„Die Kirmes muss Ü-50-tauglich werden“

Von: Jörg Abels
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Walter Schulz (2. v. l.) nahm das „Goldene Karussellpferd“ stellvertretend für seinen erkrankten Bruder Martin im Beisein von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft entgegen. Von Schaustellerseite gratulierten Hans-Bert Cremer (r.), Hansi Luxem (l.) und Präsident Albert Ritter.
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Traditionelles Fahnendefilee: Die Schaustellerverbände zählen zu den ältesten berufsständischen Organisationen. Foto: Abels

Düren. Die Klänge der großen Kirmes-Orgel und das Defilee der Traditionsfahnen ließen Erinnerungen an die gute alte Zeit wachwerden. Doch der stilvolle Rahmen beim Jahresempfang der Arbeitsgemeinschaft der Schaustellerverbände NRW, gleichzeitig Startschuss der Feierlichkeiten zum 375-jährigen Bestehen der Annakirmes und des 50-jährigen Bestehens des Verbands Reisender Schausteller Düren (VRS), konnte nicht darüber weg täuschen, dass der Branche trotz 150 Millionen Volksfestbesuchern im vergangenen Jahr „ein rauer Wind ins Gesicht weht“, wie es der VRS-Vorsitzende Hans-Bert Cremer bei der Begrüßung der Gäste und Kollegen im voll besetzten Haus der Stadt mit Blick auf immer höhere bürokratische Hürden, steigende Gebühren und Abgaben umschrieb.

Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes (DSB), wurde konkreter. Er prangerte an, dass Schausteller in NRW immer noch bei jedem Volksfest eine neue Ausschankgenehmigung beantragen müssen, dass nicht wie beispielsweise in Niedersachen die Reisegewerbekarte als Nachweis der Zuverlässigkeit ausreiche. Ritter forderte ein Ende des mit der Reise begründeten Aufschlags beim Strompreis und eine bundesweite Ausnahmeregelung für Schaustellerfahrzeuge in Umweltzonen. „Schaustellerfahrzeuge sind Rumsteherfahrzeuge“, erklärte Ritter. Sie würden nur dazu benutzt, von einem zum anderen Veranstaltungsort zu kommen. Nicht das Baujahr, sondern die Fahrleistung sei entscheidend für den Feinstaubausstoß. Zumindest bei letzterer Problematik stieß Ritter bei NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft auf offene Ohren.

Die SPD-Politikerin war nach Düren gekommen, um die Laudatio auf Martin Schulz, den Präsidenten des Europäischen Parlaments, zu halten. Er sollte aufgrund seiner Verdienste um den Erhalt und die Förderung des Kultur- und Wirtschaftsgutes „Kirmes und Volksfest“ das „Goldene Karussellpferd“ der NRW-Schausteller in Empfang nehmen. Doch der Würselener musste krankheitsbedingt auf die Teilnahme an der Verleihung verzichten. Für ihn nahm sein älterer Bruder Walter die Auszeichnung entgegen. Besonders enttäuscht über die kurzfristige Absage war eine Schaustellerdelegation aus Portugal, die eigens nach Düren gereist war, um mit Martin Schulz die Problematik drastisch steigender Steuern für Schausteller in ihrer Heimat zu besprechen. Schulz hatte ihnen seine Unterstützung zugesagt und ließ ausrichten, das Gespräch so schnell wie möglich nachholen zu wollen. Auch Schausteller aus Luxemburg, den Niederlanden und Irland waren nach Düren gekommen, um die Bedeutung ihrer Zunft für die europäische Integration zu untermauern.

Natürlich war auch das Annakirmes-Jubiläum an diesem Abend ein Thema. „Es gibt wohl kaum ein Fest, das den Jahreskalender der Dürener so prägt wie die Annakirmes“, stellte Bürgermeister Paul Larue fest. „Wir erwarten nicht nur Gäste, sondern gehen auch selber hin“, betonte er, goutiert vom Applaus der Schausteller, die in Zeiten, in denen immer mehr kleinere und mittlere Feste von der Landkarte verschwinden, die Bedeutung von Großveranstaltungen zu schätzen wissen. Entsprechend erging der Appell von Hans-Bert Cremer an die Dürener Politik, die Annakirmes als Juwel zu betrachten und neben der Tradition die Zukunft nie aus den Augen zu verlieren. „Nutzen Sie unsere Fachkenntnisse. Wir sind Experten, wenn es um Volksfeste und Weihnachtsmärkte geht.“

Von der Zukunft der Kirmes ist Albert Ritter überzeugt. „Das Produkt stimmt. Wir müssen aber neben Hygiene und Sicherheit auch den demografischen Wandel berücksichtigen. Die Kirmes der Zukunft muss Ü-50-tauglich werden.“ Ritter sprach sich beispielsweise für ruhigere No-Commerce-Ecken auf den Plätzen aus, Seniorenangebote in der Gastronomie, aber auch für ÖPNV-Angebote. Auch einen „Oldie-Thementag“ kann sich der DSB-Präsident vorstellen. Zeit, über diese Ideen zu sprechen, blieb nach dem offiziellen Teil des Jahresempfangs reichlich. Die Kirmes-Orgel begleitete die Gespräche bis tief in die Nacht.

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