Die farbenfrohe „Attacke” der Häkel-Guerilla

Von: Beate Weiler-Pranter
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Fürsorglich wurden Wasserspei
Fürsorglich wurden Wasserspeier von der Häkel-Guerilla mit Pudelmützen ausstaffiert. Foto: Weiler-Pranter

Heimbach. Sie arbeiten im Geheimen. Verschwörerisch spinnen die Anhänger dieser Bewegung rund um den Globus ihre Fäden, verabreden sich zu überraschenden Guerilla-Angriffen und tauchen dann wieder unter. Nun wurde auch Heimbach Ziel einer Attacke.

Zur Beruhigung: Bei diesen Aktionen handelt es sich nicht um Anschläge! Statt Waffen kommen Wollreste zum Einsatz. 2005 brachte die Texanerin Magda Seyeg die Wollknäuel weltweit ins Rollen. Als Protest gegen eine zunehmend kaltherziger werdende Gesellschaft ummantelte sie zunächst Türklinken von Verwaltungsgebäuden. Im Internet finden sich mittlerweile unzählige Beispiele weiterer „Guerilla-Kämpfer”.

Da werden - zwei rechts, zwei links - in den Metropolen der Welt die Waden von antiken Statuen mit Gamaschen gewärmt. In U-Bahn-Zügen gelingt es Mitstreitern, während der Fahrzeit zwischen zwei Stationen unerkannt alle Gestänge wollig zu verhüllen, und mittlerweile wurden selbst in Deutschland ganze Bäume in bunte Maschen eingemummelt.

In Heimbach waren häkelnde Aktivisten wohl wochenlang im Untergrund aktiv. Sonst wäre es kaum möglich gewesen, die fast lebensgroße, geschwungene Bronze-Skulptur vor dem Atelierhaus von Luise und Jürgen Kött-Gärtner mit einem maßgeschneiderten Wollkleid zu verhüllen. Passgenau schmiegen sich die regenbogenfarbenen Maschen um das Metall. So erscheint diese Figur, an der Anwohner und Touristen Tag für Tag vorbeifahren, in einem völlig anderen Kontext: Plötzlich gleicht sie einem Fotomodell, das sich in Pose wirft.

„Love Attack”. Diese zehn gehäkelten Buchstaben waren auf einem giftgrünen Banner zu lesen, das die Aktivisten am Bergfried der Burg hinterließen. So, wie viele weitere Spuren in der Stadt: Passend zur Saison sprießen bunte Wollpilze aus Beeten und Brückengeländern. Die wolligen Gesellen hocken auf Fahrplänen und im Gestänge der Knöterich-Pergola am Rur-Ufer. Zufall oder Absicht, dass neben einem Umleitungsschild ein Fliegenpilz sitzt?

Überall im Stadtgebiet waren gehäkelte „Liebesbeweise” zu entdecken. „Das ist fast wie beim Ostereiersuchen”, meint eine Spaziergängerin. Die wasserspeienden Häuschen des zentralen Brunnens „Stadtgespräch” trugen plötzlich passende, wintertaugliche Pudelmützen. Dem Brückenpatron Nepomuk wurde ein Stirnband verpasst. Am Rathaus baumelte unter dem Schriftzug „Standesamt” eine Kuscheldecke und zwischen dem Treppengeländer von Haus Furche erblühten Häkelrosetten.

Andere Passanten reagieren mit unverhohlenem Kopfschütteln. „Ich weiß nicht, was das soll”, bemerkt ein Fahrrad-Tourist, der sein E-Bike über die hölzerne Fußgänger-Brücke schiebt. Über der Mitte des Flusses bleibt er stehen und zückt seine Kamera. Doch die bunten Wollpilze und das gehäkelte „Männeken Piss”, das auf dem Geländer balanciert, würdigt er keines weiteren Blickes. Ganz anders reagiert ein älteres Ehepaar: „Süß! So etwas haben wir schon im Fernsehen gesehen.” Ein weiterer Passant fügt lachend hinzu: „Ich kenn das aus Berlin.”

Verdutzte Blicke gab es bei Bauleiter Daniel Lansch und Polier Richard Welther. Sie betreuen die Umbauarbeiten an der Brücke „Über Rur”. Dort, wo eine „Geiger”-Skulptur vergnügt vor sich hinfiedelt. „Wir haben uns heute früh schon gewundert, dass der einen Schal anhat. Bei dem Wetter fehlt ihm aber noch eine warme Hose”, gaben die beiden zu bedenken. Mittlerweile hat der „Geiger” - samt rotem Häkelschal - im Bauhof kurzfristig ein Dach über dem Kopf gefunden. Solange, bis die Brüstung erneuert ist.
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