Das Vermächtnis von Krieg und Befreiung

Von: Stephan Johnen
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Die Ausstellung „Routes of Liberation“ wandert durch Europa. In Schmidt wurden 6000 Besucher gezählt. Nun soll eine Organisationsstruktur geschaffen werden, um das Projekt auch in Zukunft fortführen zu können. Foto: smb/sj (2)

Düren. Mehr als 6000 Menschen haben sich im vergangenen Jahr die Ausstellung „Routes of Liberation“ in der Schmidter Pfarrkirche angeschaut, die die Befreiung Europas von der Nazi-Diktatur aufzeigt. Von der Südküste Englands bis Berlin wurde der Weg der West-Alliierten im Zweiten Weltkrieg nachgezeichnet.

Die Wanderausstellung ist nur ein Teil des viel beachteten internationalen Projekts, das das Thema Befreiung seit mehr als vier Jahren historisch aufarbeitet und mit Bildungs- und Tourismusaspekten verknüpft. Im Dürener Rathaus wurde jetzt unter Schirmherrschaft von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) und auf Einladung der Bürgermeister Paul Larue (Düren, CDU) und Axel Buch (Hürtgenwald, CDU) der nächste Schritt getan.

Angebote in der Region schaffen

Auf der Tagung, an der unter anderem neben vielen Bürgermeistern aus der Euregio, Vertretern von Hochschulen und Bildungseinrichtungen sowie Geschichtsvereinen auch Staatssekretär Bernd Neuendorf für das Land NRW teilnahm, wurde der Grundstein für den Aufbau einer eigenen Organisation in NRW gelegt. Martin Schulz meldete sich aus Brüssel und bat um Entschuldigung, der EU-Gipfel dauere länger...

Die Teilnehmer in Düren einigten sich auf folgende Vorgehensweise: Die Ziele des in den Niederlanden gestarteten Projekts sollen in NRW dauerhaft fortgeführt werden, es sollen in Kooperation mit lokalen Akteuren Bildungs- und Tourismusangebote geschaffen werden. Dazu gehört beispielsweise der Verein „Rureifel Tourismus“, der ein Partner der „Liberation Route“ ist, die Ausstellung nach Schmidt holte und die Tagung mitorganisiert hat. Ziel ist es, die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus im Gedächtnis der Menschen zu wahren, über die Ereignisse zu informieren, sich für die Bewahrung des Friedens einzusetzen und für Einheimische und Touristen fachlich fundierte Angebote zu schaffen.

An dem Projekt sind Partner aus den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Deutschland und Polen beteiligt. Es gibt Kontakte nach Kanada, Australien, Neuseeland und in die USA. Die niederländische Stiftung „Liberation Route Europe“ koordiniert dies. Sie soll zu einem Dachverband werden, in den Ländern und Regionen soll die Arbeit eigenständig organisiert werden. Damit dies in NRW geschehen kann, sollen Gotthard Kirch, Geschäftsführer des Vereins „Rureifel Tourismus“ und Victoria van Krieken eine Organisationsstruktur entwickeln und Projektideen formulieren, mit denen die Suche nach Fördermöglichkeiten beginnen kann.

„Wir haben noch keinen Euro in der Tasche, sind aber ein großes Stück weitergekommen“, zog Gotthard Kirch am Ende der Tagung zufrieden Bilanz. Sowohl Bildungsstaatssekretär Bernd Neuendorf, der versprach, das Gespräch mit seinen Kollegen aus dem Wirtschaftsministerium zu suchen, als auch Harry Voigtsberger, Präsident der NRW-Stiftung, signalisierten großes Interesse. Auch Klaus Schäfer („Eifel-Tourismus“) sagte eine Mitarbeit und den Transfer auf die Landesebene zu. Kern der Arbeit, erläuterte Victoria van Krieken, sei auch das Einbeziehen von Kommunen, Museen, Wissenschaftlern und Vertretern des Tourismus‘.

Dass die Tagung in Düren stattfand, war kein Zufall. Die Stadt ist im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört worden, sie ist Teil der Frontlinie geworden, als die Amerikaner die Rur überquerten. Im Hürtgenwald hatten 1944/45 schwere Kämpfe getobt. Der Verein „Rureifel Tourismus“, die Gemeinde Hürtgenwald sowie die Stadt und der Kreis Düren seien „Schlüsselpartner“ der „Liberation Route“, sagte Victoria van Krieken.

Wiel Lenders, Direktor des Groesbeeker Befreiungsmuseums, sprach von einem „komplexen Vermächtnis von Krieg und Befreiung“. Die „Befreiungsroute“ sei ein Beitrag zur weiteren Annäherung und Versöhnung, Teil einer sich entwickelnden europäischen Erinnerungskultur. Lenders: „70 Jahre lang haben wir alle das eigene Leid betrauert – ohne zu wissen oder zu beachten, was jenseits der eigenen Grenzen geschehen ist.“ Idee hinter dem Projekt sei von Beginn an, das Geschehene aus vielen Perspektiven zu erzählen, den Blick zu weiten. Die „Liberation Route“ habe somit den „nationalen Sandkasten“ verlassen.

„Es gibt kaum noch Großeltern, die den Krieg erlebt haben“, sagte Staatssekretär Neuendorf. Daher sei es um so wichtiger, für kommende Generationen dieses Kapitel Zeitgeschichte zeitgemäß zu erläutern, Geschichte auch an „authentischen Orten“ wie in Düren und im Hürtgenwald erlebbar zu machen. Freiheit und Frieden seien teuer erkauft worden. „Wir erleben heute, wie Europa auf die Probe gestellt wird“, schlug Neuendorf den Bogen zu aktuellen Debatten in der EU. „Der Zweite Weltkrieg führt uns vor Augen, was wir verlieren können, wenn wir nicht jeden Tag dafür eintreten, dass Europa festen Boden unter den Füßen hat.“

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