Das Leben dem Tanzsport untergeordnet

Von: Helga Raue
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Verabschiedet sich in Düren von den FG-Fans: Kapitän Torben Bölk, hier mit Nicole Güttler, beendet in zwei Wochen seine Tanzkarriere beim Turnier in Ludwigsburg. Foto: Jürgen Karl

Düren. Sein Hobby hat bisher sein ganzes Leben bestimmt – Wohnort, Arbeitsstätte, Freizeit. Alles hat Torben Bölk seiner Liebe zum Tanzen untergeordnet. Wenn der 33-Jährige Samstagabend das Team beim Weg aufs Parkett anführt, wird er strahlend wie immer erscheinen.

„Da bin ich ganz Sportler und auch als Amateur Profi genug“, sagt er lachend, gesteht dann aber ehrlich ein: „Alles andere mache ich hinterher alleine mit mir aus.“ Zwar steht für die FG Tanzsportzentrum Aachen/TD TSC Düsseldorf Rot-Weiß in zwei Wochen noch das letzte Bundesliga-Turnier der Lateinformationen in Ludwigsburg auf dem Programm, doch das heutige Heimturnier in der Arena Kreis Düren ist ein erster Schritt in Richtung Abschied: Der Kapitän geht von Bord, tanzt zum letzten Mal vor den heimischen Fans.

Professionalität hin oder her – es wird ein emotionaler Abend, denn das Bundesliga-Turnier in Düren ist per se etwas Besonderes. „Das schönste Turnier der Liga“, sagen Bölk und FG-Cheftrainer Oliver Seefeldt unisono – und vor allem unwidersprochen. Das rheinische Publikum feiert stets fair alle Mannschaften, das eigene Team aber natürlich besonders.

EM-Triumph 2014 in Düren

In der Arena feierten die FG-Tänzer im vergangenen Jahr den größten sportlichen Triumph seit dem WM-Sieg 1998 – hier wurden sie im Mai 2014 Europameister. Düren ist zugleich immer ein Wiedersehen mit früheren Tänzern wie Karsten Puck, Susanne Blume, Andreas Spiertz oder auch Saskia Löhrer. Natürlich kommen auch die Eltern Bölk aus Wolfsburg angereist. Und nicht zu vergessen Dennis Bölk, der ältere Bruder, dem Torben Bölk im Kapitänsamt nachfolgte. „Das ist wie in einer Monarchie“, kommentiert Torben Bölk lachend. „Gefragt hat mich keiner, aber es hat sich auch keiner der Kollegen aufgedrängt.“ Und seit 2014 führt er das Team an. Bruder Dennis ist es auch schuld, dass der jüngere Bölk bei der FG tanzt. Nach seinem Umzug nach Köln tanzte er ab 2002 beim Tanzsportzentrum Aachen. Doch 2005 gab es einen personellen Engpass.

„Dennis hat mich überredet, vor der DM einzuspringen“, blickt Torben Bölk, der in Braunschweig Einzel und Formation getanzt hatte, zurück. „Ganze drei Mal sind Dennis und Andreas Spiertz nach Braunschweig gekommen, um mir die Choreographie zu erklären. Dann habe ich meinen dreiwöchigen Urlaub bei Dennis in Köln verbracht, um vor der DM mit der Formation zu trainieren.“

Es sollte ein einmaliger Auftritt sein, doch Torben Bölk hatte Blut geleckt, tanzte auch in der Bundesliga weiter. „Unter der Woche habe ich in Braunschweig gearbeitet, am Wochenende in Aachen trainiert“, erinnert er sich an viele Stunden auf der Autobahn. „Das konnte nicht lange gehen, ich musste eine Entscheidung treffen.“ Natürlich für das Tanzen. Er bewarb sich bei einer Werbeagentur in Köln, wechselte den Wohnsitz und baute sich ein neues Leben auf – um den Tanzsport.

„Das war für mich die richtige Entscheidung, die ist mir eigentlich leicht gefallen. Ich habe es bis heute keinen Moment bereut“, sagt Bölk. Dies ist umso bemerkenswerter, als auch Roberto Albanese, Trainer des GGC Bremen, an ihm interessiert war. „Selbst als Bremen zum ersten Mal Weltmeister wurde, habe ich nicht gezweifelt, das meine Entscheidung für Aachen richtig war. Was mir das Team gegeben hat, ist nicht mit Titeln aufzuwiegen.“

Nach knapp zehn Jahren ist die laufende Saison seine letzte. „Das war ein schleichender Prozess. Irgendwann fängt man an, sich die Frage zu stellen, wann denn Schluss sein soll“, sagt der 33-Jährige, für dessen Bruder 2011 nach dem Gewinn von EM-Bronze Schluss war. „Ich habe viel mit Dennis geredet, auch über einen Abschied nachgedacht, doch Dennis hat gesagt, führ‘ das Team für mich weiter, wenn ich gehe, dann habe ich ein besseres Gefühl. Er hat mich moralisch erpresst“, sagt Torben Bölk lachend.

Schon früh entschied er, dass diese die letzte Saison sein würde. „Ich wollte nach dem EM-Sieg noch nicht aufhören, wollte gerne noch die neue Choreographie ,Showstars – Rise and Shine‘ mitentwickeln“, sagt Bölk, der als amtierender Europameister abtritt. „Natürlich ist die Saison wie eine Abschiedstournee, aber ich habe nicht darüber nachgedacht. Jetzt, wo ich darüber rede, werde ich auf einmal wehmütig. Ich glaube, ich habe das bisher verdrängt.“

Spontaneität erst lernen

Mit einem Schlag wird sich das Leben des Tänzers nach dem 7. März, wo es letztmals in Ludwigsburg aufs Parkett geht, ändern. Bisher hat der Tanzsport alles bestimmt – vier Mal in der Woche Training, am Wochenende zusätzlich Turniere oder Shows. „In den vergangenen Jahren habe ich auf so vieles verzichten müssen. Auch wenn ich es nie bereut habe, habe ich einiges nachzuholen. Meine Familie in Wolfsburg besuchen, einen Städtetrip machen, einfach mal spontan etwas unternehmen“, sagt Bölk und unterbricht sich dann: „Ich glaube, Spontaneität zu lernen, wird in den nächsten Monaten die größte Herausforderung für mich.“

Samstagabend, 19 Uhr, stehen Bölk und seine Kollegen beim vierten Bundesliga-Turnier in Düren aber vor einer anderen Herausforderung: „Wir wollen endlich eine Einserwertung holen, zumindest aber ganz klar Platz 2 hinter Bremen A absichern“, gibt Bölk als Ziel aus. „Aber vor allem wollen wir unsere Zuschauer und unsere eigenen Fans wieder mit einer Top-Leistung begeistern.“

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