Düren - Das Leben im Haus 5: Verstörende Bilder aus der Psychiatrie

Das Leben im Haus 5: Verstörende Bilder aus der Psychiatrie

Von: Burkhard Giesen
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Ein Bild mit Symbolkraft: Ein Patient im Haus 5 der Landesklinik, fotografiert in der 1970er Jahren. Patienten wurden damals drangsaliert und ruhiggestellt. Foto: LVR/Ströter
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Dr. Erhard Knauer, ehemaliger Leiter der LVR-Klinik, hat sich auf die Spurensuche begeben und die jüngere Vergangenheit des Hauses 5 aufgearbeitet. Foto: B. Giesen

Düren. Es gibt Aussagen von Zeitzeugen, die verstörend wirken. Etwa wenn ein früherer Pfleger berichtet, wie in den 1960er Jahren Patienten der früheren Landesklinik mit Elektroschocks behandelt wurden – bei vollem Bewusstsein. „Das war unser Auftrag. Wir haben uns nicht viel dabei gedacht“, sagt der Mitarbeiter.

Man kann in dem Filmdokument sehen, wie er mit sich ringt und rückblickend selbst nicht mehr verstehen kann, warum er die Behandlungsmethode nicht hinterfragt hat.

„Leben in Haus 5 – Die Geschichte des Bewahrungshauses“ ist der Titel einer Ausstellung, die die Geschichte des Hauses von ihren Anfängen bis in die 1980er Jahre dokumentieren soll. Dr. Erhard Knauer, Vorsitzender des Fördervereins Psychiatriegeschichtliches Dokumentationszentrum und bis 2010 Leiter der heutigen LVR-Klinik, hat zwei Jahre lang daran gearbeitet, die jüngere Geschichte dieses Hauses aufzubereiten, die am Ort selbst im Haus 5 jetzt präsentiert wird.

Man muss die Aussagen zu den verabreichten Elektroschocks nicht zur Schlüsselszene dieser Ausstellung hochstilisieren, sie verdeutlicht aber zweierlei: Patienten wurden drangsaliert und sie wurden ruhiggestellt. Und es gab klare Hierarchien, die nicht hinterfragt wurden. „Die Patienten mussten strammstehen“, sagt Knauer. „Bei den Ärzten, Pflegern und Patienten gab es immer jemanden, der das Sagen hatte.“

Selbst bei den Patienten gab es noch eine Hackordnung. Und es gab die Hauspfleger, ebenfalls Patienten, die mit Aufgaben betraut wurden, enge Kontakte zur Stationsleitung hatten und deshalb bei den anderen Patienten nicht sonderlich beliebt waren. Es gab die „Bärenzelle“, doppelt vergittert, klein, „als erzieherische Maßnahme“, wie Knauer es beschreibt, es gab gar festgelegte Zeiten, zu denen die Patienten auf die Toilette durften.

„Leben am Nullpunkt“, wird in der Ausstellung der Neubeginn der Einrichtung im Jahr 1947 genannt. Zuvor war während der NS-Zeit das Haus 5 benutzt worden, um Regimekritiker, Kommunisten und Homosexuelle wegzusperren und später in Konzentrationslager zu deportieren. Dass auch nach 1945 Anweisungen nicht hinterfragt, Patienten drangsaliert und ruhiggestellt wurden, Hauspfleger kapoähnlich agierten – all das lässt erahnen, dass das Leben in der Bewahranstalt eben nicht bei Null fortgeführt wurde, sondern da ansetzte, wo man vorher aufgehört hatte.

Dazu passte, dass bis weit in die 60er Jahre hinein das NS-Unrecht tabuisiert und nicht wirklich aufgearbeitet wurde. In der Psychiatrie war das nicht viel anders. „Bis in die 1970er Jahre hinein galt die oberste Maxime: Es darf nichts passieren“, berichtet Knauer. Ruhiggestellte Patienten waren pflegeleichter, produzierten keine Negativschlagzeilen.

Die gab es in dem hoffnungslos überfüllten Haus dennoch. Bei der Elektroschockbehandlung in der 60er Jahren kam es zu einem Todesfall, es gab sexuelle Übergriffe unter den Patienten, in den 70er Jahren verbrannte ein Patient in seiner Zelle, einer erhängte sich. Das, was die Außenwelt bis dahin nicht interessierte, wurde bundesweit plötzlich zum Thema: „Eingesperrt wie Tiere“ lautete die drastische Überschrift in den Dürener Nachrichten, die Rheinische Post sprach von skandalösen Zuständen.

Bis Mitte der 1980er Jahre dauerte es, bis die neue Forensik fertiggestellt war, die Pfleger der LVR-Klinik schon Mitte der 70er Jahre gefordert hatten. Mit den Reformen kam dann ein ganz anderes Problem: Die Patienten nutzen den gewonnenen Freiraum auf ihre Art. „Bis zu 20 Ausbrüche gab es damals“, sagt Knauer.

Zwei Jahre hat das Team des Fördervereins Psychiatriegeschichtliches Dokumentationszentrum an der Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit gearbeitet, zahlreiche Zeitzeugen befragt, allein neun Stunden Filmmaterial aufgenommen.

30 Minuten davon werden an den verschiedenen Stationen der Ausstellung im Haus 5 gezeigt. Sie berichten über Behandlungsmethoden, den Tagesablauf, den Kontakt zu den Patienten. Auch ein Patient kommt in der Dokumentation zu Wort.

Zwei weitere Jahre wird es noch dauern, schätzt Knauer, bis die Dokumentation vollständig ist. Dann dürfte das eigentliche Ziel, das denkmalgeschützte Haus 5 als ständiges Mahnmal zu erhalten, erreicht sein.

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