Damensitzung: Die Hölle von Vettweiß ist bunt, laut und ausgelassen

Von: Anne Wildermann
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Traditionell marschiert die Funkengarde der Karnevalsgesellschaft Vettweiß ein. Foto: Wildermann
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Als Pfauen haben sich fünf Mädels für die Frauensitzung verkleidet. Foto: Wildermann

Vettweiß. Die Luft ist zum Schneiden dick. Der Geruch von Kartoffelsalat, Mettbrötchen mit Zwiebeln und Frikadelle wabert durch das große Zelt. Laute Karnevalsmusik dröhnt aus den Lautsprechern. 1700 Frauen in bunten und liebevoll gestalteten Kostümen singen, tanzen, lachen, grölen und schunkeln: Es ist die „Hölle von Vettweiß“.

Während Hans-Gerd Barkhoff (55), Sitzungspräsident der Karnevalsgesellschaft Vettweiß, durch den Nachmittag der ersten Damensitzung von insgesamt fünf führt, im Vorzelt noch einige Hände schüttelt, bevor die Party steigt, zapfen die Frauen aus kleinen Fässchen Kölsch, reichen Kurze herum und männliche Kellner flitzen mit Tabletts, auf denen Getränke stehen, durch die Bankreihen. Um sich Gehör zu verschaffen, pusten sie kräftig durch Trillerpfeifen, die um ihren Hals hängen.

Die Stimmung im Saal ist ausgelassen und heiter. Als die kölsche Sängerin Fussich Julchen alias Marita Köllner (57) auf der Bühne steht, gibt es für die Frauen kein Halten mehr. Teilweise stehen sie auf den Bierbänken oder dicht gedrängt im Mittelgang vor der Bühnentreppe. Sie werfen die Arme in die Luft, wackeln mit den Hüften, stampfen mit den Füßen. Der Plankenboden beginnt zu beben.

„Wir Frauen müssen zusammenhalten“, ruft Fussich Julchen in breitem Dialekt der Menge zu. Diese jubelt und applaudiert. „Die Männer versuchen uns immer vorzuschreiben, was wir machen sollen“, sagt sie und hält kurz inne. „Ich muss euch sagen, dass ich mich sehr freue, heute hier zu sein. Denn das ist mein erster Auftritt im neuen Jahr!“ Die Menge jubelt erneut und schiebt sich vor der Bühne immer dichter zusammen. Gefühlt beträgt die Temperatur im Zelt 40 Grad. Mit einer lauten und bebenden Rakete wird das Julchen verabschiedet. Natürlich durch das meterlange Spalier, das von der Bühne bis zum Ausgang geht.

Etwas kühler ist es dagegen im Vorzelt, dort wo die Toiletten sind und vor denen sich eine lange Schlange gebildet hat. In der steht auch Steffi Endres (27) aus Linnich. Eine Stunde Autofahrt hat sie zusammen mit Freundinnen auf sich genommen, um zum fünften Mal bei der Karnevalssitzung für Frauen in Vettweiß dabei zu sein. „Ich liebe die Stimmung hier“, ruft sie und versucht gegen den Lärm aus dem Festzelt anzukommen. Dabei spielen für die junge Frau, die sich als Clown mit buntem Tüllröckchen und gepunkteten Hosenträgern verkleidet hat, die Künstler keine große Rolle. „Mir gefällt an dem Programm alles“, sagt sie und verschwindet hinter einer Toilettentür.

Auf der Bühne unterhält derweil Redner Martin Schopps (43) die weiblichen Karnevalsgäste. Sein Aufzug: blaue Hose, blaues Hemd und Weste. Seine Sprüche: überspitzt-fies, aber auf Wahrheiten basierend. Schopps ist nämlich Deutschlehrer und kennt den totalen Schulwahnsinn mit „bekloppten Kindern und bekloppten Eltern“. Statt Goethes „Erlkönig“ interessieren sich seine Schüler eher für ihr Handy. Bei denen heißt es nämlich: „Wer postet so spät noch ein Selfie? Es ist der Kevin, der liegt noch auf der Elfie!“ Ein tiefes Grölen geht durch das Zelt. Die Stimmung ist fast auf dem Zenit angekommen – und dabei ist es erst später Nachmittag und die Sitzung geht bis 21 Uhr.

Und Schopps setzt noch einen oben drauf: „Lehrer sein, das ist so erfolgsversprechend wie Ernährungsberater für Reiner Calmund zu sein“ – die Frauen lachen. Ein Tusch erklingt, und zig Arme gehen nach oben. Erschöpft scheint zu diesem Zeitpunkt noch keine Frau an diesem „Höllentag“ zu sein.

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