Die Phantombilder und der Mann, der sie zeichnet

Von: Isabelle Hennes
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Der „Runde” malt die „Eckig
Der „Runde” malt die „Eckigen”: Joachim Holz zeichnet Phantombilder. Foto: Isabelle Hennes

Düren/Düsseldorf. Bei ihm trifft sich die Welt; egal, ob Akademiker, Reinigungskraft, Verwaltungsangestellte oder Kassierer: Joachim Holz kennt sie alle. Er ist Kriminalhauptkommissar des Landeskriminalamtes in Düsseldorf und einer von vier Phantombilderstellern, die es in NRW gibt.

Mithilfe eines Phantombildes wurde Ende Juli ein 19-jähriger Dürener von der Polizei gefasst, der auf der Ursulinenstraße eine 31-jährige Frau mit einem Messer niedergestochen hatte. Kurz darauf hatte die Staatsanwaltschaft ein Phantombild des Täters veröffentlicht - noch am selben Tag ging der entscheidende Hinweis bei der Polizei ein.

Phantombildersteller, das ist kein Job, um den man sich bewirbt und eine Ausbildung absolviert. Es gibt daher auch keine korrekte Berufsbezeichnung. Lediglich die Dienststelle nennt sich „Visuelle Fahndungshilfe”. Holz und seine drei Kollegen haben sich im Laufe ihrer Arbeit als Kommissare darauf spezialisiert, in Zusammenarbeit mit Zeugen Phantombilder zu erstellen. „Es ist ein training on the job”, - eine Schulung direkt am Arbeitsplatz. Es werden Fälle simuliert, Gesprächssituationen nachgestellt.

Bevor er alleine mit einem Zeugen das erste Phantombild erstellt, begleitet er einen erfahrenen Kollegen und schaut ihm bei der Arbeit über die Schulter. Selber mitbringen müsse man für den Job ein psychologisches Grundverständnis und ein Gefühl für Formen und Proportionen. Natürlich sei es von Vorteil, Kenntnisse vom Adobe Photoshop zu haben, aber das sei nicht das Wichtigste. „Die Technik ist zweitrangig. Das Gespräch mit dem Zeugen ist das Wichtigste.”

Holz ist jetzt seit 18 Jahren Phantombildersteller, in Düsseldorf hat er sein Büro. Bei Anruf - Phantombild? Ja, so ähnlich sehe das in der Praxis aus. Es müssen allerdings bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, bevor Holz und sein Team anrücken. „Es muss eine Straftat von erheblicher Bedeutung vorliegen, beispielsweise ein Sexualdelikt oder ein Kapitalverbrechen”, sagt Holz.

Außerdem müsse vor dem Einsatz geklärt werden, wie es um die Qualität des Zeugen steht. Er sollte das Gesicht des Täters oder der Täterin zumindest für einen kurzen Moment von vorne gesehen haben. Und vor allem: der Zeuge muss sich selbst in der Lage sehen, bei der Erstellung des Phantombildes mitzuarbeiten, denn der Zeuge kann auch gleichzeitig das Opfer sein. Dementsprechend sensibel muss Holz mit ihm umgehen. „Ein siebenjähriger Junge wird die Situation als Zeuge vielleicht wie ein spannendes Computerspiel empfinden, während ein Opfer eines Sexualverbrechens die Beschreibung des Täters als Qual empfindet.”

Die schwierige Rolle des Zeugen

Holz selbst sieht seinen Job als Arbeit am und mit Menschen. „Man muss ein Gefühl für den Menschen entwickeln”, sagt er, fähig sein, mit Gedanken und Emotionen anderer umzugehen und sie zu erkennen. Dem Zeugen fällt bei der ein- bis zweistündigen Erstellung des Bildes eine schwierige Rolle zu: Er muss seine Erinnerungen in Worte kleiden. Um ihn dabei zu unterstützen, wird ihm kein weißes Blatt Papier vorgelegt, sondern vorgefertigte Gesichter mit unterschiedlichen Augen, Haaren, Kopfformen.

