Die langen Seile in St. Antonius sind nur noch Dekoration

Von: Sarah Maria Berners
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Mehr als zehn Jahre hat Alwine Klook regelmäßig die Seile gezogen und die Glocken zum Klingen gebracht. Foto: Sarah Maria Berners
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Marie-Luise Schoenen steht vor dem neuen Schaltkasten. Foto: Sarah Maria Berners

Ginnick. Es ist 11.45 Uhr. In dem beschaulichen Ort in der Gemeinde Vettweiß läuten die Mittagsglocken – und sie läuten, obwohl Alwine Klook und Marie-Luise Schoenen in einem Haus gleich neben der Kirche gemeinsam am Tisch sitzen. Das klingt banal, wäre aber bis vor wenigen Tagen nicht denkbar gewesen.

Denn wenn keine der beiden Frauen zur Mittagszeit in der Kirche an den langen Seilen zog, standen die Glocken in Ginnick still.

Als letzte Kirche in der Gemeinde hat nun auch das dem Heiligen Antonius gewidmete Gotteshaus auf ein elektrisches Geläut umgestellt. Und das ist auch für die Küsterinnen eine große Umstellung. Bisher hat die Mittagsglocke ihren Tagesablauf bestimmt. Eine von beiden war immer zur Stelle. „Außer an einem Montag im Monat, wenn sich alle Küster zur Besprechung treffen“, erzählt Alwine Klook. Vor allem die älteren Mitbürger hätten das immer bemerkt.

Mehr als zehn Jahre hat sie regelmäßig die Seile gezogen und die Glocken zum Klingen gebracht. Angefangen hatte sie diesen Dienst, um ihre Tante Rita Haahs, die 36 Jahre lang Küsterin war, zu unterstützen. In den vergangenen Jahren teilte sie sich die Arbeit mit Marie-Luise Schoenen.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Umstellung auf das elektrische Geläut für die Frauen schon, ein bisschen blicken sie auch mit Wehmut zurück – und mit Stolz, dass sie die Tradition so lange aufrechterhalten konnten. Für das Mittagsläuten hatten die Frauen übrigens einen Trick: Um die Dauer von drei bis vier Minuten richtig abschätzen zu können, haben sie stets ein „Vaterunser“ und zehn „Gegrüßet seist Du, Maria“ gebetet. Auch um Mitternacht an Silvester waren die Frauen im Einsatz, wenn sie in Ginnick in das neue Jahr feierten.

Aber die elektrische Anlage bringt auch eine Entlastung. „Wenn wir zum Beispiel bei Beerdigungen läuten, wenn die Trauergemeinde aus der Kirche zum Friedhof geht, war das schon auch körperlich ein wenig anstrengend“, erzählt Alwine Klook. Von nun an müssen sie und Marie-Luise Schoenen dann in der Sakristei nur noch auf ein Knöpfchen drücken. Auch vor den Messen öffnen die Frauen den Schaltkasten und drücken die Knöpfe.

„Wir haben zwar jetzt ein elektrisches Geläut, aber da die Gottesdienstzeiten unregelmäßig sind, wäre eine Programmierung sehr aufwendig gewesen“, erläutert Marie-Luise Schoenen. „25.000 Euro hat die Umstellung gekostet, 5000 hat das Bistum beigesteuert“, sagt Pfarrer Gerd Kraus. Die Summe habe aus Rücklagen der Pfarre bezahlt werden können.

Damit auch immer die richtigen Klänge ertönen, haben sich die Frauen Notizen unter die Knöpfe gemacht. Als die Glockengießerei den Testbetrieb aufgenommen hatte und die Glocken probeweise erklangen, sorgte das viele Läuten zur ungewohnten Zeit in Ginnick doch für einige Verwunderung. „Ich dachte, es wäre keine Messe“, soll so mancher gedacht haben.

Klöppel müssen in die Werkstatt

Die Seile, mit denen die Glocken in Bewegung versetzt wurden, sind übrigens noch immer zu sehen, ebenso wie die Anleitung zum richtigen Läuten weiterhin an die Wand gepinnt bleibt – als Erinnerungsstücke sozusagen. Aber wer an dem Seil zupft, bringt nun keine Glocke mehr zum Läuten.

„Hier haben sich viele Kinder und Jugendliche auch schon mal in die Höhe ziehen lassen“, erzählt Alwine Klook ein Anekdötchen. Solche Späße sind mit Knöpfen in modernen Schaltkästen nun nicht mehr möglich. Die Glocken werden aber weiterhin erklingen, und ihre Geschichte wird auch in Zukunft erzählt. „Die alten Glocken sind im Krieg eingeschmolzen worden“, erzählt Alwine Klook. 1951 wurden die beiden neuen Glocken mit einem festlich geschmückten Ladewagen am Bahnhof in Embken abgeholt und dann auf den Turm hinaufgezogen.

Nach den Feiertagen im Mai werden die Ginnicker Glocken übrigens eine Zeit lang still stehen. Dann müssen die Klöppel in die Werkstatt.

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