Der Bagger gehört fast schon zur Familie

Von: Thomas Vogel
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Wohnen an der Abbaukante: Die
Wohnen an der Abbaukante: Die Nachbarschaft zum Bagger, dessen Stahlgerüst sich direkt hinter ihm auftürmt, erlebt Simon Tugendheim unaufgeregt. Er hat sich im Wissen um den Tagebau vor der Haustür für diesen Platz als Zuhause entschieden. Foto: Vogel

Schophoven. Ein leises Surren, ein nicht näher definierbares Mahlgeräusch oder dumpfes Rauschen - das ist es, was Menschen von Außerhalb in der Hüttenstraße in den Ohren liegt. Zumindest bei ihrer Ankunft und wenig später.

Dann aber, über Gesprächen, vor dem Fernseher oder bei der Gartenarbeit, wird es leiser, verflüchtigt sich - nicht in Wirklichkeit. Der Verstand blendet es aus.

Quell der mechanischen Soundkulisse ist der Braunkohle-Bagger im Tagebau Inden. Raus aus der Haustür, ein paar Schritte spazieren und Simon Tugendheim steht direkt am Rande des Abbaus, unmittelbar vor dem Bagger. Luftlinie sind es circa 150 Meter, die zwischen dem Garten des 34-jährigen Arztes und dem Ungetüm liegen. „Wenn man im Sommer draußen sitzt, ist das hier eine traumhafte Ruhe.” Wer diesen Satz aus Tugendheims Munde hört, ist erst einmal erstaunt.

Unerwartete Einstellung

Viel eher wäre doch mit einem „Schrecklich, ich kann mit diesem Monster, mit dem Lärm und dem Dreck nicht mehr leben” zu rechnen gewesen. Ganz anders der junge Mediziner, der ein eher entspanntes Verhältnis zum Braunkohletagebau in Steinwurf-Weite pflegt. Genau wie Ariane Ponten, eine Nachbarin Tugendheims in der Bausiedlung „Gut Müllenark”: „Der Bagger begleitet einen auch im Schlaf, es ist eine ständige Geräuschkulisse. Aber die Geräusche wiederholen sich”. „Die sind monoton”, pflichtet ihr Harald Bauer, ein weiterer Nachbar, bei. „Das ist, als ob man bei Formel 1 im Fernsehen einschläft”, erklärt er.

Vor sieben Jahren ist Simon Tugendheim nach Schophoven gekommen, hat hier gebaut, seine Praxis eingerichtet. „Das der Bagger kommt, war klar, aber für mich nichts Schlimmes”, sagt er. Zu diesem Zeitpunkt war das große Schaufelrad noch 2,5 bis 3 Kilometer weit entfernt. Kein Problem, eher sogar ein Vorteil bei der Wahl des Bauplatzes für ihn und seine Frau Nadine - die Grundstückspreise sind angenehm niedrig. Die beiden Kinder Paul und Max haben das Stahlungetüm bereits ins Herz geschlossen.

„Mama, fahren wir nochmal unseren Bagger gucken?”, fragt Paul in regelmäßigen Abständen. Ab und zu nimmt Mama Nadine dann extra die Straße, von der aus sie genau schauen können, ob es dem Gerät gut geht. „Wir sagen auch unser Bagger”, gesteht Harald Bauer. „Unser Bagger” - die zwei Worte drücken aus, wie die Einstellung vieler aus der Nachbarschaft zum Tagebau vor der Haustüre aussieht.

„Es ist schon so, dass der Bagger irgendwie dazu gehört”, meint Ariane Ponten. Und ein „Aber” gibt es überhaupt nicht? Doch, sagt Tugendheim: „Es ist beides: auf der einen Seite interessant, und es gibt auch weniger schöne Dinge, zum Beispiel, dass man öfter mal die Fenster putzen muss”. Ponten nickt. Die 34-Jährige hat Erfahrung mit dem Staub, der sich in jede Ritze setzt. Nachbar Harald Bauer findet es im Vergleich mit dem vom Lastwagenverkehr geplagten Eschweiler aber nicht schlimmer.

Angst davor, das gebaute Haus irgendwann zu verlieren, weil vielleicht doch noch weiter gebaggert werden soll, hat Tugendheim nicht. „Ich fühl mich hier wohl, aber bau das Haus auch woanders”, stellt er klar. Bauer ergänzt: „Wir haben einfach nicht die emotionale Bindung, wie jemand, der an diesem Ort aufgewachsen ist”. Als Fazit zur Rolle des Tagebaus mitsamt Bagger im täglichen Leben genügt dem Arzt ein Wort: „Keine”. Einschränkend schiebt er nach: ”Wir gehen ab und zu mal gucken”. Auf die Frage, ob sonst noch etwas auffällt in Sachen Tagebau, viele Lastwagen, Erschütterungen oder dergleichen mehr, setzt bei allen Kopfschütteln ein.

Lebensabend am See

Einig sind sie sich auch, wie es nach Ende des Kohleabbaus weitergehen soll. Angelscheine sind geplant, um den Lebensabend angelnd am großen See zu verbringen. Eine Bandstraße über 30 Jahre im Dauerbetrieb um das Loch zu verfüllen ist eher eine Horrorvorstellung. 2015 wird der Bagger schon im Nachbarort Pier stehen. Dann wird auch das vertraute Surren kaum noch zu hören sein.
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