Das Fahren im Tagebau will gelernt sein

Von: Jörg Abels
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Geländewagen-Training im Tagebau Hambach. Foto: Jörg Abels
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Geländewagen-Training im Tagebau Hambach. Foto: Jörg Abels
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Geländewagen-Training im Tagebau Hambach. Foto: Jörg Abels
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Der Dürener Fahrlehrer Jochem Rauch (oben, weißer Helm) erklärt seit 26 Jahren Mitarbeitern von RWE Power wie sie steile Rampen, tiefe sandige Weg, Buckelpisten und tiefe Sümpfe richtig befahren.
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Geländewagen-Training im Tagebau Hambach.

Niederzier. Hans-Jürgen Pletscher gibt vorsichtig Gas. Langsam setzt sich der weiße Geländewagen vom Typ Toyota Hilux in einem abgesperrten Bereich des Tagebaus Hambach in Bewegung und nimmt trotz losem Schotteruntergrund scheinbar mühelos die 28-prozentige Steigung.

Wie Fahrlehrer Jochem Rauch vorher erklärt hat, nutzt der 58-Jährige vom Bohr- und Wasserbetrieb bei RWE Power nicht nur den Allradantrieb des Geländewagens, sondern auch die sogenannte Untersetzung, die Verdopplung der Motorkraft.

Rauch empfiehlt den Männern, die an diesem Vormittag an der Geländewagen-Fahrschule im Tagebau Hambach teilnehmen, die Untersetzung im Gelände grundsätzlich zuzuschalten. Das spart viele Schaltvorgänge, schont die Kupplung und erzeugt weniger mechanischen Abrieb, erklärt der 56-jährige Dürener, der seit 26 Jahren auch als Fahrlehrer für RWE Power tätig ist. Und ganz nebenbei helfe es auch, die Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern auf den unbefestigten Wegen im Tagebau einzuhalten. Viel schneller fährt der Geländewagen nämlich mit der Verdopplung der Motorkraft nicht.

Das Fahren im Tagebau will gelernt sein, insbesondere im größten Loch der Welt in Hambach. „Aufgrund des hohen Tonanteils haben wir hier bei Regen oft sehr schlüpfrige Wege“, erklärt Norbert Schlösser von der Technischen Weiterbildung. Aber auch die zum Teil recht steilen Sandwege hinab in den zurzeit 400 Meter tiefen Tagebau, runter zum Braunkohleflöz, und wieder hinauf, haben es in sich.

ABS ausschalten

Ohne das spezielle Geländewagen-Training darf kein RWE-Mitarbeiter ins Gelände fahren. Das ist Vorschrift. Und so müssen auch Hans-Jürgen Pletscher und seine Kollegen noch einmal die „Schulbank“ drücken, obwohl sie zum Teil bereits Jahrzehnte im Unternehmen tätig sind. Nur wurden sie bisher von Mitarbeitern einer Fremdfirma gefahren, wenn sie für Bohrungen in einen der drei rheinischen Tagebaue mussten. Das hat sich nun geändert. Jetzt müssen sie selber wissen, wie sie mit den RWE-eigenen Geländewagen richtig umzugehen haben.

Und das heißt zum Beispiel auch darauf zu achten, dass die Differentialsperre zu- und damit gleichzeitig das im Straßenverkehr so hilfreiche Anti-Blockier-System (ABS) ausgeschaltet ist. „Wenn wir auf abschüssigen Rampen mit weichem Sand ins Rutschen kommen, müssen die Räder blockieren“, erklärt Jochem Rauch.

Durchschnittlich zehn Mal im Jahr steht im Tagebau Hambach zentral für alle Abteilungen von RWE Power ein Geländewagen-Training an, mit 50 bis 120 Teilnehmern, je nach Bedarf der einzelnen Abteilungen. Dazu kommen auch noch mehrtägige Schulungen, vor allem im Lkw-Bereich. Rund 600 geländegängige Fahrzeuge werden allein im Tagebau Hambach eingesetzt – vom Geländewagen über den Unimog bis zum Spezial-Lkw und Transport-Bus. Auf jeden Typ müssen die Fahrer gesondert vorbereitet werden.

Immer wieder weist Jochem Rauch die Schulungsteilnehmer darauf hin, vorausschauend mit dem Geländewagen zu fahren. Das heißt: Die Hilfsmittel nicht erst dann einzusetzen, wenn es zu spät ist und man sich festgefahren hat, „sondern zum Beispiel bereits vor einem Sumpf den Knopf zu drücken“. Ganz wichtig: Bei den meisten modernen Fahrzeugtypen heißt es, anhalten, um Allrad und Untersetzung zu- oder wieder auszuschalten. Während der Fahrt geht es nicht.

Was ist, wenn es dann doch einmal nicht mehr weiter geht? Im Sumpf am besten von einem Hilfsgerät rausziehen lassen, rät der Experte. „Wenn der Motor im tiefen Wasser einmal ausgeht, auf keinen Fall neu starten“, warnt der Fahrlehrer. Und im Hang? „Wenn das Fahrzeug einen Anstieg nicht meistert, mit allen Hilfsmitteln wieder runterfahren“, erklärt Rauch, am besten mit dem „Starten ins Getriebe“.

Hans-Jürgen Pletscher darf es ausprobiere: Motor aus, Rückwärtsgang rein, Füße weg von Bremse und Kupplung und starten. Funktioniert. „Sehr lehrreich“, freut sich der 58-Jährige, der während der Runden über die Buckelpisten und Sandhügel merkt, wie viel Kraft in den Geländewagen steckt, die im Tagebau Hambach extrem belastet werden. Entsprechend hoch ist der Verschleiß. „Wir müssen jeden Kilometer mal fünf rechnen“, erklärt Jochem Rauch. Für viele Fahrzeuge ist daher bereits nach 50 000 Kilometern bereits Schluss, ergänzt Norbert Schlösser.

Immer wieder gibt Jochem Rauch den Kursteilnehmer praktische Tipps: In dem Gang, den man bergauf fährt, auch wieder bergab fahren - nie den Fuß auf dem Kupplungspedal stehen lassen, nie die Hand auf dem Schalthebel lassen. Beides erhöht den Verschleiß. Und ganz wichtig: „Nie mit Angst fahren“. Dann lieber den Wagen stehenlassen.

Ratschläge, die Hans-Jürgen Pletscher und seine Kollegen vom Bohr- und Wasserbetrieb beherzigen wollen, wenn sie ab sofort selber mit dem Geländewagen in einen der drei Tagebaue im Rheinischen Revier fahren müssen.

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