Der nächste große Wurf des Simon Ernst

Von: Lukas Weinberger
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Im Deutschland-Trikot: Simon Ernst spielte rund 50 Mal in Jugend- und Junioren-Nationalmannschaften und trug auch schon das Trikot der B-Nationalmannschaft. Foto: Lukas Weinberger

Birkesdorf. Simon Ernst hat schon einiges über sich hören und lesen müssen. Nichts Schlechtes. Eher sehr, sehr Gutes. „Eines der größten Talente im deutschen Handball“ – dieses Prädikat wird ihm seit geraumer Zeit in schöner Regelmäßigkeit verliehen.

„Die ganz große Karriere“ – die haben ihm bereits zahlreiche Fachleute vorausgesagt. Und Handball-Legende Heiner Brand hat seinen Namen längst auf dem Schirm, spricht in Interviews voll des Lobes über ihn.

Aber was sagt Simon Ernst dazu? Nicht viel. Ihm scheint das fast ein bisschen unangenehm zu sein. Ein Lächeln – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Große Worte, die sind irgendwie nicht das Ding des 1,95 Meter langen Handballers. Vor allem nicht, wenn es um ihn selbst geht. Der 19-Jährige aus dem Dürener Stadtteil Birkesdorf lässt lieber Leistung sprechen. Und damit ist ihm nun sein bislang größter Wurf gelungen: Simon Ernst wechselt zur kommenden Saison vom Drittligsten Bayer Dormagen zum Handball-Bundesligisten VfL Gummersbach.

„Ich wollte den nächsten Schritt machen“, sagt Ernst über seinen Wechsel. Da ist sie wieder, diese Bodenständigkeit. Natürlich sei das ein schöner Erfolg, natürlich freue er sich auf die Erste Liga. „Ich weiß aber auch, dass ich mich weiter verbessern muss.“

Den Grundstein für seine bisherige Karriere legte Ernst beim heimischen Birkesdorfer TV. Mit gerade einmal vier Jahren fing er mit dem Handball an, stellte sich bei seinem ersten Training wagemutig ins Tor. „Da habe ich gleich mal einen Ball an den Kopf bekommen“, erzählt Ernst. Das mit der Torwart-Position hatte sich direkt erledigt, die Leidenschaft für den Handball war dennoch entfacht. Und auch seine Lieblingsposition sollte er rasch finden: Rückraum Mitte. Simon Ernst spielt diese Position nicht nur gerne, er spielt sie gut. Richtig gut. Und mehr als das.

Ausbildung in Dormagen

Die logische Konsequenz folgte im Sommer 2009: Ernst wechselte von Birkesdorf zu Bayer Dormagen – seit Jahren für seine herausragende Nachwuchsarbeit im Handball bekannt. Zunächst spielte er zwei Jahre in der B-Jugend, dann eins in der A-Jugend. In seinem zweiten Jahr in der A-Jugend in der Saison 2012/2013 war er bereits Mitglied des Männer-Teams, hatte großen Anteil am ersten Platz in der Dritten Liga, der nur nicht mit dem Aufstieg belohnt wurde, weil die Dormagener 2011 Insolvenz angemeldet hatten und nicht aufsteigen durften. Und auch in der laufenden Spielzeit besticht Ernst mit starken Leistungen. Er ist absoluter Stammspieler. Mehr noch: Er ist eine tragende Säule der Mannschaft. Eine Knieverletzung Ende vergangenen Jahres bremste den Senkrechtstarter nur gut zwei Monate aus.

Unbeobachtet verlief diese Entwicklung freilich nicht. Simon Ernst kann schon jetzt eine beeindruckende Karriere imdeutschen Nationalteam vorweisen. Rund 50 Mal hat Ernst bislang für die Jugend- und Junioren-Auswahlteams gespielt. Der bisherige Höhepunkt: der Jugend-Europameister-Titel in Österreich 2012. Der Birkesdorfer wurde damals zudem zum besten Spielmacher des Turniers gekürt. 2013 stand er als mit Abstand jüngster Spieler im Kader des deutschen Junioren-Teams bei der Weltmeisterschaft in Bosnien-Herzegowina. In diesem Sommer und Mitte 2015 stehen vermutlich erneut Junioren-Turniere auf dem Programm des Birkesdorfers. Große Ziele inbegriffen.

Und auch bei der B-Mannschaft durfte Ernst im Februar dieses Jahres bereits hineinschnuppern. „Das kam für mich total überraschend“, sagt Ernst. Im Vorprogramm des All-Star-Game – das die A-Nationalmannschaft traditionell gegen die besten ausländischen Bundesliga-Handballer bestreitet – spielte er im Team von Trainer Markus Baur gegen DHfK Leipzig. Bei der 31:33-Niederlage warf Ernst zwei Tore. „Wir haben nur einmal miteinander trainiert“, sagt der Handballer. Die knappe Niederlage gegen den eingespielten Zweitligisten sei da nicht wirklich überraschend gekommen.

Wichtig für seine Entwicklung war definitiv auch, dass sich Dormagen und der Bundesligist HSG Wetzlar im vergangenen Sommer auf ein Doppelspielrecht für den Birkesdorfer einigten. Zwar kam Ernst nicht für die Hessen im Oberhaus zum Einsatz, er konnte aber regelmäßig mit Handballgrößen wie dem Kroaten Ivano Balic und dem spanischen Torhüter José Javier Hombrados trainieren. „Das war perspektivisch sehr gut“, sagt Ernst. „Da habe ich einen weiteren Schritt gemacht.“

Und dieser Weg führt ihn nun endgültig in die Bundesliga. Ernst hatte gleiche mehrere Angebote aus der Eliteklasse auf dem Tisch. Von den ganz großen Klubs sei keiner dabeigewesen, sagt er. Dafür standen aber die Teams aus dem Mittelfeld der Tabelle Schlange beim abwehrstarken Rechtshänder. „Ich habe mir alles angehört“, sagt Ernst. Am Ende machte der VfL Gummersbach das Rennen um den flinken Birkesdorfer. Warum? Dafür hat Ernst eine einfache Erklärung. „Das Konzept hat mich überzeugt“, sagt er. In Gesprächen mit den Verantwortlichen und Trainer Emir Kurtagic hat er schnell Gefallen an der künftigen sportlichen Marschroute der Oberbergischen gefunden. Und flugs seine Unterschrift unter den Vertrag bis Sommer 2016 gesetzt.

Gummersbach setzt in der kommenden Saison fast ausschließlich auf junge deutsche Spieler. Neben Ernst wurden auch Julius Kühn (21) und Alexander Becker (22) verpflichtet, dazu wurden die Verträge der Eigengewächse Philipp Jaeger (19), Tobias Schröter (21) und Andreas Heyme (21) verlängert. Das Team des VfL hat in der kommenden Saison einen Altersschnitt von gerade einmal 24,4 Jahren, 70 Prozent der Spieler sind Deutsche – eine Seltenheit in der Handball-Bundesliga. Nur der TBV Lemgo fährt ein ähnliches Konzept.

„Natürlich ist das auch ein sportliches Risiko“, weiß Ernst. Eine „Krabbelgruppe“ in der wohl besten Handball-Liga der Welt – das dürfte ein hartes Stück Arbeit werden. Und doch loben alle Experten diesen Mut – vor allem wegen der Misere der deutschen Handball-Nationalmannschaft in jüngster Zeit. Ganz auf Erfahrung verzichten werden die Gummersbacher aber nicht, einige ältere Spieler stehen weiterhin im Kader – und davon wird auch Simon Ernst profitieren: Mit Christoph Schindler bekleidet ein beinahe schon alter Hase gemeinsam mit Ernst die Position Rückraum Mitte. „Er ist ein gestandener Bundesliga-Spieler“, sagt Ernst über den 30-Jährigen. „Von ihm kann ich lernen.“

Lernen – unter dieser Devise fasst der Birkesdorfer seine nächste Etappe auf seinem Karriereweg zusammen. Er weiß, dass das Oberhaus eine „andere Hausnummer“ ist, dass er viel trainieren muss. „Mein nächstes großes Ziel ist es, mich dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren“, sagt er. In der Eliteklasse ankommen, viel Spielzeit erhalten, sich körperlich verbessern. So etwas eben. Von den ganz großen Würfen – etwa von Spielen in der A-Nationalmannschaft oder in der Champions League – träumt Simon Ernst noch nicht. Er freut sich auf die kleinen Etappen auf diesem möglichen Weg: die Heimspiele in der neu gebauten Gummersbacher Arena, die Auswärtsfahrten. „In Kiel oder in Hamburg zu spielen – das wird großartig.“

Handball, so sagt es Simon Ernst öfters, sei sein liebstes Hobby. Dass er auf einem solch hohen Niveau spielen kann und seine Karriere so schnurgerade verläuft, das weiß er zu schätzen. Dass eine Laufbahn aber ebenso schnell vorbei sein kann, auch das hat der Birkesdorfer auf dem Schirm.

Und deswegen hat Ernst vorgesorgt: 2013 hat er sein Abitur am Stiftischen Gymnasium in Düren gemacht – gemeinsam mit dem Kölner Fußballprofi Yannick Gerhardt und dem Kanu-Weltmeister Marcel Prinz. Im Januar folgte eine verkürzte Grundausbildung bei der Bundeswehr, Simon Ernst ist seitdem Teil der Sportförderkompanie. Und weil er sich frühzeitig ein zweites Standbein aufbauen will, hat er sich bereits für ein Studium eingeschrieben. Ab April wird er an einer Fernuniveristät Internationales Management studieren. „Und das möchte ich auch schnell durchziehen“, sagt er.

Zunächst einmal steht aber der Handball vollends im Fokus. Ernst befindet sich mit Bayer Dormagen im Schlussspurt der Drittliga-Saison. Meisterschaft und Aufstieg lauten die Ziele. Und der Birkesdorfer will tatkräftig mithelfen, dass sie auch erreicht werden. Er wisse, was er an Dormagen hatte, welch gute Ausbildung er genossen hat – und wie wichtig dies für seine Karriere gewesen ist. „Der Aufstieg wäre ein kleines Abschiedsgeschenk“, sagt Ernst. Und Dormagen liegt auf Kurs: Platz eins, sechs Punkte Vorsprung vor dem ärgsten Widersacher TuS Ferndorf, noch fünf Spieltage bis Saisonende.

Simon Ernsts Aufstieg steht dagegen ja schon fest. „Eines der größten Talente des deutschen Handballs“ geht ab Sommer in der Bundesliga an den Start. „Die ganz große Karriere“ kann beginnen. Und Ernst wird viel über sich selbst hören und lesen müssen.

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