„Die Politik tut zu wenig für die Hebammen”

Von: Alexander Barth
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Tanja Grau in ihrer Hebammmenp
Tanja Grau in ihrer Hebammmenpraxis. „Es wird immer schwieriger”,sagt die 35-Jährige. Foto: Barth

Düren. Das rollende „R” verrät ihre Herkunft wohl nur Eingeweihten. Tanja Grau hat den Zungenschlag des Siegerlands. Vor fünf Jahren kam sie nach Düren, um als Hebamme zu arbeiten. Zum Ende des Jahres stehen die Zeichen wieder auf Abschied.

Mit ziemlicher Sicherheit kehrt die 35-Jährige der Region bald wieder den Rücken. Zwar sei der Ortswechsel aus familiären Gründen geplant, sagt sie. Aber auch den Job wird sie wohl in ihrer Wahlheimat zurücklassen. Weil es als selbstständige Hebamme immer schwieriger werde zu überleben. „Noch mal woanders von vorne anfangen? Das werde ich mir nicht antun”, sagt sie. „Wenn es richtig gut laufen würde, fiele es mir auch sicher schwer, Düren zu verlassen. Aber so?”

Tanja Grau gehört einem Berufsstand an, der sich aktuell heftigem Seitenwind von Politik und Gesundheitswesen ausgesetzt sieht. Seit dem 1. Juli erhöhen sich die Prämien, die freiberuflich arbeitende Hebammen für ihre Haftpflicht zahlen müssen, schrittweise von 3689 Euro auf schließlich 4242 Euro. Das entspricht einer Steigerung von 15 Prozent, während das Einkommen nahezu gleichbleibt - nämlich niedrig, wie auch Tanja Grau betont.

Die kurzfristig beschlossene Anhebung hält sie für Augenwischerei: „230 Euro berechnen wir für die Begleitung einer Geburt. Demnächst werden es 243 Euro sein. Aber mal ehrlich, das steht doch in keinem Verhältnis.”

Mit zwei Kolleginnen hat sie sich in einer Gemeinschaftspraxis organisiert. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich über Düren und Aldenhoven. Außerdem arbeitet sie wie ihre Kolleginnen als sogenannte Beleghebamme im Dürener Krankenhaus. Das bedeutet, dass sie dort im Schicht- oder Wochenenddienst in Kreißsälen oder Wochenstationen im Einsatz ist - ausgestattet mit einem Belegvertrag.

„Ohne diese festen Einnahmen hätten wir vielleicht schon längst die Segel streichen müssen”, sagt Tanja Grau. Außerhalb der Krankenhäuser tue sich ohnehin nicht viel. „Es wird immer schwieriger.” Die Zahl der Hausgeburten sei mit zwei Prozent verschwindend gering. „Da liegt Düren noch mal unter dem Bundesschnitt”, weiß sie.

Rund 80 jungen Erdenbürgern hilft das selbstständige Ammen-Trio im Jahresdurchschnitt auf die Welt. Aber der Job beschränkt sich nicht auf die Geburt selbst: Vorgespräche, Betreuung, Gymnastikkurse, Erste-Hilfe-Anleitung bei Neugeborenen und Nachsorge. Schnell wird die Hebamme zur Psychologin, zur Vertrauensperson, sogar zur Lebensplanerin für junge Mütter. „Das kann man alles nicht berechnen, und das will ich auch gar nicht”, sagt Tanja Grau. „Aber bei so einem niedrigen Verdienst leidet irgendwann auch die Passion für den Job. Und die allein zahlt nun mal die Miete nicht.”

Ein fester Job als Hebamme in einem Krankenhaus sei schon „eine sichere Nummer”. Wenn man aber bedenke, dass die Personaldecke dort dünn gewebt sei, stelle sich Tanja Grau die Frage, ob dies der richtige Weg ist.

Den gewählten Vertretern attestiert die Wahl-Dürenerin Kurzsichtigkeit. „Die Politik tut zu wenig für die Hebammen”, sagt sie. Man wolle immer mehr Leistungen, sei aber nicht bereit, den Aufwand und die Belastungen zu honorieren.

Den Plänen der Politik, nach denen die Hebammen-Ausbildung demnächst als Studienfach an die Universitäten verlegt werden soll, steht sie skeptisch gegenüber. So richtig wettern will sie nicht gegen die geplanten Regelungen, die wohl der Aufwertung ihres Berufs dienen. „Ich finde, ein Handwerk muss man praktisch erlernen, so einfach ist das”, sagt sie und blickt auf ihre Hände.

Sie selbst hat die dreijährige Ausbildung absolviert und ist froh, dass sie während dieser Zeit viel Erfahrung sammeln konnte. „Die Studierenden hingegen sind auf das Wohlwollen der Hebammen angewiesen, denn sie müssen sich ihre Einsatzorte während des Studiums selbst suchen.” Wertschätzung durch zentrale Planung der Ausbildung sehe anders aus.

Was die Zukunft ihres Berufsstandes angeht, zeichnet Tanja Grau ein eher düsteres Bild. „Durch Kontakt mit Kolleginnen weiß ich, dass es überall im Land so aussieht wie hier.” Ihre eigene Zukunft sieht sie anderswo. „Pharmaindustrie”, so das knappe Stichwort. Tanja Grau ist studierte Biologin. Da gehe zwar die menschliche Komponente verloren, „aber ich werde jetzt auf Sicherheit setzen”.

Die Forderung des Hebammenverbandes, wonach die Regierung in die Ausgestaltung der Haftpflichtprämien eingreifen solle, wurde zuletzt abgewunken. Tanja Grau schüttelt darüber den Kopf. „Einerseits will man höhere Standards, mehr Versorgung, mehr Leistungen.

Andererseits nimmt man uns die Atemluft. Da stimmt doch was nicht.” Wieder ist es nicht laute Empörung, die aus ihren Worten klingt. Eher Nüchternheit, und ein wenig Resignation schimmern durch. Das seien eben die Zeichen der Zeit. Und die sehen nicht besonders gut aus.
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