Der Herr über die statistischen Daten

Von: Franz Sistemich
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Der Herr der Statistik: David Jansen notiert jeden Ballwechsel während eines Volleyballspiels von Evivo. Mit voller Konzentration versieht er seine Aufgabe, von der auch Trainer Michael Mücke profitiert. Foto: Sistemich

Düren. „Nein, vor Freude ausflippen darf ich nicht. Ich muss mich total konzentrieren“, sagt David Jansen und lacht. Vor Freude ausflippen dürfen die Fans von Evivo Düren bei jedem Punkt ihres Teams – beispielsweise im Pokalviertelfinale gegen den VfB Friedrichshafen. 3:0 hieß es nach begeisterndem Volleyballsport für die Hausherren von der Rur. Doch während die Fans ihre Hände, Kehlen und die Trommeln vor Begeisterung malträtierten, ballte David Jansen höchstens einmal die Faust.

Er ist vielleicht derjenige Dürener, der in der Arena oder in Fremde eine Partie des Bundesligisten am konzentriertesten verfolgt. Der 33-Jährige sitzt in der Arena an einem eigens angefertigten Tisch an einer Kopfseite in der höchsten Sitzreihe. Auf dem Tisch steht ein Laptop, gut einen Meter weiter eine Videokamera. Mit ihr nimmt der Student das Spiel Evivos auf. Und mit dem Klapprechner?

Jedes Profiteam hat einen Mitarbeiter wie den 33-Jährigen in seinen Reihen. David Jansen ist der Scout des Volleyball-Bundesligisten Evivo Düren. Seine Aufgabe erfüllt er mit dem Laptop: Der Student gibt vor jedem Satz die Aufstellungen beider Mannschaften ein. Er notiert per Taste jeden Aufschlag, jedes Zuspiel, jeden Angriff, jede Abwehr, jede Auszeit.

Und er bewertet – natürlich ebenfalls mit Tastendruck – die Qualität des Aufschlags, des Zuspiels, des Angriffs. Er gibt die Schlagrichtung des Angreifers ein, notiert den Aufschlagpunkt des Balles. Und die Software verarbeitet diese wie andere Eingabe zu einer Statistik. Statistiken kann man glauben oder nicht – im Sport sind sie längst zu unverzichtbaren Gehilfen der Trainer während des Spiels und vor allem in der Vorbereitung auf eine Partie geworden.

Wobei allerdings auch gesagt werden muss: Der eine Trainer arbeitet während einer Partie mehr, der andere weniger mit ihr. „Das ist wirklich von Coach zu Coach verschieden.“ Die einen vertrauen mehr der eigenen Wahrnehmung, die anderen haben einen Laptop, der mit dem des Scouts verbunden ist, am Spielfeldrand stehen und nutzen Eingabe und Auswertung schon während eines Satzes für ihre Entscheidungen. Söhnke Hinz beispielsweise gehörte zu den Trainern, die sehr auf die Computeranalysen fixiert waren. Mirko Culic nutzte Jansens Arbeit mehr zur Vorbereitung auf ein Pflichtspiel.

Und gerade jetzt zeigt sich, was im Zusammenspiel Laptop und Videokamera alles möglich ist. Die Daten eines jeden Spiels und auch die Video-Aufzeichnungen werden nach Spielende in einen Pool eingeben. Jeder Bundesligist kann sich aus ihm zur Vorbereitung auf den nächsten Gegner bedienen. Und schon kommt ist David Jansen gefragt. Anhand der manuellen Eingaben sucht die Software die Szenen heraus, die Dürens Coach – im akuellen Fall Michael Mücke – benötigt, um sein Team beispielsweise mittels zehn- bis zwölf-minütiger Video-Sequenz vorzubereiten.

„Ich kann praktisch mit einem Knopfdruck alle Angriffe des gegnerischen Diagonalangreifers in einem Spiel zusammenspielen oder alle Annahmen von Spieler X des kommenden Gegners.“ So lässt sich leichter die Hauptschlagrichtung des Angreifers erkennen, kann Evivo versuchen, im Spiel Block und Feldabwehr entsprechend zu positionieren.

Mindestens 1700 Klicks

Als Scout angefangen hat David Jansen vor neun Jahren, als Bernd Werscheck noch Trainer in Düren war. Damals arbeitet Jansen noch mit Klemmbrett, Papier und Bleistift. Seine Hauptaufgabe bestand darin, mit dem Bleistift die Angriffsrichtungen der gegnerischen Spieler einzutragen, die Annahmen des Gegners zu bewerten. Eine Spielzeit später durfte er mit dem Laptop arbeiten. Im Laufe der Jahre musste er immer mehr Daten erfassen. „Es ist von Vorteil, wenn du selbst Volleyball spielt. Du musst ein geschultes Auge haben, musst blitzschnell die Bewertungen über die Qualität von Annahme oder Zuspiel vornehmen und eingaben. Da hast du keine Zeit, dich mitreißen zu lassen.“

Irgendwann wird Jansen nicht mehr Scout von Evivo sein. Dann will er nur eins: „Auf der Tribüne sitzen, mir das Spiel anschauen und es genießen.“ Und vielleicht vermisst er dann irgendwann die mindestens 1700 Eingaben, die er pro Spiel gemacht hat.

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