange nicht immer alles im Internet günstiger ist.“ Auch die eigene Rolle als Händlerin sieht sie kritisch: „Jammern bringt nichts. Wir müssen in Bewegung bleiben, um eine Antwort auf das Internet zu haben.“

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