Winden - Die irdischen Bewahrer einer Kinderillusion

Die irdischen Bewahrer einer Kinderillusion

Von: Sarah Maria Berners
Letzte Aktualisierung:
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Der Nikolaus und sein Knecht Ruprecht werden auch heute wieder viele Kinder besuchen. Vielleicht kommen sie ja auch bei Ihnen vorbei? Foto/Collage: privat/zva

Winden. Wer dem Nikolaus in zivil begegnet, der kann sich gut vorstellen, dass er am Samstagabend im Bischofsgewand von Tür zu Türe zieht, mit tiefer Stimme zu den Kindern spricht und eine kleine Überraschung bereithält. Wer jedoch dem Knecht Ruprecht begegnet, ist überrascht: „Er“ heißt Nina, ist 22 Jahre alt und zieht schon seit vielen Jahren mit dem Nikolaus durch den Ort – mit „ihrem“ Nikolaus.

Denn es ist der Nikolaus aus Nina Heiligers Kindheit, mit dem sie heute Kindern eine Freude bereitet. Als Nina Heiliger klein war, kam am Vorabend des Nikolaustags ein großer Mann mit Mitra, Bischofsstab und weißem Rauschebart zu Besuch. Ein Knecht Ruprecht war immer an seiner Seite. Als Nina Heiliger längst alt genug war, um zu wissen, dass hinter dem Rauschebart Konrad Schnitzler steckte, kam dieser aber immer noch zu Besuch, um Ninas kleine Schwester zu beschenken.

„Ich fand das immer unheimlich schön“, erinnert sich Nina Heiliger an diese besondere Magie. Jetzt ist Nina Heiliger selbst Teil davon. Im neunten Jahr begleitet sie den Nikolaus Konrad Schnitzler auf seinem Weg: als freundlicher Knecht mit rabenschwarzem Gesicht, einem Glöckchen an der Kette und einer Rute in der Hand.

„Als ich klein war, wurde die Rute ja noch benutzt“, erinnert sich der 77 Jahre alte Konrad Schnitzler an die Besucher des Nikolauses in seiner Kindheit. Vor dem Nikolaus hätten damals alle Angst gehabt. „Jetzt jeiht et loss“, habe es am Nikolausabend immer geheißen. „Auch das ist ein Grund, warum ich mich vor 49 Jahren entschieden habe, ein Nikolaus zu werden“, sagt Konrad Schnitzler. Ihm sei es wichtig gewesen, den Kindern ein positives Bild zu vermitteln, von einem Nikolaus, der nicht bestraft, sondern gut ist. Deswegen werden die Kinder immer gelobt, bevor der Nikolaus auch ermahnende Worte findet.

Und deswegen ist auch Knecht Ruprecht ein netter, wenn auch schweigsamer Zeitgenosse, der den Sack mit den Geschenken bereithält. Mit der Rute klopft er allenfalls mal auf den Boden und das nur bei großen Kindern, die schon genau Bescheid wissen. Zehn bis 15 Häuser besuchen der Nikolaus und sein Helfer am Vorabend des 6. Dezembers. Die Geschenke stecken ihnen die Eltern im Flur unauffällig zu. Die Ersten rufen schon im September beim Nikolaus an, um einen Termin auszumachen. Kurz vor dem Fest treffen sich der Nikolaus und sein Knecht dann zur Routenplanung.

Die beiden lieben ihre Aufgabe, die staunenden Kinderaugen, den Blick, wenn sie ihren Namen hören, und die Aufgeregtheit, die auch bei den Kindern zu spüren ist, die eigentlich gar nicht mehr an den Nikolaus glauben. „Es ist schön, welche Freude wir bereiten können“, sagt Nina Heiliger. „Viele Kinder malen uns ein Bild als Dankeschön, manche sagen ein Gedicht auf“, ergänzt Konrad Schnitzler.

Nach Luft schnappen

Einmal hat der Nikolaus einen Jungen angesprochen, weil er immer die Zunge rausstreckte. Bei der Antwort konnte sich auch der Nikolaus das Lachen nicht verkneifen: „Die muss doch auch mal Luft schnappen“, habe der Knirps gesagt.

Bisher ist bei dem eingespielten Team noch nie etwas schief gelaufen. Selbst Konrad Schnitzlers Kinder oder Nina Heiligers kleine Schwester haben nie erkannt, wer sich hinter den Besuchern verbirgt. „Als ich meine Tochter mal gefragt habe, wo ihr großer Bruder ist, hat sie uns erzählt, dass wir gerade in der Zimmerei arbeiten würden“, erzählt Konrad Schnitzler von Tagen, wo sein Sohn den Knecht Ruprecht spielte.

„Wir achten vor jeder Tür ganz genau darauf, dass alles gut sitzt“, erzählt Nina Heiliger. Schließlich wollen sie die Illusion nicht zerstören. Den beiden gefällt es, dass viele Familien liebevolle Nikolausfeiern ausrichten. „Es ist schade, dass diese Tradition mancherorts verloren gegangen ist“, findet Nina Heiliger.

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