Die letzten fünf Jahre eines Gefangenen: Auf den Spuren von Paul Titz

Von: Bruno Elberfeld
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Im Stadtmuseum begrüßte die britische Autorin Jean Hood die Schwester von Paul Titz, Käthe Lancé, und den Cousin, Kurt Titz. Foto: bel

Düren. Vor vielen Monaten, am 16. März 2016, sorgte die Geschichte des jungen Deutschen aus Vlatten, dessen Grabstein auf einem Friedhof in Staffordshire steht, für Schlagzeilen. Paul Titz, geboren am 28. November 1923, starb in Sudbury am 29. November 1946, einen Tag nach seinem 23. Geburtstag, in englischer Kriegsgefangenschaft.

Die britische Autorin des Buches „Warum bin ich noch hier?“, Jean Hood, konnte bei ihrer Lesung im Dürener Stadtmuseum nur wenig über den Tod von Paul Titz berichten. Alle amtlichen Unterlagen waren in den Nachkriegswirren abhandengekommen. Jean Hood recherchierte weiter und fand in der Zeitung „Uttoxter Advertiser“ einen Vermerk über die Todesursache des Stewards im Dienste der deutschen Handelsmarine.

Paul Titz soll „versehentlich ertrunken sein“. Aufgrund eines epileptischen Anfalls, so die Zeitung, soll er in einen riesigen Tank gefallen und gestorben sein. Die Schwester von Paul Titz, Käthe Lancé, und der Cousin, Kurt Titz, sagten bei der Lesung, dass Epilepsie bei Paul Titz nicht bekannt gewesen sei. Diese Krankheit müsste dann während seiner Gefangenschaft – vielleicht durch Stress – ausgebrochen sein. Andere Ursachen für Paul Titz' Tod können, so meinte Jean Hood, nicht mehr erforscht werden.

Anlass für die Recherche der Historikerin Jean Hood war das einsame Grab mit dem Namen Paul Titz auf dem Friedhof in Staffordshire. (Die DZ/DN berichteten.) Mit viel Mühe hatte Jean Hood die Stationen der letzten fünf Jahre des jungen Mannes zusammengetragen und ließ sie in der Lesung vor den Gästen wiederaufleben.

„Why am I still here?“, hat die Autorin ihr Werk genannt. Diese Frage „Warum bin ich noch hier?“ stellte sich der Gefangene nach der Kapitulation Deutschlands immer wieder. In Briefen an seine Mutter ist es nachzulesen. Viele Mitgefangene, unter ihnen ehemalige Kameraden, mit denen Titz auf dem Handelsschiff „Gonzenheim“ gefahren war, wurden nach Hause, nach Deutschland, geschickt.

Im „Lager Nr. 12“ bei Edinburgh

Warum er, Paul Titz, nicht? Die Lage in Deutschland war katastrophal. Die Menschen lebten in Trümmern, Düren war am 16. November 1944 nahezu dem Erdboden gleichgemacht worden. Essen, Trinken, ein Dach über dem Kopf – das alles war rar.

Titz hatte sich zur Handelsmarine gemeldet, um nicht mit Waffen kämpfen zu müssen. Die Gonzenheim, ein ehemalig norwegisches Handelsschiff, wurde jedoch bald als Versorgungsschiff für die Kriegsmarine eingesetzt und war somit für Engländer und andere feindliche Nationen gefährlich. Die englische Marine und die „Marineluftwaffe der Royal Navy“ versenkten das Schiff, 78 Männer retteten sich in die Beiboote. Paul Titz und seine Kameraden wurden in einem Gefangenenlager in England untergebracht. Das „Lager Nr. 12“ lag in der Nähe von Edinburgh.

Paul Titz' Eltern waren 1942 erstaunt, als sie eine Karte ihres Sohnes mit einer kanadischen Adresse erreichte. Titz lebte mit anderen deutschen Kriegsgefangenen im Lager Nr. 40 in Farnham, in der Nähe von Quebec, Kanada. Er schilderte seinen Verwandten in Deutschland ein verhältnismäßig gutes Leben: Im Winter lebte er in Hütten, zeltete während der Wanderung von einem Arbeitsplatz zum anderen. Auch berichtete er über reichlich gedeckte Tische.

Mitte 1946 ist die Adresse von Paul Titz wieder ein Kriegsgefangenenlager in England. Der Gefangene möchte heim. Er ist verzweifelt bis hin zu seinem ominösen Tod.

Hier endet die Geschichte. Begonnen hatte sie mit der Entdeckung des Grabes in Staffordshire. Mit Hilfe der Familie in Deutschland, die Fotos, Karten und Briefe zur Verfügung stellte und mit Hilfe des Dürener Stadtarchivs sowie eines Lokalredakteurs der Dürener Nachrichten ist eine Broschüre entstanden, in der die Engländerin Jean Hood die letzten fünf Jahre im Leben des Paul Titz minuziös nachzeichnet – ein völkerverbindendes Projekt. Federführend auf deutscher Seite war – auch für die deutsche Übersetzung - Reiner Sauer, Mitglied der „Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde (WGFF)“, der die Lesung mit Jean Hood moderierte.

Interessenten können Näheres im Stadtmuseum Düren und im Internet unter www.jeanhood.co.uk erfahren oder eine E-Mail an trafalgarhistory@aol.com senden.

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