Das große Fressen in der Jägerklause

Von: Stephan Johnen
Letzte Aktualisierung:
Da haben sich zwei zum Fressen
Da haben sich zwei zum Fressen gern: Daniel Wagner rang dem Klassiker Rotkäppchen einige neue Seiten ab. Foto: Johnen

Vossenack. Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter. Bla, bla, bla. Danke, es reicht. Das Märchen vom Rotkäppchen kennen wir alle vom Hörensagen und Vorlesen lassen.

Dass ein junger Puppenspieler den bekannten Stoff einmal derart abgedreht inszeniert, hätten sich aber nur die wenigsten Besucher beim Speci-Spectacel des Marionettentheaters „De Strippkes Trekker” in Vossenack träumen lassen.

Als stotternder Jäger brachte Daniel Wagner vom Berliner Theater Zitadelle die unglaubliche Geschichte eines Mädchens mit einer roten Kappe auf die Bühne. In der Jägerklause servierte er ein großes Fressen, das einen Mordsspaß bereitete.

„Es war einmal” war einmal: Wagner brachte eine Neuinterpretation des Märchens mit, die auf den ersten Blick alles andere als behutsam war. Mit Laubsauger und doppelseitiger Axt räumte Wagner im Märchenwald ordentlich auf. Während zwischen Rotkäppchens Mutter und dem Jäger auf hormoneller Ebene eindeutig etwas lief, rätselte Rotkäppchen, warum verdammich noch eins die Großmutter eigentlich so weit draußen wohnt.

Nun, die Frage war schnell geklärt: Damit der Wolf etwas zu futtern hat. Der finstre Waldbewohner war allerdings eher bräsig denn böse - und hatte als Vorspeise schon die sieben Geißlein, eine Prinzessin und ein rostiges Fahrrad gefrühstückt.

Beizeiten unterbrach Wagner die Erzählung - und traf sich in der Jägerklause mit Musiker Stefan Frischbutter zum Soundcheck für das nächste Schützenfest. Oder er wagte einen Ausflug in die Welt der Poesie. Ein Beispiel? Gerne. „Ich gehe morgen ins Kloster. Hoffentlich haben die Klos da”, rezitierte Wagner sein Gedicht „Durchfall”.

Aber die doppelseitige Axt kam nur auf den ersten Blick zum Einsatz. Manchmal mit brachialen Brüchen, dann aber wieder mit feiner Ironie schaffte der Figurenspieler und Erzähler eine erfrischende Distanz zu den Figuren und zur Geschichte. Eine Distanz, die jedoch die tiefe Liebe des Figurenspielers zum Erzählen und zum Erzählten erkennen ließ. So gesehen war „Das Rotkäppchen” eine Offenbarung.
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