Der dienstälteste „Heilige“ reitet ein letztes Mal

Von: Jörg Abels
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Wenn am kommenden Dienstag um 17.30 Uhr an der Niederzierer Pfarrkirche der Martinszug startet, verkörpert Hans Junior zum 50. und letzten Mal hoch zu Ross den Heiligen. Foto: Jörg Abels

Niederzier. Sein roter Umgang liegt frisch gebügelt neben dem goldenen Helm. Auch die schwarzen Stiefel sind blank gewienert: Am Dienstag schlüpft Hans Junior beim Niederzierer Laternenzug zum 50. Mal in die Rolle des St. Martin. Der 73-Jährige zählt damit ohne Zweifel zu den dienstältesten „Heiligen“ im Rheinland.

Es wird sein letzter Ritt sein. „Mit dem großen Umzug ist dann endgültig Schluss“, kündigt der stets gut gelaunte Rentner an. Denn Auf- und Abstieg vom hohen Ross fallen dem 73-Jährigen längst nicht mehr so leicht wie in früheren Jahren. Und eine Leiter als Hilfsmittel akzeptiert längst nicht jedes Pferd, kann sich Junior ein Lachen nicht verkneifen.

Schon 2009 rutschte er nach dem Zug so unglücklich aus dem Sattel, dass er sich unversehens zwischen den Beinen des Pferdes wiederfand und Glück hatte, nicht unter die Hufe zu kommen. Schon damals wollte er aufhören, ließ sich nach einem Israel-Besuch mit der Pfarrgemeinde aber noch mal umstimmen. „Wenn Du noch auf einem Kamel reiten kannst, kannst Du auch noch den St. Martin mimen“, hatte ihm ein Bekannter damals bei einem Ausflug zu verstehen gegeben. Und Hans Junior machte weiter, das 50-Jährige vor Augen.

Begonnen hat seine Martins-Karriere 1963 – Hans Junior war gerade einmal 23 Jahre alt. Damals war das Ehrenamt vakant. „Du kanns doch rigge?“, habe ihn sein Onkel, der längst verstorbene Josef Sievernich, gefragt, der zur damaligen Zeit das Pferd für den Martinszug stellte, erinnert sich Junior. Er bejahte die Frage. „Dann kannste och dä Martin mache“, habe ihm da sein Onkel zugerufen. Und der Neffe sagte zu. Noch ein Gespräch beim damaligen Amtsdirektor Wilhelm Schmitz und die Sache war perfekt. Für ein Jahr zunächst. Es sollten 50 Jahre werden.

Und in all den Jahrzehnten hat Hans Junior nie auch nur einen Martinszug verpasst, nicht einmal im Jahr 2001, als sein Arzt ihm nach einem Arbeitsunfall vom Ritt hoch zu Ross dringend abriet. Junior fackelte nicht lange und setzte sich zur Freude der Jungen und Mädchen auf dem Weg von der Pfarrkirche zum Martinsfeuer kurzerhand in eine Kutsche.

Es sind die vielen leuchtenden Kinderaugen, die Hans Junior in all den Jahren in guter Erinnerung geblieben sind – wenn er am Rande des großen Feuers auf dem Weihberg ein Mädchen oder einen Jungen zu sich aufs Pferd nahm oder wenig später bei der Ausgabe der Martinswecken. Die ersten Kinder, die Hans Junior begleitete, kamen später mit ihrem eigenen Nachwuchs, mittlerweile sogar mit den Enkelchen. Dass der Witwer und Vater zweier Söhne für viele im Ort daher der personifizierte „Heilige“ ist, verwundert kaum.

Hans Junior kann viele Geschichten erzählen, beispielsweise die von einem kleinen Mädchen, das ihn vor vielen Jahren einmal zu Fuß von Krauthausen nach Niederzier gehen sah und seine Mutter aufforderte, doch anzuhalten und St. Martin mitzunehmen. „Warum hast Du das denn gemacht“, hat Hans Junior die Kleine damals gefragt. Und die Antwort des jungen Mädchens hat ihn sehr gefreut, auch weil sie für den Gedanken des Martinsbrauches steht: „Du hast mich auf dem Pferd mitgenommen, jetzt nehmen wir Dich im Auto mit.“

Auch die alljährlich auf dem Programm stehenden Besuche in Kindergärten und im Sophienhof will Hans Junior nicht missen. „Wenn ich mit Musik von Zimmer zu Zimmer auch zu denjenigen gehe, die nicht mehr ganz so mobil sind, ist das immer etwas ganz Besonderes.“

An die 100 Mal bereits ist Hans Junior in das „Heiligen“-Gewand geschlüpft, hat sogar schon mal in Hambach und Oberzier ausgeholfen, wenn Not am St. Martin war.

Wie sehr sich der heute 73-Jährige mit der Rolle identifiziert, zeigt auch, dass er in der Vergangenheit schon mal mit anderen ehrenamtlich Weckmänner gebacken hat, weil sich die Gemeinde mit den ortsansässigen Bäckern nicht über den Preis einigen konnte. Doch das war einmal.

Auf seinen letzten Ritt freut sich der 73-Jährige ganz besonders. Ein geselliges Beisammensein nach getaner Arbeit mit Musikern und Feuerwehrleuten ist vorgesehen, auch die Gemeinde plant einen kleinen Empfang, verrät der Jubilar, der in seiner Nachbarschaft auch schon einen Nachfolger gefunden hat. Ganz aufhören will der 73-Jährige freilich nicht. Kindergärten und Sophienhof können weiter auf ihren St. Martin bauen, kann er hier doch den Schimmel gegen ein symbolisch verstandenes Steckenpferd tauschen. Gut möglich also, dass der Rentner auch noch das 60-Jährige im Martins-Gewand feiern wird.

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