Gürzenich/Mariaweiler - Der Spätstarter: Mit 35 Jahren in der Ausbildung

Der Spätstarter: Mit 35 Jahren in der Ausbildung

Von: Sarah Maria Berners
Letzte Aktualisierung:
6117046.jpg
Mit 35 Jahren hat Marcel Esser (Mitte) eine Ausbildung begonnen. Sein Ausbilder Patrick Ghys (l.) und Chef Manuel Zimmermann sehen Vorteile bei den älteren Azubis. Foto: Sarah Maria Berners

Gürzenich/Mariaweiler. Nach der Elternzeit in den gelernten Beruf zurückzufinden, ist nicht immer leicht. Diese Erfahrung hat auch Marcel Esser aus Mariaweiler gemacht. Weil seine damalige Ehefrau selbstständig war, hat er drei Jahre lang die beiden Kinder versorgt und großgezogen. Danach hat er den Weg zurück ins Berufsleben nicht gefunden – trotz seiner abgeschlossenen Ausbildung als Kfz-Mechaniker.

„Für die Arbeitgeber war ich nicht mehr auf dem Stand der Technik“, beschreibt Marcel Esser. Bewerbungen blieben erfolglos. Untätig blieb Marcel Esser nicht. Er jobbte als Fahrer für Krankentransporte und als ungelernte Kraft in einer IT-Firma. Aus seinen Umschulungsplänen wurde damals nichts.

Die IT-Branche hat Marcel Esser besonders interessiert. Im August vergangenen Jahres hat Marcel Esser einen Neuanfang gewagt. Unterstützt von der Agentur für Arbeit hat er bei der Gürzenicher Firma NETsec eine auf zwei Jahre verkürzte Ausbildung zum Fachinformatiker/Systemintegration begonnen. Sein Ausbilder Patrick Ghys ist fünf Jahre jünger, sein Chef Manuel Zimmermann ein Jahr. „Das ist überhaupt kein Problem“, sagt Patrick Ghys. „Wir begegnen uns auf Augenhöhe.“

„Die Ausbildung ist der Schlüssel zum Schutz vor Arbeitslosigkeit“, weiß Sabrina Reichler von der Agentur für Arbeit. „Dabei steckt in den jungen Erwachsenen viel Potenzial.“ Potenzial, dass gerade aufgrund des demografischen Wandels genutzt werden müsse. „Die jungen Erwachsenen haben Erfahrungen gesammelt, die im Beruf sehr hilfreich sein können.“

Das sieht auch Marcel Essers Chef so. Deswegen ist der 35-Jährige nicht der einzige Azubi in der Firma, der den 30. Geburtstag schon gefeiert hat. Auch Studienabbrecher haben dort einen Neuanfang gewagt. „Wir haben gute Erfahrungen mit den älteren Auszubildenden gemacht“, sagt Firmengründer Manuel Zimmermann.

Fachkräfte würden in der IT-Branche dringend gebraucht, und bei den Schulabgängern würde man nicht immer geeignete Auszubildende finden. „Auch am Sozialverhalten hapert es häufig“, weiß Ausbilder Patrick Ghys. An den älteren Auszubildenden gefällt ihm auch das sicherere Auftreten gegenüber den Kunden gut. Gute Erfahrungen hat Marcel Esser auch in der Berufsschule gemacht. Wie alle anderen Auszubildenden muss er die Schulbank drücken – auch wenn er deutlich älter ist.

Und er hat auch festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, nach vielen Jahren wieder zu pauken. 1995 hat er zuletzt zum Englisch-Buch gegriffen. Heute ist der Ansporn zu lernen für ihn aber noch größer. „Ich habe etwas gefunden, dass mich begeistert“, sagt Marcel Esser. Auch abends greift er häufig noch zur Fachliteratur.

Die Noten sind gut. Wenn Marcel Esser seine Ausbildung abgeschlossen hat, ist er 36,5 Jahre alt. Er würde den Schritt wieder gehen, auch wenn er in den Lehrjahren weniger Geld zur Verfügung hat, als zuvor. „Bis zur Rente sind es ja noch einige Jahre“, sagt er lachend. Und bisher hat die Firma ihre Auszubildenden auch übernommen.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert