Chemotherapie: Sich als Frau wieder schön fühlen können

Von: Sarah Maria Berners
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Kursleiterin Maria Witton-Hinz
Kursleiterin Maria Witton-Hinz (stehend) zeigt den Frauen, mit welchen Tricks sie die Spuren kaschieren können, die die Krebserkrankung äußerlich hinterlässt. Foto: Berners

Düren. „Das gefällt mir. Das bin ich”, sagt eine der Frauen lächelnd, als sie in den Spiegel schaut. Die Chemotherapie hat Spuren hinterlassen, die körperlichen sind offensichtlich: Die Haare sind ausgefallen, die Haut hat sich verändert, die Augenbrauen sind dünner geworden.

Die äußerlichen Veränderungen sind zwar vorübergehend, aber gravierend. „Viele Frauen wollen sich während der Therapie nicht im Spiegel anschauen”, weiß Maria Witton-Hinz. Das Selbstwertgefühl leide.

Dabei habe das „Sich als Frau schön fühlen” positive Auswirkungen auf die Psyche und das Selbstbewusstsein und das wiederum unterstütze den Heilungsprozess - ein guter Grund, sich einen Nachmittag lang der Hautpflege und der Schönheit zu widmen und den Krebs in einer ganz anderen Form zu bekämpfen. „Look good, feel better”, heißt es in Amerika: Sehe gut aus, fühle dich besser.

Maria Witton-Hinz kommt mit einem Rollköfferchen voller Kosmetikprodukte, Haarersatzteile und Tücher ins St.-Marien-Hospital. Ehrenamtlich gibt sie im Auftrag von DKMS LIFE Kosmetikkurse für Krebspatientinnen. Die Frauen vor ihr sind unterschiedlichen Alters, haben unterschiedliche Geschichten, einige haben Unterstützung mitgebracht. „Wir sind irgendwie eine Schicksalsgemeinschaft. Zeit mit Frauen zu verbringen, die die gleichen Probleme haben, tut gut”, sagt eine der Damen. Trotzdem ist das Kosmetikseminar eine fröhliche Veranstaltung, es wird viel gelacht.

An jedem Platz steht ein kleiner Spiegel, hier und dort liegen Pads und Wattestäbchen. Die gelben Taschen - „Das ist ja wie Weihnachten” - sind mit Kosmetikprodukten gefüllt. Es geht um Schönheit und eine Auszeit vom Therapiealltag, auch wenn es immer wieder um die Spuren eben dieser Therapie geht. „Sie haben wegen widriger Umstände nun mehr Zeit für sich. Nutzen sie diese”, appelliert Witton-Hinz. „Tun Sie sich etwas Gutes.”

Für die Kursleiterin beginnt „das Gute” mit der Reinigung. Gerade während einer Chemotherapie sei das wichtig. Die Haut ist das größte Organ. Gerade dort würden sich die Einflüsse von Medikamenten niederschlagen. Und weil die Zellen lahmgelegt seien, sei es wichtig, Stress für die Haut zu vermeiden. Peelings schrubbelten mehr Zellen ab, als neu produziert würden, und Mitesser sollte man mal Mitesser sein lassen, weil beim Ausdrücken Keime in den Körper kämen.

„Gerade diese Tipps sind für uns sehr wertvoll”, sagt eine der Frauen. Ganz normal weitermachen wie bisher könne man mit der Krankheit nunmal nicht. Einige Frauen schauen schüchtern zu, wollen lieber allein zu Hause ausprobieren. Andere greifen mutig zu. „Man kriegt mich nicht kapwtt”, sagt eine Frau, während sie selbstbewusst in den Spiegel schaut und sich schminkt.

Maria Witton-Hinz, eigentlich Spezialistin für Haarersatz, weiß mit den Krebspatientinnen umzugehen. Sie nimmt vieles mit Humor und doch ernst, sie ist einfühlsam. „Wenn Sie keine Haare mehr haben, brauchen Sie auch kein Shampoo”, sagt sie. Aber viele Frauen greifen dennoch aus Gewohnheit zur Shampoo-Flasche. Besser seien für den Körper und die Kopfhaut jedoch Duschöle, weil sie die Haut schützen.

Einmal pro Woche empfiehlt die Kursleiterin eine Haarpackung auf dem Kopf. „Auf einer gepflegten Kopfhaut können die Haare später besser wachsen”, erklärt sie. „Kommen sie denn wirklich immer wieder?”, will eine der Frauen wissen. Und das eindeutige „Ja” der Kosmetikerin gibt ihr Mut.

Mit Abdeckstiften werden Flecken kaschiert, mit Rouge Akzente gesetzt. „Wer während der Therapie ein schmales Gesicht bekommt, kann es mit Rouge optisch verbreitern, wer mit Wassereinlagerungen zu kämpfen hat, kann sich schmaler schminken”, sagt Witton-Hinz. Mit einem Kajalstift zaubert sie vollere Wimpern, mit einem Bürstchen und speziellem Puder stärkere Augenbrauen. Und auch für Frauen, die gar keine Brauen mehr haben, hält sie Tipps und Tricks bereit. „Ohne Augenbrauen hat man irgendwie kein Gesicht mehr”, sagt eine der Damen. Sie ist angetan, von den Brauen, die die Kosmetikerin ihr aufgemalt hat. „Könnte ich das mal so”, sagt sie seufzend. „Üben”, sagen die anderen, „das schaffen Sie schon”.

Für die meisten Frauen rundet eine Perücke das Bild ab. Mit ihr fühlen sie sich wohl. Aber nicht alle. Es gibt Frauen, die sich bewusst dagegen entscheiden. „Die Gesellschaft muss lernen, mit dieser Krankheit umzugehen”, sagt eine der selbstbewussten Frauen. Auch wenn man ihnen hinterherschaue, wollen sie keine Perücke tragen. Es sei nicht an den kranken Menschen, sich für die Gesellschaft gefällig zu machen. Es ist ein Beitrag, das Thema Krebs weiter aus der Tabu-Ecke zu holen.

Es ist Zeit, die Tiegel, Pinsel und Tuben wieder einzupacken. Ein letzter Blick in den Schminkspiegel: „So fühle ich mich viel wohler”, sagt eine Frau mit leuchtenden Augen. Ihr Make-up wirkt natürlich und frisch, es betont ihr hübsches, charismatisches Gesicht. Und auch die Frauen, die bislang so gut wie nie zu Tusche und Lidschatten gegriffen haben, sind begeistert, wie gut sie trotz der schweren Krankheit aussehen. „Das hat richtig gut getan.”

Die gemeinützigeGesellschaft DKMS LIFE ist eine Tochter der DKMS-Stiftung Leben spenden. Eine weitere Tochter ist die Knochenmarkspenderdatei.
DKMS LIFE bietet jährlich mehr als 1000 Kosmetikseminare in über 220 Krankenhäusern und Beratungsstellen an. Mehr als 90 000 Patientinnen haben bereits an den Seminaren teilgenommen. Für junge Frauen bis 21 Jahren gibt es spezielle Kosmetikseminare. Für Männer gibt es ein solches Angebot nicht.
Sponsoren aus der Kosmetikindustrie füllen die DKMS-Taschen für die kostenlosen Seminare mit allem, was Frauen fürs Make-up brauchen.
In Düren findet einmal im Monat ein solches Seminar statt, abwechselnd im Krankenhaus Düren und im St.-Marien-Hospital in Birkesdorf.

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