Der Zeuge braucht nicht aktiv zu beschreiben; er kann sich an den Vorgaben orientieren und sich leiten lassen. Er muss den Kreis nur durch Angabe von Alter, Geschlecht und Ethnie eingrenzen. „Wenn der Zeuge zu uns kommt, steht er unter einem hohen Druck, den wir ihm nehmen müssen”, sagt Holz. Im ersten Schritt der Erstellung entscheidet sich der Zeuge meist für drei bis vier Kopfformen bzw. Gesichter. Im zweiten Schritt werden Details verändert, zum Beispiel wird mehr Schatten eingebaut, um die Wangenknochen hervorzuheben.

Dabei spielt das Ausschlussprinzip eine Rolle. „Manchmal ist es wichtiger zu wissen, wie derjenige nicht ausgesehen hat”, sagt Holz. Wenn er das Phantombild beispielsweise durch eine andere Nase verändert, empfiehlt er dem Zeugen, sich nicht direkt auf die Veränderung selbst zu konzentrieren, sondern auf die Augen des Phantombildes zu achten. So könne die Veränderung viel besser wahrgenommen werden.

Der Technik, mit der die Beamten arbeiten, sind dabei keine Grenzen gesetzt: von schiefen Zähnen über Lippenpiercings bis hin zu Perücken ist alles möglich. Manchmal werde sogar an zwei Bildern parallel gearbeitet, bis der Zeuge eins von beiden ausschließen kann. Die Arbeit erfolge immer nach dem Prinzip Erfolg und Irrtum. Wann das Phantombild fertig ist, und ob es überhaupt zu einem Ergebnis kommt, bestimme alleine der Zeuge.

„Der schlimmste Fall wäre, wenn ein Zeuge, um den Erwartungen gerecht zu werden, ein falsches Bild beschreibt, und wir damit an die Öffentlichkeit gingen”, sagt Holz. Bei der Beschreibung des Täters komme es darauf an, Annährungswerte zu suchen und das Unterbewusste zuzulassen. Es gehe weniger darum, detailgenaue Übereinstimmungen zu finden. „Ganz häufig höre ich während der Beschreibung: ,Genau so, nur anders”, sagt Holz. Vor allem Akademiker stünden sich dabei manchmal selbst im Weg, weil sie an sich selbst die Erwartung stellen, 100-prozentig richtig liegen zu müssen.

„Da ist Baucharbeit gefordert, keine Kopfarbeit”, sagt Holz. Die besten Zeugen seien Kinder und ältere Menschen: Kinder nehmen oft Auffälligkeiten wahr, ältere Menschen bringen es auf den Punkt. Zeigt ein Zeuge während der Beschreibung Unsicherheit, werde die Erstellung abgebrochen. Ein Phantombild ist wie eine DNA-Analyse ein Mosaikstück der Ermittlungen.

Es muss sich jemand melden

Die Erfolgsquote liegt bei 27,5 Prozent. Derjenige, der sich in Düren mit einem Hinweis auf den Täter bei der Polizei gemeldet hat, muss das Phantombild gesehen haben. „Wäre er beispielsweise in Urlaub gewesen, hätten wir Pech gehabt”, sagt Holz. Es gehöre immer Glück dazu, ob sich ein Zeuge nach der Veröffentlichung des Phantombildes meldet. Wichtiger eigentlich noch als das Sehen des Bildes sei, dass der Zeuge darauf reagiert. „Vielleicht denkt er: Das ist ja mein Nachbar. Nein, der macht doch so etwas nicht”, sagt Holz.

Es gebe nicht selten Fälle, bei denen sich der Täter aufgrund des eigenen Phantombildes bei der Polizei gestellt hat. „Die Ähnlichkeit muss dann so groß gewesen sein, dass er den Eindruck hatte, ihn müssten alle erkennen”, sagt Holz. Einer seiner Fälle ist ihm ganz besonders in Erinnerung geblieben. Als er auf dem Weg zu einer Dienststelle war, um ein Bild mit einer Zeugin zu erstellen, kam er dort an und die Zeugin sagte, er sehe genau so aus wie der Täter.

„Das war ja nicht schlimm, denn ich hatte ein Alibi für den Zeitpunkt der Tat”, sagt Holz und schmunzelt. So sei das eben in seinem Job.
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