Düren - Der erste Gemeindereferent geht in den Ruhestand

Der erste Gemeindereferent geht in den Ruhestand

Von: Stephan Johnen
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Nach mehr als 35 Jahren im kir
Nach mehr als 35 Jahren im kirchlichen Dienst verabschiedet sich Karl-Heinz Sonanini heute in den Ruhestand. Foto: Johnen

Düren. Es herrschte Aufbruchstimmung in der katholischen Kirche, als auch Karl-Heinz Sonanini (65) einen ganz persönlichen Neuanfang wagte. Der gelernte Maschinenbauer und studierte Ingenieur entschloss sich 1974 dazu, die Technik Technik sein zu lassen und sich der Religion und Pädagogik zuzuwenden.

Er wollte Gemeindereferent werden und einen im wahrsten Sinne des Wortes neuen Beruf ergreifen, der im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils entstanden ist. „Wir Laien durften mitreden, mitbeschließen und mittun”, blickt der Dürener auf die Zeit nach dem Konzil zurück. Eigenverantwortlichkeit und Mitbestimmung der Laien rückten in den Vordergrund. „Jeder Laie hatte Anteil am Priesteramt, durfte seine Talente einbringen. Damit konnte ich viel anfangen”, sagt er. So viel, dass der Katholik sich entschloss, die Berufung zum Beruf zu machen. Heute, nach mehr als 35 Jahren im kirchlichen Dienst, verabschiedet er sich als einer der ersten Vertreter dieser noch jungen Berufsgruppe in den Ruhestand.

Vom Religionsunterricht an Schulen bis zur Diakonie und Seelsorge sind Gemeindereferenten im Einsatz. „Wir begleiten die Menschen von der Wiege bis zur Bahre. Die Vielseitigkeit ist eine der Stärken des Berufs”, sagt er. Auch die selbstständige Arbeit könne nicht hoch genug geschätzt werden. „Und man wächst mit den Situationen.” Die eigene Biografie fließe in die Arbeit ein.

Karl-Heinz Sonanini, der von 1977 bis 1979 das Jugendheim Salvatorstraße in Aachen leitete, begann mit der Kinder- und Jugendarbeit. Weil es für den Vater von drei Kindern nahe lag. Über die Familien kam er zur Senioren- und Trauerarbeit. „Ich habe mich stets als Seelsorger verstanden, der Zeit für die Menschen und ein offenes Ohr für ihre Anliegen und Nöte hat”, sagt er. Wer selbst Not, Verlust, Erkrankungen und Ängste erlebt und durchlebt habe, könne anderen in ähnlichen Situationen besser zur Seite stehen. „Authentisch sein und bleiben”, nennt Karl-Heinz Sonanini das.

In St. Heribert in Kreuzau begann er 1979 seinen pastoralen Dienst, weitere Stationen waren St. Josef und St. Bonifatius in Düren. Seit 1990 war er in St. Apollinaris Obermaubach und St. Brigida Untermaubach tätig. In den vergangenen Jahren kamen noch Winden, Üdingen und Leversbach hinzu. Gerade in Düren habe er zu Beginn seiner Dienstzeit viel gelernt, blickt er zurück. So gab es beispielsweise in St. Josef auf engem Raum soziale Brennpunkte, ein Akademikerviertel und Arbeitersiedlungen. Abwechslung und Herausforderungen waren programmiert. „Aber ich mag besonders die Arbeit auf dem Land, weil dort ein Gemeindereferent für alle Aufgaben zuständig ist”, sagt er. In Städten sei die Arbeit in einem größeren Team spezialisierter.

War ein Gemeindereferent in der Vergangenheit wie ein Priester nur einer Pfarre zugeordnet, sind heute flächendeckende Verbände längst Alltag. „Als ich anfing, gab es 600 Priester im Bistum. Bald sind es nur noch 100”, sagt Sonanini. Statt Aufbruchstimmung herrsche derzeit beizeiten Resignation. Hinzu komme der „Rückzug der Menschen ins Private”, unter dem die Kirche ebenso leide wie Vereine. „Die Kirche gibt nicht mehr unbedingt die Antworten auf die Fragen der Menschen”, wirft Sonanini einen kritischen Blick auf das Zeitgeschehen. Er stehe „zu 100 Prozent hinter dem Glauben”, habe er doch „Kritikpunkte am kirchlichen Apparat”.

Seit Jahren ist der Gemeindereferent berufspolitisch aktiv. Deswegen sei es wichtig für ihn, gewisse Entwicklungen zu hinterfragen. So beobachtet er, dass die Eigenverantwortung der Menschen längst nicht mehr eine so zentrale Rolle spiele wie vor 30 Jahren. Stattdessen würden den Menschen Entscheidungen verstärkt abgenommen. „Die Laien werden zunehmend entpflichtet”, sagt Sonanini. Er habe die Befürchtung, dass es den Beruf des Gemeindereferenten, also des Laien im pastoralen Dienst, in Zukunft nicht mehr geben wird. Ob die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils Bestand haben werden? Sonanini weiß es nicht. Sorgen bereite ihm auch die Abkehr vieler Ehrenamtler. „Viele gute Leute sind gegangen”, bilanziert er.

Auf manche Entwicklung habe die Kirche aber auch nicht rechtzeitig reagiert. „Wir sind längst keine Volkskirche mehr”, sagt er nüchtern. „Diese Zeit ist in Europa vorbei.” Gleichzeitig glaubt er aber nicht daran, dass das Christentum von der Landkarte verschwinden wird. „Vielleicht haben wir das falsche Christentum gelebt?”, stellt er die provokative Frage, ob es wirklich einen guten Christen ausmache, regelmäßig in den Gottesdienst zu gehen, aber nichts mit dem Sitznachbarn zu tun zu haben.

Kleinere, persönliche Einheiten könnten die Antworten auf eine „schrumpfende Kirche” sein. Gemeinschaften, mit denen man nicht nur Eucharistie feiert, sondern mit denen man das Leben lebt. „Es muss in allen Taten und Worten spürbar sein, dass ich Christ bin”, findet Sonanini. Dieser gelebte Glaube sei in letzter Konsequenz wichtiger als der Erhalt von Steinen. Nicht sie seien es, die eine Kirche formen, sondern die Menschen. Wer wisse schon, ob es nicht Zeit für eine Aufbruchstimmung ist!?

Mit einem Festgottesdienst in St. Marien, der Kirche seiner Heimatpfarre, wird Karl-Heinz Sonanini am Freitag nach 35 Jahren im kirchlichen Dienst feierlich entlassen. Beginn ist um 18 Uhr.
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