Düren - Darmflora im Dauerstreik: Ungewöhnliche Behandlung verspricht Hoffnung

Darmflora im Dauerstreik: Ungewöhnliche Behandlung verspricht Hoffnung

Von: Burkhard Giesen
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Setzt auf eine ungewöhnliche, aber erfolgreiche Methode zum Austausch der Darmflora: Dr. Thomas Heyer. Foto: B. Giesen

Düren. Rund 1500 Darmspiegelungen absolviert Dr. Thomas Heyer im Jahr. Heyer ist Chefarzt der Inneren Medizin am Birkesdorfer St. Marien-Hospital. Immer öfter hat Heyer es mit Menschen zu tun, deren Darmflora so zerstört ist, dass nur ein ungewöhnlicher Therapieansatz Hilfe verspricht: die Stuhltransplantation.

Was auf den ersten Blick eklig klingt, macht Sinn. „Alle Menschen haben eine definierte Darmflora, die sich durch äußere Einflüsse verändern kann“, erklärt Heyer. Insbesondere bei älteren Menschen können ganz spezielle Infektionskrankheiten auftreten, die zu einer chronischen Entzündung des Darms führen.“

Die Folge: Eine schwere Durchfallerkrankung, die bis zum Tod führen kann. Verantwortlich ist eine bestimmte Gruppe von Bakterien, die so genannten Clostridien. Heyer: „Wenn die die Überhand gewinnen, verdrängen sie alle anderen Bakterien.“ Mit normalen Präparaten kann man das nur schwer in den Griff bekommen. Vor allem weil Antibiotika eingesetzt werden müssen, die den Darm noch weiter belasten. Hinzu kommt, dass die Rückfallquote mit 20 Prozent sehr hoch ist.

Die Alternative ist eine Ersatzflora an Bakterien, die die Clostridien verdrängen. Dabei wird von einem gesunden Spender, meist sind es Angehörige der Betroffenen, Stuhl in einer Lösung aufbereitet und bei einer Magenspiegelung per Endoskop tief in den Dünndarm eingebracht. Heyer: „Der Patient bekommt davon nichts mit.“ Dass Heyer nicht mittels Darmspiegelung die Ersatzflora injiziert, hat einen simplen Grund: Die Bakterien sollen möglichst vom Dünndarm aus den gesamten Darmtrakt besiedeln. Bei einer Darmspiegelung müsste der Darm zunächst wieder gereinigt werden, für die Betroffenen nur schwer zu verkraften.

Auch wenn Heyer deutlich darauf hinweist, dass es sich bei dem Verfahren nur um einen „Heilversuch und nicht um eine Therapie“ handele, sind die Ergebnisse verblüffend: In 80 Prozent der von Heyer behandelten Fälle – infrage kommen bisher nur Rückfall-Patienten – ist die Methode erfolgreich. Heyer: „Ich wären froh, wenn wir diese Effizienz in anderen Bereichen auch erreichen könnten.“

Dass die zunächst ungewöhnlich klingende Behandlungsmethode für einen Arzt, der im Jahr 1500 Darmspiegelungen vornimmt, kein Tabuthema ist, versteht sich von selbst. Für die Patienten gilt das aber offensichtlich auch. In den letzten anderthalb Jahren hat Heyer etwa 20 Patienten mit dieser Methode helfen können: „Da war nicht ein einziger dabei, der das nicht wollte oder abgelehnt hat.“ Im Gegenteil: „Man ist dankbar, dass es eine Alternative zu den vielen Antibiotika gibt.“Kein Wunder: eine Behandlung reicht und ersetzt die wochenlange Einnahme von Antibiotika.

Die hohe Akzeptanz hat selbst den Chefarzt überrascht, der es auch schon erlebt hat, dass Patienten oder ihre Angehörigen gezielt nach dieser Methode gefragt haben. Manchmal sogar öfter, als ihm lieb ist. Heyer: „Die Darmbesiedlung ist inzwischen ein zentrales Forschungsthema. Es gibt aber nur wenige Studien.“ Stattdessen würde der Darm vielfach für Erkrankungen von Übergewicht bis zur Diabetes verantwortlich gemacht. „Die Darmflora spielt bei Erkrankungen eine große Rolle, die wir noch nicht durchschauen“, sagt Heyer, der deshalb zum Beispiel Morbus Crohn-Patienten von der Behandlung ausnimmt: „Da müssen erst noch entsprechende Studien her.“

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