Das Familiensilber kehrt nach 74 Jahren zurück

Von: Stephan Johnen
Letzte Aktualisierung:
8693203.jpg
Karl und Brunhilde Heidbüchel aus Winden haben das Silberbesteck der Familie Treu aufbewahrt. Nach 74 Jahren geht es mit Hilfe von Herbert Pelzer (links) vom Heimat- und Geschichtsverein Nörvenich an Nachfahren der jüdischen Familie, die in Texas leben. Foto: Stephan Johnen

Winden/Drove. Das Treffen fand im Verborgenen statt, zu vorgerückter Stunde, abseits der Hauptstraße von Drove. Im Herbst 1940 erhielt Karl Heidbüchels Mutter Elisabeth eine Nachricht, sie möge sich über dem „Komm“, damals noch ein Feldweg, mit Karoline Treu treffen.

„Die Frauen hatten ein freundschaftliches Verhältnis“, weiß der Sohn, der heute in Winden lebt. Doch das Treffen war ein Abschied. Die Jüdin Karoline Treu ahnte oder wusste, dass ihre Familie kurz vor der Deportation stand, mutmaßt der 76-Jährige. Voller Vertrauen übergab sie Elisabeth Heidbüchel ein Silberbesteck, um es bis Kriegsende zu verwahren und es dann einem Überlebenden der Familie Treu wieder auszuhändigen. Vor über 30 Jahren übernahm Karl Heidbüchel nach dem Tod seiner Mutter das Silber. Mehr als 74 Jahre lang hat seine Familie nicht gewusst, ob es Überlebende gibt. Bis er am 19. September die Dürener Zeitung aufgeschlagen hat.

Dort erfuhren Karl Heidbüchel und seine Ehefrau Brunhilde, dass Julieta Navarez-Treu Nörvenich besucht hat, um Spuren ihrer jüdischen Familie zu finden. Josef Treu, der Großvater der Texanerin, hatte rechtzeitig aus Deutschland flüchten können. Er wanderte mit seiner Familie nach Mexiko aus. „Josef Treu aus Nörvenich war der Sohn von Ludwig Treu und Karolines Bruder. Meine Mutter hat als junges Mädchen in der Metzgerei Ludwig Treus in Drove gearbeitet“, berichtet Heidbüchel. Die Botschaft, dass es noch Nachfahren gibt, habe das Ehepaar in Winden sehr bewegt.

„Meine Mutter hat nach dem Krieg vergeblich versucht, eine Überlebende ausfindig zu machen“, sagt Karl Heidbüchel. Immer wieder habe sie von ihrer Freundin Karoline berichtet, vom letzten Treffen der beiden Frauen.„Sie hat meiner Mutter erzählt, dass sie Angst vor den Nationalsozialisten hat und dass alle Juden vergast werden“, schildert Heidbüchel. Aus den Recherchen von Heinrich Böll zu den „Juden von Drove“ wusste er, dass Karoline Treu deportiert und getötet worden ist. „Ich befürchtete bis zuletzt, dass es keine Überlebenden mehr gibt“, sagt er.

Als er vom Besuch Julieta Navarez-Treus erfuhr, ließ er alles stehen und liegen. Über Karl Josef Nolden, den Vorsitzenden des Drover Geschichtsvereins, nahm er Kontakt zu Herbert Pelzer vom Heimat- und Geschichtsverein Nörvenich auf. „Die Familie Navarez-Treu ist auf Europareise, leider war eine Übergabe des Familienbestecks nicht mehr möglich. Während des Schriftwechsels per E-Mail sind Tränen geflossen, alle waren sehr berührt“, schildert Pelzer den Augenblick, in dem er die Nachfahren über das Familienerbstück informierte. Nach der Rückkehr der Familie in die USA soll geklärt werden, wie das Besteck und andere kleine Gegenstände wie eine silberne Taschenuhr sicher in die Vereinigten Staaten gelangen.

Sieben Jahrzehnte lang verwahrte die Familie von Karl Heidbüchel das Besteck aus dem 19. Jahrhundert. Das Tafelbesteck für zwölf Personen wurde schon von mehreren Generationen der Treus genutzt. Eine Gravur deutet auf Joseph Treu hin, Karolines Großvater. „Alle paar Jahre habe ich das Besteck vorsichtig aus der Schublade geholt und die einzelnen Teile geputzt“, berichtet Brunhilde Heidbüchel. „Benutzt hat es niemand von uns, zu keiner Zeit.“

Die Heidbüchels haben es behütet. Karls Vater beispielsweise vergrub das Besteck im Kriegswinter 1944/45 in einer Tonne im Garten, kurz nach dem verheerenden Luftangriff auf die Stadt Düren am 16. November 1944. Als die Familie im Mai 1945 aus der Evakuierung zurückkam, waren die damalige Wohnung und ein dazugehöriger Schuppen nach einem Volltreffer zerstört. „Der Inhalt der Tonne war jedoch unversehrt“, blickt Karl Heidbüchel zurück.

Er freut sich auf den Augenblick, wenn das Silberbesteck wieder bei seinen rechtmäßigen Besitzern in Texas ankommt. „Nach all den Jahren und Wirrungen kehrt das wertvolle Familienerbstück wieder in den Besitz der Familie Treu zurück“, sagt er sichtlich gerührt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert