Kreis Düren - Die Rur soll von der Wasserautobahn zum Öko-Fluss werden

Die Rur soll von der Wasserautobahn zum Öko-Fluss werden

Von: Burkhard Giesen
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Das Wehr bei Lendersdorf soll in 2019 eine Fischaufstiegsmöglichkeit erhalten, vorrangig für Eschen und Barben, später auch für Lachse. 40 dieser sogenannten Querbauwerke gibt es noch in der Rur, die von Fischen noch nicht überwunden werden können. Foto: Burkhard Giesen
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Die Rur bei Körrenzig: Vom engen Korsett befreit, sucht das Wasser sich seinen Weg. Foto: WVER

Kreis Düren. Es gab Zeiten, da wurden Flüsse in ein enges Korsett gepresst. Der deutsche Fluss fließt möglichst gerade, verursacht kein Hochwasser. Vor genau 25 Jahren, als der Wasserverband Eifel-Rur (WVER) aus der Taufe gehoben wurde, waren diese Zeiten gerade erst vorbei.

Das, was zuvor begradigt, reguliert und notfalls einbetoniert worden war, sollte wieder renaturiert werden – eine der vielen Aufgaben, die der Verband seit 25 Jahren verfolgt, ohne ein Ende der Aufgaben absehen zu können.

WVER-Vorstand Dr.-Ing. Joachim Reichert hat für den Regulierungsdrang ein passendes Beispiel: die Wurm – im Oberlauf wie die Rur auch von einem industriellen Umfeld geprägt, im Unterlauf eher landwirtschaftlich strukturiert. „Kohleabschwemmungen haben den natürlichen Flusslauf verändert, das hat die Hochwassersituation verschärft“, erklärt Reichert. Deshalb wurde in den 1920er Jahren der Fluss begradigt. „In den 1970er Jahren wurde die Wurm dann in eine Gewässerautobahn verwandelt“, ergänzt er.

Tagebaue, Siedlungsgebiete, Straßenbau, neue Gewerbegebiete, zusätzliche landwirtschaftliche Flächen – listet Diplom-Ingenieur Franz-Josef Hoffmann vom Fachdezernat Gewässer beim WVER auf – brauchten Raum und waren der positive Nebeneffekt nicht mäandernder Gewässer. Dass der Weg der Regulierung der falsche war, diese Erkenntnis setzte sich erst in den 1990er Jahren durch. „Die zunehmende Flächenversiegelung führte zu mehr Wasseranfall“, sagt Reichert rückblickend.

Zwar wurden auch schon in den 1980er Jahren erstmals ökologische Erkenntnisse bei der Planung der Wasserwirtschaft eingebracht, aber erst die Rhein-Hochwasser Mitte der 1990er Jahre insbesondere in Köln sorgten für ein radikales Umdenken. „Hier wurde sichtbar, dass die Strategie der Flussbegradigung dazu führte, dass sich Hochwasser summieren“, erklärt Marcus Seiler vom WVER. Und während an der Wurm noch die letzten Regulierungsarbeiten umgesetzt wurden, begann der WVER zeitgleich noch vor den heute gültigen Wasserrichtlinien „dem Fluss den ihm geraubten Raum zurückzugeben“, wie es Franz-Josef Hoffmann formuliert.

Kein leichtes Unterfangen. „Wir müssen den Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen herstellen, Industrie, Tourismus und Landwirtschaft gleichermaßen berücksichtigen“, sagt WVER-Vorstand Joachim Reichert. So wie insbesondere die Papierindustrie im Düren-Jülicher Raum auf die Wasserversorgung angewiesen ist, pocht die Landwirtschaft in Zeiten knapper werdender Flächen auf ihre Nutzflächen.

Umsetzung bis 2027

Heute stellt das eines der größten Hindernisse für weitere Renaturierungsmaßnahmen dar. Franz-Josef Hoffmann: „Wir haben alle entsprechenden Maßnahmen bisher einvernehmlich umgesetzt.“ Das bedeutet aber auch: „Wir bekommen immer weniger Flächen. Viele Planungen liegen in der Schublade, weil wir sie nicht umsetzen können“, sagt Joachim Reichert. Dann folgt quasi Plan B.

Franz-Josef Hoffmann erklärt das so: „Wir haben alle Gewässer überplant und entsprechende Maßnahmen definiert. Man muss aber nicht alle Gewässer von der Quelle bis zur Mündung umbauen, sondern schaut dann, wie weit einzelne Maßnahmen ausstrahlen, um einen ökologisch guten Zustand zu erreichen.“ Aber was ist ein ökologisch guter Zustand? Reichert: „Das Land fordert einen Zustand der Gewässer wie vor dem Jahr 1850.“ Die entsprechende Richtlinie soll bis zum Jahr 2027 umgesetzt werden. „Die Umsetzungsgeschwindigkeit nimmt ab. Wir werden das gesteckte Ziel nicht einhalten können“, prophezeit Reichert schon jetzt und stellt die Frage, ob das ehrgeizige Ziel wirklich in allen Fällen kompatibel mit den Anforderungen der unterschiedlichsten Interessen ist. „Soll die Rur Zielgewässer für den Lachs sein? Macht das Sinn?“, wirft er nur einen Aspekt auf – immerhin hat die Rur immer noch 40 Querbauwerke, die geschliffen oder durchgängig gestaltet werden müssten – beispielsweise das Wehr bei Lendersdorf, das in 2019 eine Fischtreppe erhalten soll.

Wie schwer es inzwischen ist, diese Planungen zu realisieren, zeigte schon das Beispiel des Rurwehrs bei Linnich, das der WVER beseitigen wollte – bis es unter Denkmalschutz gestellt wurde. Welches Interesse ist nun höher zu bewerten? Die Wasserrahmenrichtlinie? Der Denkmalschutz? Unproblematischer sind die kleinen Maßnahmen, die der WVER umsetzt – die Aufweichung von Uferböschungen oder das Einbringen von Totholz im Fluss. Das, erklärt Seiler, sorgt für „Ruhebereiche, in denen Fische Unterschlupf finden können. Das Holz ist zudem Lebensraum für Kleinlebewesen.

Auf dem Holz kann sich ein Algen- und Bakterienfilm bilden, der etwa kleinen Schnecken als Nahrung dient. Aber auch einige Eintagsfliegenlarven-Arten leben davon. Die stellen wiederum ein Nahrungsangebot für Fische dar.“ Ein sehr einfacher Weg, um die Artenvielfalt zu erhöhen. Seiler: „Wir mussten da allerdings auch viel Aufklärungsarbeit leisten, weil für viele Bürger die Rur deswegen ‚schmutzig‘ wirkte.“ Die Zeiten sind vorbei. Der Handlungsbedarf für den WVER hat sich nicht reduziert. Joachim Reichert: „Wir brauchen ein unermüdliches Durchhaltevermögen.“ Mindestens für die nächsten 25 Jahre.

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