„Das Eisen schmieden, wenn es kalt ist“

Letzte Aktualisierung:
12153308.jpg
Irene Piroth, Leiterin der SkF-Erziehungsberatungsstelle. Foto: sj
12155568.jpg
Je stärker Eltern belastet sind, desto größer ist das Risiko, dass sie bei Konflikten auch Gewalt anwenden. Foto: imago/CTK/CandyBox

Düren. Alle Kinder haben das Recht, ohne Gewalt aufzuwachsen. Ein Gedanke, der noch gar nicht so lange in der Gesellschaft verankert ist. Zum heutigen „Tag der gewaltfreien Erziehung“ hat Stephan Johnen mit Irene Piroth, der Leiterin der Erziehungsberatungsstelle des Sozialdienstes katholischer Frauen, über brenzlige Situationen, klare Regeln und Methoden zur Konfliktvermeidung gesprochen.

Frau Piroth, sollte gewaltfreie Erziehung im Jahr 2016 nicht eine Selbstverständlichkeit sein?

Piroth: Gewaltfreie Erziehung ist in Deutschland erst in den 60er und 70er Jahren ein Thema geworden. Das Recht von Kindern auf eine Erziehung ohne körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen wurde erst im Jahr 2000 im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert. Es gibt heute noch viele Länder, in denen Gewalt ausgeübt wird – und dies auch gewollt ist.

Was halten Sie dagegen?

Piroth: Jeder kennt den Satz „Ein paar auf den Hintern hat noch keinem geschadet.“ Sie können dies leicht selbst überprüfen. Stellen Sie sich vor, wie Sie sich fühlen und was es in Ihnen auslöst, wenn jemand Sie jetzt ohrfeigen würde.

In dieser Situation, mitten im Gespräch? Ich wäre erst überrascht. Und dann ziemlich wütend.

Piroth: Opfer von Gewalt fühlen sich verletzt, in ihrem Selbstwertgefühl attackiert, zurückgewiesen und vielleicht sogar erniedrigt. Bei Kindern kommt noch hinzu, dass sie ihr natürliches Sicherheits- und Schutzbedürfnis auf die Eltern, auf die Bezugspersonen richten. Gewalt erschüttert dieses Vertrauen in die wichtigsten Personen im Leben.

Welche Folgen kann das haben?

Piroth: Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Gewalt zu traumatischen Erfahrungen führen kann, die das Wachstum des Gehirns beeinträchtigen und die Entwicklung hemmen. Ursprünglich sinnvolle Überlebensreaktionen auf ein Trauma, die tief im Menschen verankert sind, wie Flucht, Kampf oder Erstarrung, äußern sich im weiteren Leben dieser Kinder als Verhaltensauffälligkeiten, wenn sie an die Gewaltsituation erinnert werden.

Was schätzen Sie: Wie oft schlagen Eltern ihre Kinder?

Piroth: Da möchte ich nicht spekulieren. Wir gehen davon aus, dass im Grunde alle Eltern gute Eltern sein wollen und dass sie bei der Erziehung ihrer Kinder gute Absichten haben. So begegnen wir den Eltern auch, wenn sie das Gespräch mit uns suchen.

Warum kommt es dennoch zu Gewalt in der Erziehung?

Piroth: Oft gibt es Krisensituationen in Familien, die einen hohen Stress erzeugen. Das können finanzielle Probleme, Arbeitslosigkeit und Krankheit sein. Je stärker Eltern belastet sind, desto mehr steigt das Risiko, dass sie bei Streit und Konflikten mit den Kindern auch Gewalt anwenden, wenn sie nicht genügend Mittel zum Ausgleich und zum Umgang mit Stress entwickelt haben.

Lässt sich so etwas lernen?

Piroth: Wir helfen Eltern dabei, solche Strategien und Techniken so entwickeln.

Was raten Sie bei brenzligen Situationen?

Piroth: Jeder Fall ist anders, Verallgemeinerungen helfen da nicht. Aber ein Tipp ist für alle Eltern richtig: Man soll das Eisen schmieden, wenn es kalt ist. Sollte man merken, dass in der Krisensituation der Geduldsfaden zu reißen droht, sollte man sich rausziehen, wieder abkühlen. Es ist wichtig, seinen Unmut oder Zorn beispielsweise über einen Regelbruch der Kinder auszudrücken, aber man muss nicht sofort reagieren. Deswegen verlieren Eltern nicht ihre Glaubwürdigkeit.

Können Sie Eltern einige konkrete Tipps geben?

Piroth: Sich auf die eigenen Stärken, die eigenen Erfahrungen und Kompetenzen besinnen. Gerade in Belastungssituationen entfaltet es eine Menge positiver Kraft, wenn man sich die Zeit nimmt, auf bereits gelöste Konflikte und positive Erfahrungen zurückzublicken. Wichtig ist auch, konsequent Regeln zu setzen und diese auch durchzusetzen.

Wo endet Konsequenz, wo beginnt Gewalt?

Piroth: Eltern sollen klare Grenzen setzen, Verstöße gegen Regeln sollen Konsequenzen haben. Aber nie darf körperliche oder seelische Gewalt ausgeübt werden. Konsequenz ist keine Gewalt. Die Forschung hat gezeigt, dass die antiautoritäre Erziehung nicht die Ergebnisse gebracht hat, die man sich erhofft hat. Es ist wichtig, mit den Kindern darüber zu reden und ihnen zu erklären, warum man gewisse Sachen möchte, warum manche Dinge nicht erlaubt sind, die Konsequenzen ankündigen und dann auch folgen lassen.

Sie meinen eine Strafe?

Piroth: Eltern müssen eine elterliche Präsenz und Standfestigkeit haben. Es ist völlig natürlich, dass Kinder Grenzen austesten. Das gehört zum Prozess des Reifens dazu.

Wie verleihen Eltern ihrer „Präsenz“ Nachdruck?

Piroth: Auf keinen Fall mit einer Sanktion, die beide Seiten nicht erfüllen können. Eine Woche Stubenarrest ist eher eine Bestrafung der Eltern. Kinder genießen viele Sachen, beispielsweise Spielzeug. An dieser Stelle kann man mit einer überschaubaren Sanktion ansetzen.

Das Meistern dieser Situation ist für Kind und Eltern ein Erfolgserlebnis, das fördert die Beziehung. Eltern müssen aber darauf achten, nicht vom Kurs abzuweichen. Kinder sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht, ihren Eltern auf die Nerven zu gehen. Aber durch diese Phasen müssen beide durch: Eltern und Kinder.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert