Düren/Paris - „Das sind nicht meine Leute, das sind Terroristen“

„Das sind nicht meine Leute, das sind Terroristen“

Von: Sarah Maria Berners
Letzte Aktualisierung:
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Nahe der Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris legen Menschen Blumen nieder. Foto: dpa

Düren/Paris. „Dieses Attentat trifft die meisten Muslime noch hundert Mal stärker als Menschen anderer Religionen“, sagt Nurullah Celik. Es trifft die Muslime, weil unter dem Deckmantel der Religion getötet wurde und weil sie einmal mehr in eine Situation geraten sind, in der sie sich rechtfertigen müssen. Für Ereignisse, mit denen sie nichts zu tun haben.

Celik ist in Deutschland geboren, ist Vorsitzender des Dürener Integrationsrates, Händler, hat Familie. Seine Eltern kamen aus der Türkei nach hier. Vor 52 Jahren. Türkische Eltern zu haben und an den Islam zu glauben, sei für viele Menschen schon ein Indiz dafür, potenziell auch ein Terrorist zu sein. „Ich habe häufig das Gefühl, dass sich die Leute fragen: Wer weiß, was in seinem Kopf wirklich vorgeht?“, erzählt Celik.

„Warum haben ‚Ihre Leute‘ das gemacht?“, ist der Dürener am Donnerstag gefragt worden. Diese Frage macht ihn traurig, enttäuscht ihn. „Das sind nicht meine Leute. Ich weiß nicht, was in diesen Menschen vorgeht. Das sind Extremisten, organisierte Terroristen, die mit Kalaschnikows herumlaufen und Menschen erschießen.“ Celik findet es erschütternd, was in der Welt passiert, was in den Nachrichten zu sehen ist. Die Morde und Attentate. Aber auch die Reaktionen darauf erschrecken ihn.

Es sei unangenehm und belastend, sich immer wieder erklären, distanzieren und entschuldigen zu müssen. „Das zehrt an den Nerven und es zeigt: Obwohl viele Familien seit Generationen hier leben, kennt man einander noch immer nicht gut genug.“ Celik hat gemerkt, dass sich die Stimmung ändert, die ablehnende Haltung Muslimen gegenüber steigt. Er wünscht sich ein anderes Klima und dass die Politik dazu beiträgt.

„Menschen verschiedener Religionen leben in Düren in Frieden. Alle Seiten arbeiten daran. Diesen Frieden müssen wir bewahren“, sagt Yousef Momen. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Integrationsrates und lebt seit 33 Jahren in Düren. Mit Sorge blickt er in diesen Tagen nach West und nach Ost. Nach Paris und Dresden. Auf das Attentat auf die „Charlie Hebdo“-Redaktion und auf die Pegida-Proteste. „Für die Morde in Paris finde ich keine Worte. Nach meinem Ermessen darf niemand einem anderen Menschen auch nur ein Haar krümmen. Das sehen die meisten Muslime so. Wie kann man, wenn man an Gott glaubt, einem anderen Menschen das Leben nehmen?“

Der gebürtige Iraner hofft und glaubt, dass das Attentat keine negativen Auswirkungen auf das Zusammenleben in Düren haben wird. Aber er fürchtet, dass es an vielen Orten Auswirkungen geben kann. „Viele Muslime sind sehr religiös, aber es gibt nur sehr wenige, die fanatisch sind“, setzt er auf eine differenzierte Meinungsbildung. Für diese fanatische Minderheit sei eine satirische Auseinandersetzung mit dem Islam nicht akzeptabel. Sie fühle sich gekränkt, wenn jemand ihre Religion beleidige. Dieser Kränkung folge inakzeptable Gewalt.

„Schlimmstes Vergehen“

„Ich bin froh in einem Land zu leben, in dem es Pressefreiheit gibt. Die gibt es nicht überall. Es ist toll, dass Medien Missstände aufdecken und Kritik üben“, sagt Momen. Auch die Satire gehöre dazu. Gleichwohl hält nicht nur Momen die Religion für kein geeignetes Satire-Thema, weil man Religionen nicht beleidigen sollte. Und: „Wir wissen, dass es fanatische Menschen gibt, die wir mit unseren Appellen nicht erreichen. Nicht zum ersten Mal hat Satire Menschen aufgehetzt, die man nicht überzeugen kann. Ich frage mich, ob man nicht besser auf solche Darstellungen verzichtet, damit keine Menschenleben in Gefahr sind.“

„Menschen zu töten ist das schlimmste Vergehen“, betont Duran Hamid, stellvertretender Vorsitzender der Ditib-Moschee an der Veldener Straße. Mit dem Glauben sei das in keiner Weise vereinbar. „Die Tat hat uns zutiefst berührt“, sagt Saffet Akkas vom Sprecherkreis des Bündnisses gegen Rechts. Er hofft, dass die Menschen trotz des Angriffs weiterhin differenzieren und nicht alle Muslime über einen Kamm scheren. „Wir sehen die Gefahr, dass rechtspopulistische Parteien und Gruppierungen von solchen Angriffen profitieren.“ Die Ditib-Moschee arbeitet daher auch an Aufklärung: „Alle Menschen sind willkommen, um uns kennenzulernen“, sagt Vorstandsmitglied Gülacti Zaki.

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