Die Rinderzüchterin: Zum Feierabend gibt‘s Sabber auf die Bluse

Von: Carsten Rose
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Ein „Küsschen“ von Arielle ist für Sara Nieveler alltäglich und mit das Schönste, was sie nach Feierabend erwartet. In Merken züchtet sie die in Deutschland seltenen Pinzgauer Rinder. Eine Bluse wie auf dem Bild gehört zu ihrem Arbeitsoutfit.

Merken. Mist an den Schuhabsätzen, Sabber an der Bluse und ein „Küsschen“ auf die Wange mit einer Zunge, die viel größer und länger ist als die eigene. Für Sara Nieveler ist das, was auf manch andere Frau wenig anziehend wirkt, genau das Richtige nach einem langen Arbeitstag. Die 35-jährige Autoverkäuferin tauscht jeden Abend vier Reifen gegen vier Beine, die Leder-Vollausstattung gegen kastanienbraunes Fell.

Ihre Leidenschaft kommt aus dem österreichischen Pinzgau: Es sind sechs Rinder namens Zwiesel, Zoe, Zimtstern, Helene, Arielle und Airline. Sie züchtet diese in Deutschland seltene Rasse seit 2012. Ohne finanzielle Hintergedanken. Sie verkauft die Tiere nicht, sie will sich die Freiheit nehmen, sie natürlich aufwachsen zu sehen. Wenn auch ohne ihre Väter aus dem Nachbarland, Kanada oder Italien.

Kein Klischee

Frau und Autos hauptberuflich, Frau und Tierzucht nach dem Job – ein Klischee trifft auf Sara Nieveler nicht zu. Sie kommt auch nicht aus einer landwirtschaftlichen Familie, sie hat sich alles über die Rinderzucht selbst beigebracht. Ihr Interesse speziell am Pinzgauer Rind begann vor gut acht Jahren, als sie das „schöne Tier“ auf einer Wiese in Stolberg gesehen hat. Und heute: „Ich habe mir meinen Traum erfüllt, ich kann nicht mehr ohne die Tiere.“

Als „Öko-Tante“ abgestempelt zu werden, davon hält sie nichts. „Ich bin eine Frau aus dem Leben, die die Landwirtschaft und die Kühe liebt.“ Sie ist so, wie sie eben ist, betont sie. Sie trägt bei der Stallarbeit weder Stiefel noch erkennbare und „bauerntypische“ Arbeitskleidung. Bluse und Jeans reichen, wie im Beruf eben auch.

Sechs Pinzgauer stehen auf 60 Quadratmetern in einem Stall in Merken auf dem Gelände von Horst Berg. Gefunden hat sie den Hof über ein Zeitungsinserat, als sie ausreichend Platz für ihre Liebe mit zwei Hörnern gesucht hatte. Im Einzugsgebiet des Fleischrinder Herdbuchs Bonn in NRW, Rheinland-Pfalz und dem Saarland waren 2014 elf Zuchtbetriebe registriert mit 39 Kühen und vier Deckbullen. Was die Rasse für Nieveler so besonders macht, sind die guten „Mutterkuh-Eigenschaften“.

„Pinzgauer haben einen guten Charakter. Und schöne Augen“, sagt sie. Apropos Augen: Sara Nieveler verfüttert viele Möhren, aber nicht für die Sehstärke, sondern für die Fruchtbarkeit. Neben Heu als Grundnahrungsmittel steht auch einfaches, weißes Toastbrot bei den Tieren ganz hoch im Kurs.

Der Anfang der Tierzucht, sagt Nieveler, sei nicht leicht gewesen. Aus der eigenen Familie gab es Widerstand, im Freundeskreis ist sie auf große Verwunderung gestoßen. „,Jetzt ist die Sara echt bekloppt geworden‘, haben alle gesagt, als ich mit der Zucht angefangen habe“, erzählt sie. Anders als die kritischen und süffisanten Bemerkungen aus dem Umkreis haben ihr die strikten Verordnungen der Tierhaltung und -zucht zunächst echte Sorgen bereitet, besonders die Seuchenbestimmungen. Jetzt, da diese Hürde längt genommen ist, und es keine Sara Nieveler mehr ohne Kühe gibt, ist auch das Interesse der Freunde da. „Viele fragen mich jetzt auf einmal: ,Und? Wie geht‘s denn der Helene?“, erzählt Sara Nieveler. Bei der Namensgebung ist zu erwähnen, dass bei Kälbern der Anfangsbuchstabe des Namens vor dem Eintrag ins Fleischrinder-Herdbuch festgelegt ist. Bei der „kleinen runden“ Helene – benannt nach der Sängerin – war das Z vorgegeben. „Daher heißt sie eigentlich Zauberhafte Helene.“

Mit Arielle, einer ausgewachsenen Kuh, geht Nieveler regelmäßig auf Tierschauen und heimst dort immer wieder gute Bewertungen ein. Richtige Auszeichnungen gebe es aufgrund der kleinen Konkurrenz nicht und daher auch keine Preisgelder. Sollte es die doch geben, wären sie für Nieveler nicht die Motivation, so viel Zeit und Leidenschaft in die Zucht zu stecken. „Ich möchte einfach nur große und vor allem gesunde Tiere haben mit guten Genen“, sagt sie. Diese Gene, also den richtigen Vater für künftige Kälber zu finden, sei mit das Schwierigste. Einen Bullen sucht man in der überschaubaren Herde vergebens. Sara Nieveler bestellt nur Sperma von ausgewählten Bullen. Das kommt „abgezapft“ in Stickstoffbehältern per Post nach Merken. Die Befruchtung erfolgt mit der Hand; je nach Armlänge dauert es fünf bis acht Minuten, sagt sie. Eine Spermaration kostet etwa 150 Euro, eine „gute Kuh“ – darauf legt sie Wert – würde sie rund 1200 Euro kosten. Aufgerechnet auf ein Jahr, sagt sie, seien alle Kosten geringer als die Haltung eines Pferdes.

Unter der Woche waren gleich zwei Kühe stierig, also paarungswillig. Schnell machten zwei Namen die kleine Runde: Napoleon und Rolando, zwei Bullen aus Österreich waren gefragt. So läuft das ab, wenn Sara Nieveler Zuwachs im Stall haben möchte. 15 Kühe will sie mittelfristig halten, „am liebsten aber 100“ – das wäre ihr Traum. Träumen können Kühe übrigens auch, verrät die Züchterin. Und zwar, wenn man sie an der Wamme – dem Felllappen vor dem Brustbein – massiert. Das scheint jeden Tag genau das Richtige für die Tiere zu sein, wenn Sara Nieveler aus dem Autohaus kommt.

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