Die Annakirmes als Forschungsobjekt für menschliche Staus

Von: Guido Jansen
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Auch während der Dürener Annakirmes haben die Forscher Untersuchungen darüber angestellt, wie Fußgänger sich bei solchen Großveranstaltungen Foto: Ingo Latotzki
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Immer und immer wieder: Fußgänger und Rollstuhlfahrer, Sehbehinderte, Gehörlose und geistig behinderte Probanden sind bei der Bewegungsstudie in Wermelskirchen durch diesen Korridor mit dem verengten Eingangsbereich gegangen. Foto: FZJ/Ralf Eisenbach
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Stefan Holl (l.) und Maik Boltes. Foto: Jansen

Kreis Düren. „Stauforschung für Fußgänger“: So umschreiben Dr. Stefan Holl und Dr. Maik Boltes in nur drei Worten, was sie und ihre Kollegen am Forschungszentrum Jülich im Bereich Sicherheit und Verkehr machen. Über 1300 Versuche haben die Jülicher Wissenschaftler seit 2005 gemacht, beispielsweise um herauszufinden, wie sich Personen in einer Menschenmenge bewegen, wenn es vor einem Ausgang zum Stau kommt.

Das machen sie meistens im Labor mit Testpersonen. Sie schauen sich aber auch Großveranstaltungen wie die Annakirmes an, wo sich Menschen Schulter an Schulter über den Platz bewegen.

Zusätzliche Sicherheitskräfte

„Die Erkenntnisse aus Jülich haben uns sehr geholfen“, sagt Annakirmes-Platzmeister Achim Greiff. Sie haben gezeigt, dass der Platz schnell entfluchtet werden kann. Und dass es Schwachpunkte gibt, da wo sich viele Menschen aufhalten. Da stehen jetzt an besucherstarken Tagen zusätzliche Sicherheitskräfte, um die Besucher im Notfall schnell in Richtung der Fluchtwege weisen zu können.

„Bisher haben wir unsere Bewegungsstudien im Labor immer mit Testpersonen gemacht, die gesund und im Schnitt Mitte 20 sind“, erklärt Holl einen der Ansatzpunkte, um die Studien zu verbessern. Außerhalb von Laboren sind Menschenmengen, die nur aus gesunden Mittzwanzigern bestehen, selten. Deswegen gibt es die Sime-Bewegungsstudien. Sime steht für „Sicherheit für Menschen mit körperlicher, geistiger und altersbedingter Beeinträchtigung“.

Die jüngste Sime-Studie fand jetzt in Wermelskirchen statt. Die Teilnehmergruppe bestand unter anderem aus Menschen mit Gehbehinderung, geistiger Behinderung oder Blinden. Sie alle sind Mitarbeiter der Werkstatt der Lebenshilfe Bergisches Land, die Sime als Partner begleitet. Die Teilnehmer, die nicht von der Lebenshilfe kamen, waren zwischen 18 und 80 Jahre alt.

„Wir haben eine größere Variation an Bewegungsmustern im Gegensatz zu vorherigen Studien festgestellt“, gibt Boltes wieder, was die Forscher mit bloßem Auge festgestellt haben. Zwei Tage lang haben sich die Probanden immer wieder durch einen aufgebauten Korridor bewegt, der auf einen verengten Ausgang zuführte. „Wir müssen erst die Daten auswerten und mit diesen Daten dann die Bewegungsflüsse ausrechnen“, erklärt Boltes, dass die eigentliche Arbeit noch bevorsteht. Die Auswertung kann lange dauern. Noch heute gewinnen die Jülicher Forscher neue Erkenntnisse aus einer großen Studie aus dem Jahr 2013.

Wesentlich komplizierter

„Es gibt eine Vielzahl an Faktoren, die die Bewegung eines Menschen beeinflussen“, sagt Holl. Der Ort spielt eine Rolle: Wie breit sind die Türen und Durchgänge, wie viele gibt es, wie sind sie ausgeschildert? Die meisten Variablen bringt der Faktor Mensch mit in die Berechnung ein. Stellt er sich geduldig in einer Schlange an? Drängelt er? Ist er mit der Geduld am Ende? Wie groß ist der Druck, unter dem er steht? „Stauforschung für Fußgänger ist wesentlich komplizierter als für den Verkehr“, sagt Stefan Holl. „Für Fußgänger gibt es viel weniger Regeln und Sanktionen.“

Zwei Ziele verfolgen die Wissenschaftler mit Sime: Sie wollen herausfinden, wie Inklusion im Ernstfall funktionieren kann. „Bei der Inklusion geht es auch darum, dass Menschen mit Einschränkungen überall hin können. Wir beschäftigen uns damit, dass sie im Notfall auch sicher wieder wegkommen“, erklärt Holl. In welcher Reihenfolge sollen Rollstuhlfahrer und Fußgänger evakuiert werden, damit alle so schnell wie möglich in Sicherheit sind? Wie breit sollten die Türen sein?

Ziel Nummer zwei: Die Fußgänger-Stauforschung ist ein weites Feld mit vielen unbekannten Größen. Studie für Studie versuchen die Forscher, eine Unbekannte nach der anderen aufzulösen. Bei Sime geht es darum, in die Betrachtung der Bewegung von Menschenmengen einzubeziehen, dass Menschen unterschiedlich sind.

Die Bewegungsforschung in Jülich ist in den vergangenen Jahren gewachsen, das Team setzt sich aus Experten unterschiedlicher Gebiete zusammen. Holl ist Bauingenieur und beschäftigt sich damit, wie Räume und Gebäude gestaltet werden können. Boltes ist Mathematiker. Sein Fachgebiet ist das Gewinnen und Auswerten der gewonnen Daten. Wegen des Faktors Mensch gehören auch Psychologen dem Team an. Sime ist auch kein reines Jülicher Projekt. Unter anderem arbeiten auch die Hochschule Niederrhein und die Uni Magdeburg mit. Gefördert wird Sime vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Weil die Annakirmes ein Fest für alle ist, werden auch die neuen Sime-Ergebnisse für Achim Greiff und sein Team interessant sein.

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