Das Schicksal der Menschen im Fokus

Von: Andreas Gabbert
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Wo einst Menschen gelebt und gearbeitet haben, erinnern heute nur noch einige wenige verlassene und verfallene Gebäude an das Dorf Wollseifen und seine Geschichte. Foto: Archiv/Stollenwerk
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Clemens Amendt auf dem Soldatenfriedhof in Vossenack. Foto: gab

Vossenack. Wer heute das Dorf Wollseifen im Nationalpark bei Vogelsang besucht, den erwartet auf der Hochebene eine seltsame Atmosphäre. Wo einst Menschen gelebt und gearbeitet haben, erinnern heute nur noch wenige verlassene und verfallene Gebäude an das Dorf und seine Geschichte.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Dorf von britischen Streitkräften geräumt, um auf dem umliegenden Gelände den Truppenübungsplatz Vogelsang anzulegen. Dieser wurde 1950 dem belgischen Militär übergeben. Seit dem 1. Januar 2006, nach Aufgabe des Truppenübungsplatzes, ist der Ort wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Anderen Ansatz gewählt

Mit der Geschichte Wollseifens, oder genauer gesagt mit einem Teil davon, befasst sich auch ein Film, den Schüler des Franziskus-Gymnasiums mit ihrem Lehrer Clemens Amendt im Rahmen eines Schulprojektes gedreht haben. „Anlass war eine Anfrage des Bürgermeisters Axel Buch, sich mit einem Projektkurs bei einer europäischen Friedenskonferenz für Schüler in Arnheim mit dem Titel YOUCEE einzubringen, da unsere Schule auf dem Gebiet liegt, wo in den Kämpfen um Hürtgenwald 1944/45 zehntausende deutsche wie amerikanische Soldaten ihren Tod fanden und auch nach dem Krieg noch viele Zivilisten durch herumliegende Munition und Minen tödlich verunglückten“, erklärt Amendt.

Der Lehrer entschied sich aber für einen anderen Ansatz. „Durch den Krieg wurden viele Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Mir ging es um die Auswirkungen des Krieges auf die Menschen. Da viele aus Wollseifen Vertriebene in Raffelsbrand eine neue Heimat fanden, haben wir uns mit ihrer Geschichte auseinander gesetzt“, sagt Amendt.

Im Unterricht der Jahrgangsstufe Q 12, die inzwischen die Schule verlassen hat, ging es dann um die Rolle des Dorfes während der NS-Zeit, während des Krieges und um die Zeit nach dem Krieg, als das Dorf geräumt werden musste. „Für den Film haben wir uns auf das letzte Kapitel konzentriert. Es gibt aber noch viel mehr, was man zeigen könnte“, sagt Amendt. Der Film zeigt also nicht die ganze Geschichte des Dorfes, sondern beschränkt sich auf Berichte von Zeitzeugen. Nicht die politische Seite der Geschichte steht im Fokus, sondern die persönliche.

Im Januar dieses Jahres hatte Amendt Kontakt zu den noch in Raffelsbrand lebenden Zeitzeugen aufgenommen und sie in den Unterricht eingeladen. Manche von ihnen wollten ihre Erinnerungen lieber für sich behalten, anderen war es ein Bedürfnis, sie zu teilen. „Die Reaktionen der Zeitzeugen im Unterricht waren sehr bewegend, überwältigend und emotional. Es sind auch Tränen geflossen“, sagt Amendt. Für die Zeitzeugen war das eine zwiespältige und manchmal auch belastende Angelegenheit. Die Schüler seien aber sehr einfühlsam mit ihnen umgegangen, umgekehrt hätten die Zeitzeugen die Schüler ernst genommen, so dass es einen Austausch im Dialog auf Augenhöhe gegeben habe. Nur so sei es möglich gewesen, die Zeitzeugen für die Mitarbeit zu gewinnen.

Hubert Mey (1934 in Wollseifen geboren) und Fritz Sistig (1929 in Wollseifen geboren) ließen sich auf die Bitte der Schüler ein und ließen sich in Wollseifen vor laufender Kamera interviewen. Die Interviews führte Michelle Gerads professionell und einfühlsam.

„Mit 13 Jahren musste ich mit ansehen, wie meine Heimat in Flammen aufging“, sagt Hubert Mey ganz zu Beginn des Films. Alte Fotos flackern über den Bildschirm. Anschließend schwenkt der Fokus der Kamera auf einen alten, halb verbrannten Apfelbaum – das ist alles, was vom Anwesen der Familie heute noch übrig ist. Den Bauerhof ereilte das gleiche Schicksal wie die anderen Häuser in Wollseifen – sie wurden dem Erdboden gleich gemacht. „Die letzte Hoffnung war dahin“, schreibt Peter Thönissen, der Organist der Dorfkirche, im Kirchenbuch des Wollseifener Gesangsvereins, das er während des Krieges zu seinem Tagebuch gemacht hatte. „Die letzte Hoffnung war dahin“ – diesen Titel trägt auch der 16-minütige Film.

Hubert Mey und Fritz Sitig berichten von ihren Kriegserlebnissen, von Bombenangriffen, dem Näherrücken der Front und davon, wie die Ereignisse damals auf sie gewirkt haben. Sichtlich bewegt erzählen sie von der Heimkehr nach der Flucht, von dem beginnenden Wiederaufbau des Dorfes und aufkeimender Hoffnung, von dem Räumungsbefehl und von ihrer Odyssee, die die Familie Mey wie 15 andere Familien über Umwege nach Raffelsbrand führte.

Für die Friedenskonferenz hat das Filmteam zusätzlich eine englische Version des Films erstellt. Die deutsche Fassung wird am 9. November zum ersten Mal gezeigt. Dann findet am Franziskus-Gymnasium eine Veranstaltung mit dem Titel „Frieden aus nächster Nähe“ statt. Bei dieser stehen musikalische Uraufführungen und Interviews mit Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, des Vietnam-Krieges und des Syrien-Konfliktes auf dem Programm. „Es geht darum, unsere Gäste über menschliche Schicksale zu erreichen und in die Begegnung hereinzuführen. Wir wollen die Folgen des Krieges zeigen“, sagt Amendt.

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