Die LVR-Genesungsbegleiter: Wissen, wie es ist, Patient zu sein

Von: Stephan Johnen
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Auf Augenhöhe: Genesungsbegleiter haben oft einen anderen Zugang zu Patienten. Foto: imago/Westend61
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Die Genesungsbegleiter Jasmin Hamacher (r.) und Thomas Hannen arbeiten eng mit Dr. Ulrike Beginn-Göbel und den Ärzten der Klinik zusammen. Foto: sj

Düren. Plötzlich waren sie da, über Nacht. Stimmen im Kopf, wie laute Gedanken. Thomas Hannen war damals 26 Jahre alt, steckte mitten im Studium. Mit den Stimmen kam die Schlaflosigkeit, später Halluzinationen. Er sah und hörte Dinge, die nur er sehen und hören konnte. „Ich bin nicht mehr zu den Vorlesungen gegangen, habe mich zurückgezogen“, sagt der heute 51-Jährige. Als er spürte, wie sich Verfolgungswahn breitmachte, zog er die Reißleine.

„Das passt mir überhaupt nicht“, dachte sich der angehende Chemieingenieur. Er suchte und fand psychiatrische Hilfe.

Kein leichter Schritt, weiß Thomas Hannen. „Es ist beschämend, darüber zu reden, wie es ist, ‚verrückt‘ zu sein“, sagt er. Ebenso schwierig sei es für viele Menschen, Hilfe anzunehmen. Heute weiß er, dass er an einer Psychose erkrankt ist. Er weiß auch, dass es Hilfe gibt, dass er seitdem sein Leben wieder ohne Ängste leben kann. Hannen meisterte sein Studium, arbeitete viele Jahre in der Industrie, engagierte sich nebenbei in Selbsthilfegruppen.

Weil er mit seinem Wissen, das nicht dem Lehrbuch, sondern der eigenen Erfahrung entspringt, andere Menschen auf diesem Weg des Umgangs mit einer Erkrankung begleiten wollte, ließ er sich zum Genesungsbegleiter ausbilden (siehe Infokasten). Mit Jasmin Hamacher (57) arbeitet er seit dem vergangenen Jahr im Rahmen eines Pilotprojekts an der Dürener LVR-Klinik. Beide Genesungsbegleiter haben keine klassische pflegerische oder therapeutische Ausbildung, sie bilden mit dem Fachpersonal aber ein Team auf Augenhöhe. Sie stehen für die Patienten in Reha-Einrichtungen, Wohngruppen und auf den Stationen als Gesprächspartner zur Verfügung, begleiten Patienten bei Arztterminen und treten beizeiten auch als Fürsprecher und Mittler auf.

Dr. Ulrike Beginn-Göbel, Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik, bezeichnet Genesungsbegleiter als „Psychiatrieerfahrene“. Sie wissen aus eigener Anschauung, wie es sich anfühlt, erkrankt zu sein. Sie wissen, wie es sich anfühlt, Patient zu sein. Sie wissen, wie eine erfolgreiche Therapie aussieht und was diese Stabilität für das Leben bedeutet. Kurzum: Sie sind Experten aus Erfahrung.

Glaubwürdigkeit

„Die Glaubwürdigkeit ist eine ganz andere, Genesungsbegleiter haben oft einen sehr persönlichen Zugang zu den Patienten“, weiß Ulrike Beginn-Göbel. Zu den Aufgaben der Genesungsbegleiter gehört es beispielsweise, den betroffenen Menschen mit Verständnis, Mitgefühl und Empathie zu begegnen und ihnen für den Umgang mit den Problemen den nötigen Raum und die nötige Zeit zu lassen. Sie sind gute Zuhörer, die selbst etwas zu erzählen haben.

„Wenn ich mit jemandem über Depressionen rede, weiß ich, worüber ich rede“, sagt Jasmin Hamacher. Nach außen gab die 57-Jährige jahrelang die Powerfrau, hinter der Fassade herrschten Freudlosigkeit und Schwerfälligkeit. Irgendwann brach die Fassade zusammen, erzählt sie. „Ich wusste immer, dass etwas nicht stimmt“, sagt Jasmin Hamacher. Aber sie wollte diese Entwicklung nicht wahrhaben, verdrängte diese Gedanken. Bis zu einem Zusammenbruch. „Ich habe mich selbst eingewiesen“, blickt sie zurück. Es war der Beginn einer erfolgreichen Therapie, ihre letzte stationäre Behandlung liegt sechs Jahre zurück. „Heute weiß ich, wie ich mit der Erkrankung umgehen, damit leben kann.“

Genesungsbegleiter sind daher auch gute Vorbilder. Sie zeigen, dass es einen Weg aus der Erkrankung gibt, sie stärken die Aussicht auf ein Licht am Ende des Tunnels. Und sie können Menschen auf dem Weg dorthin unterstützen.

„Das Leben kann weitaus mehr sein als nur ein Leben mit der Diagnose“, betont Jasmin Hamacher. Sie möchte Menschen behilflich sein, die eigenen Stärken wiederzuentdecken, sich nicht allein auf eine Krankheit zu fokussieren. „Wer einmal ganz unten war, ist bereit, an sich zu arbeiten“, weiß sie aus eigener Erfahrung. Viele Patienten befürchteten, dass es „niemals wird wie es einmal war“. Sie hat eine eigene Antwort darauf: „Es wird besser!“

Dass Profis, „Psychiatrieerfahrene“ und Patienten zusammenarbeiten, ist für Ulrike Beginn-Göbel ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. „Im Bereich der Suchterkrankungen gibt es diese Art der Begleitung schon lange“, blickt sie beispielsweise auf Treffen der „Anonymen Alkoholiker“. Grundlage der Arbeit sei ein gutes Einfühlungsvermögen – doch zugleich werde im Team darauf geachtet, dass die Gespräche mit den Patienten die Genesungsbegleiter nicht selbst überlasten. Brauchen die Genesungsbegleiter selbst einmal einen Zuhörer, steht ihnen die Tür bei Ulrike Beginn-Göbel immer offen.

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