Diagnose Übergewicht: Der ständige Kampf gegen Kilos und Gerede

Von: Anne Wildermann
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Viel Gemüse, wenig Fett und keine Süßigkeiten mehr: Der Ernährungsplan von Christopher Horst ist strikt. Zusätzlich muss er am Tag 10.000 Schritte gehen. In Kürze soll er eine Magen-OP erhalten. Foto: Wildermann

Vettweiß. Christopher Horst (28) hat einen Traum. Er will so gerne die Prüfung zum Atemschutzgeräteträger bei der Feuerwehr machen. Er will die Prüfung bestehen, um seinen Kameraden zu zeigen, dass er es doch kann. Dass er es doch drauf hat und endlich die verletzenden und erniedrigenden Sprüche aufhören.

Doch bis dahin werden noch viele Monate vergehen. Aufgrund seines starken Übergewichts ist an die Prüfung vorerst nicht zu denken. Der gebürtige Dürener, der in Vettweiß wohnt, ist adipös und wiegt 188 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,85 Meter. Den Antrag bei seiner Krankenkasse für eine Magen-OP hat er schon im Dezember vergangenen Jahres gestellt. „Gestern habe ich endlich den positiven Bescheid bekommen“, sagt er und wirkt immer noch aufgeregt. Jetzt hofft der junge Mann, bis Ende Februar oder Anfang März in einer Kölner Klinik operiert zu werden. Sein Ziel: zunächst auf 110 Kilogramm runter zu kommen. Wir werden ihn auf diesem Weg begleiten.

Horst war nicht immer an Adipositas erkrankt. Fotos beweisen das. An der Wand hängt ein gerahmtes Bild von ihm als 14-Jähriger in Feuerwehrkluft. Er wirkt glücklich. „Und auf diesem Foto bin ich etwa 17 Jahre alt“, sagt Horst und wischt mit seinem Finger über das Handydisplay. Ein Bild erscheint: ein schlanker junger Erwachsener mit verwuschelten Haaren. Das Foto ist elf Jahre alt. Lange her. In der Zeit ging Horst noch gern zur Freiwilligen Feuerwehr. Er hatte Pläne und wollte etwas verändern. Soweit kam es nicht mehr.

Nachdem er 2010 seine Ausbildung als Gärtner für Zierpflanzen als Klassenbester abgeschlossen hatte, folgte die Arbeitslosigkeit und mit ihr eine stufenweise Isolation von Familie, Freunden und Bekannten. Mit Gelegenheitsjobs als Sicherheitsmann und als Gebäudereiniger schlug er sich fünf Jahre durch. So unstet seine Jobs waren, so unstet wurde seine Ernährung und sein Essverhalten. Sein absoluter Tiefpunkt: Im Oktober 2015 wurde er aufgrund seines starken Übergewichts zur Ausbildung zum Lokführer abgelehnt.

„Das Zunehmen war ein schleichender Prozess“, erzählt Horst. „Morgens bin ich ohne Frühstück aus dem Haus gegangen. Ich habe auch keine Pausenbrote mitgenommen, sondern erst abends gegessen.“ Das waren zum Großteil warme Mahlzeiten. „Ich habe mich in dieser Zeit auch nicht bewegt und viel auf der Couch gelegen“, sagt er. „Wenn ich jemanden gesehen habe, der noch dicker war als ich, hatte ich kein schlechtes Gewissen mehr. Im Gegenteil. Da war plötzlich jemand, der noch mehr auf den Rippen hatte als ich und ich gönnte mir daraufhin eine weitere Kugel Eis“, erzählt Horst.

Mit seiner starken Gewichtszunahme wurde das Lästern hinter seinem Rücken immer lauter und frecher. Sogar einige Feuerwehrkameraden fingen an, ihn zu mobben, statt ihn zu akzeptieren. Es fielen Sprüche wie „Du solltest die Panade von den Chicken Nuggets abmachen“ oder „Du trägst vermutlich schon Spannbetttücher als Unterhose“. Horst spricht völlig gefasst und ohne emotionale Ausbrüche über die negativen Erfahrungen. Es scheint, als ob die Demütigungen jemand anderem galten.

Liebe zum Fußball

Aber damals war der Spruch mit dem Spannbetttuch zu viel. Zum ersten Mal versuchte Horst, sich zu wehren. Reflexion? Fehlanzeige. Daraufhin zog er sich immer mehr zurück. Er fuhr auch nicht mehr nach Köln ins Fußballstadion, um seiner großen Liebe zuzusehen: dem 1. FC Köln. Dabei sind Feuerwehr und Fußball wichtige Pfeiler in seinem Leben – neben seiner Freundin Nicole (25). Die Trikots beweisen das. In XS fing der Fußballfan an und musste irgendwann XXXXXL tragen. Das nächste Shirt hat er sich bewusst kleiner bestellt. „Ich will da unbedingt reinpassen“, sagt Horst und wirkt glücklich.

Ein strikter Ernährungsplan bestimmt seit Monaten Horsts Leben. Er isst viel Gemüse und trinkt stilles Wasser. „Wenn ich Appetit auf Süßes habe, mache ich mir als Alternative Apfelchips im Backofen“, sagt er. Für die geplante OP musste er seine Mahlzeiten sowie die wöchentliche Schwimmstunde und das Hantel- und Boxtraining protokollieren. Am Tag muss Horst 10.000 Schritte gehen, die er mit einer Handy-App kontrolliert.

Erst kürzlich wurde er auf seinem Spaziergang von einem Jugendlichen derbe beschimpft. Wieder spricht Horst in neutralem Ton. Aber die fiesen Sprüche belasten ihn doch irgendwie. „Die Gesellschaft reduziert einen nur noch auf das Äußere“, sagt er. Es klingt nach Kapitulation. Aufgegeben hat nicht. Der Grund: die Selbsthilfegruppe für adipöse Menschen, von Christel Scharfenort, die er seit November 2015 besucht. Hier fühlt er sich aufgehoben und hat Freunde gefunden.

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