Büro für Gemeinwesenarbeit: „Stabilisierung des sozialen Friedens“

Von: Stephan Johnen
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Hermann Schaaf (Mitte) bleibt auch im (Un-)Ruhestand ein Teil des Teams von Silke Strunk und Achim Biergans. Foto: Stephan Johnen

Düren. Empörung muss nicht verkehrt sein. Wut auch nicht. Vor 40 Jahren war es die Wut über mit Stacheldraht eingezäunte Spielplätze, die im Satellitenviertel Bürger dazu gebracht hat, sich für Veränderungen einzusetzen. Es war die Grundsteinlegung des Bürgervereins – und im Prinzip auch der Beginn des Büros für Gemeinwesenarbeit und soziale Stadtentwicklung. Nur sollte es nicht bei reinen Emotionen bleiben.

„Emotionen sind ein starker Auslöser. Wer Erfolg haben möchte, muss eine emotionale Debatte aber auch versachlichen“, betont Hermann Schaaf, der das Büro mit aufgebaut hat und nun nach fast 40 Jahren in den Ruhestand gegangen ist. Im Gespräch mit der DZ blickt Schaaf, der weiterhin als Berater tätig bleibt, auf vier Jahrzehnte Gemeinwesenarbeit zurück. Mit seinen Nachfolgern Silke Strunk und Achim Biergans skizziert er die Baustellen der Zukunft.

Bis heute haben Schaaf und seine Kollegen ein Interesse daran, was den Menschen unter den Nägeln brennt. Sie verstehen sich als eine Art Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen – und sie unterstützen die Menschen auf dem Weg, ihre Anliegen zu formulieren, sich zu organisieren und die eigenen Interessen gegenüber Vermietern und der Verwaltung, gegenüber Dritten zu vertreten.

Doch wo hören Begleitung und Beratung auf – und wo beginnt Bevormundung? „Wir sollten nichts tun, was die Menschen in den Stadtteilen nicht selbst tun können. Aber wir sollten alles dafür unternehmen, dass sie es tun“, sagt Schaaf. Das Büro habe stets unparteiisch zu sein. Aber es sei auch Aufgabe der Mitarbeiter, alle Möglichkeiten zu skizzieren, Handlungsoptionen zu erarbeiten und vorzustellen, fügt Silke Strunk hinzu. Es gehe darum, Rahmenbedingungen für ein eigenverantwortliches Handeln zu schaffen.

„Die Mitarbeiter des Büros haben die Zeit und das Know-how, etwas zu organisieren“, sagt sie. Von einem „Lernprozess“ spricht Achim Biergans. Nach und nach entstünden aus Diskussionen Ideen, würden aus Ideen klare Forderungen und Vorschläge. „Wir begleiten die Menschen auf diesem Weg. Aber wir übernehmen nicht die Entscheidungen für sie“, betont Biergans. Auch die Konsequenzen des Handelns und des Nicht-Handels werden vor Ort diskutiert. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeige aber: Schaffen es Mieter beispielsweise wie im Satellitenviertel, erfolgreich Missstände abzuschaffen, zieht das bürgerschaftliche Engagement daraus Kraft, stoßen neue Mitstreiter hinzu, entstehen Strukturen, Vereine und Zusammenschlüsse, wo es vorher nichts gab.

Ein Schwerpunkt der Arbeit war auch der Dürener Norden. In der Stadtteilvertretung setzen sich mittlerweile die unterschiedlichsten Bewohner und Gruppierungen für die Interessen des Stadtteils ein. Die Arbeit dort soll auch nach Auslaufen der Bundes- und Landesförderung fortgeführt werden. Aber warum ist eine Begleitung der bürgerschaftlichen Prozesse mit hauptamtlichen Mitarbeitern wichtig?

„Stellen Sie sich den Stadtrat ohne Mitarbeiter der Verwaltung vor? Politik würde nicht funktionieren“, ist Hermann Schaaf überzeugt. Von der Vorbereitung der Sitzung über die Erstellung der Unterlagen bis zum Protokolldienst stehe hinter jeder Sitzung ein „riesiger Verwaltungsapparat“. Schaaf: „Eine politische Entscheidung mag schnell getroffen sein, die Verwaltungsarbeit davor und dahinter dauert Tage.“

„Wir verstehen es als unsere Aufgabe, in allen Stadtteilen die Augen offen zu halten, wo neue Themen entstehen, ob es neue Akteure gibt, neue Initiativen“, sagt Achim Biergans. Im Dürener Norden gibt es beispielsweise die junge Bewohnerinitiative Josefstraße. Nun geht es darum, die Arbeit zu vernetzen, gemeinsame Interessen auszuloten. „Im Sinne aller Menschen des Stadtteils“, sagt Hermann Schaaf.

„Die Arbeit im Viertel hat stets auch Auswirkungen auf die gesamte Stadt“, ist Achim Biergans überzeugt. Nachbarschaftliche Hilfen würden den Haushalt entlasten. Die öffentliche Hand spare auch, wenn sich Mieter für sozialverträgliche Mieten einsetzen und die Unterkunftskosten im Sozialhilfebereich verringern. In den Wohnquartieren werde die Toleranz zwischen den Kulturen gefördert, die Kinder- und Jugendarbeit wirke Extremismus und Kriminalität entgegen. „Es geht auch um die Stabilisierung des sozialen Friedens“, findet Silke Strunk.

Arbeit für die Zukunft gebe es genug. Von der Integration der Flüchtlinge bis zur Frage, wie mit neuen sozialen Verwerfungen im Dürener Norden umzugehen ist. „Alleine ist das in den Stadtteilen nicht zu schaffen“, warnt Hermann Schaaf aber vor einer „falschen Erwartungshaltung“ an die Arbeit in den Stadtteilen. „Da sind auch Politik und Verwaltung gefragt“, fügt er hinzu.

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