Devise lautet: „Erst bergen, dann bauen”

Von: Beate Weiler-Pranter
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Aus vielen kleinen Fundstücken rekonstruiert Petra Tutlies die Geschichte der Menschheit. Foto: Weiler-Pranter

Wollersheim. Bereits als kleines Mädchen stapfte sie in Gummistiefeln durch Bäche, um alte Keramikscherben zu bergen. Ihre schlammigen Fundstücke trug die Schatzsucherin dann stolz nach Hause.

Nicht immer zur Freude der Mutter. Auch heute - Jahrzehnte später - ist Petra Tutlies ständig auf der Suche nach verborgenen Schätzen. Als Leiterin des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege, Außenstelle Nideggen-Wollersheim.

„Altes hat mich schon immer sehr interessiert”, erzählt die mittlerweile 49-Jährige. Und so habe sie fast traumwandlerisch zu ihrem Beruf gefunden. Nach einem Archäologie-Studium und zahlreichen Grabungserfahrungen erhielt sie 1989 beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) zunächst eine Volontariatsstelle, wurde anschließend wissenschaftliche Referentin und leitet seit 2005 das Amt in Wollersheim.

Jeden Tag um Punkt sieben Uhr beginnt für Petra Tutlies und ihre Mitarbeiter die Reise in die Vergangenheit. „Wir starten so früh, weil unsere Grabungsteams oft lange Anfahrtswege bewältigen müssen”, erklärt die Archäologin. Kein Wunder, denn das Einsatzgebiet umfasst die Kreise Aachen, Heinsberg, Düren, Euskirchen und den Rhein-Erft-Kreis. Auf einer Gesamtfläche von 4300 Quadratkilometern sind die Bodendenkmalpfleger unterwegs, um kultur-historisch bedeutsame Funde freizulegen, zu bergen und zu archivieren.

Seit der Novellierung des Denkmalschutzgesetzes im Jahr 1980 muss das Amt in die Planungsphase von Autobahnen, Neubaugebieten oder Tiefgaragen eingebunden werden. Vermuten die Wissenschaftler an der Baustelle „archäologisches Potenzial”, lautet die Devise: „Erst bergen, dann bauen.” Ansonsten wären wertvolle Zeitzeugnisse der Menschheitsgeschichte verloren.

Egal, ob römische Glasscherben oder Brunnenreste aus der Jungsteinzeit - jede Entdeckung wird akribisch auf den so genannten „Stellenkarten” notiert. Dort finden sich unter anderem die Koordinaten des Fundortes, Hinweise zur Bodenbeschaffenheit und die individuelle Nummer des Fundstückes. Zeichnungen, Fotos oder Filmaufnahmen komplettieren die detaillierte Bestandsaufnahme. So kann auch noch Generationen später der urgeschichtliche Fund rekonstruiert werden, selbst wenn die Bergungsstelle längst überbaut ist.

Als Chefin der Wollersheimer Außenstelle ist Petra Tutlies allerdings nicht mehr so häufig aktiv an Grabungen beteiligt wie früher. „Der Verwaltungsanteil nimmt eben zu”, meint die gebürtige Hamburgerin, die ihren Beruf als Berufung versteht. „Ähnlich wie bei einem Pfarrer oder Maler. Die kennen auch keinen Feierabend.”

Die langjährige Erfahrung und Kompetenz des Teams sorgte im September bundesweit für Schlagzeilen. Auf der geplanten neuen Autobahntrasse der A4 bei Arnoldsweiler hatte die vom Kreis beauftragte Grabungsfirma unter anderem ein 7000 Jahre altes, hervorragend erhaltenes Skelett gefunden. Da ein Wetterumschwung drohte, und der freigelegte Sensationsfund „Lilith” so schnell wie möglich geborgen werden musste, gab es nur noch eine Lösung: spontane Blockbergung. So baten die Behörden um Amtshilfe.

Innerhalb von zwei Tagen organisierte Petra Tutlies mit den Kollegen vor Ort die Bergung. „In dieser Außenstelle haben wir viel Erfahrung mit Blockbergung. Doch wenn es dann Spitz auf Knopf geht, kann man nur hoffen, dass alle Berechnungen stimmen!” Auch diesmal lief alles perfekt, und „Lilith” wird im Rheinischen Landesmuseum konserviert - mitsamt der Erdscholle, auf der sie zu ihrer letzten Ruhestätte überführt wurde (siehe Infokasten).
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