Buch spiegelt den hohen Blutzoll wieder

Von: Gudrun Klinkhammer
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Peter König (li.) schrieb mit viel Geduld das neue Gedenkbuch. Peter Vogt hält das alte Buch hoch. Foto: gkli

Gürzenich. Das betagte Buch ist etwa so groß wie ein Fotoalbum und eingebunden in eine Art vernarbter Elefantenhaut. Aus den vergilbten Seiten hängt ein lila Stoffbändchen, das als Lesezeichen dient. Das Merkwürdige, so sagt Peter Vogt: „Keiner weiß genau, woher das Buch kommt oder wer es geschrieben hat.“

„Fakt ist, dass dieses Zeitzeugnis seit den 1950er Jahren in der Gürzenicher Kirche St. Johannes Evangelist in einer Nische auf einem Ständer liegt. Es beinhaltet die Namen, Geburts- und Sterbedaten von 343 im Ersten und Zweiten Krieg gefallenen Menschen.“

Altem Buch drohte Verfall

Passend zum jeweiligen Datum wurde das Buch in den vergangenen Jahrzehnten während einer Messe aufgeschlagen. Dann erinnerte es an den oder die Gefallenen, die an diesem Datum ihr Leben lassen mussten. Peter Vogt, Mitglied der Kirchengemeinde in Gürzenich und Ahnenforscher, sah sich irgendwann die Seiten genauer an.

Er entdeckte, dass von 86 Verstorbenen Daten- oder auch Namensteile fehlten. So machte sich der 79-Jährige auf den Weg, um die Lücken zu schließen. Er lieh sich Kirchenbücher aus und forschte im Stadt- und Kreisarchiv in Düren. Was ihm auffiel: „Die Gefallenen des Ersten Weltkrieges waren nicht selten Zugezogene.“

Vor gut 100 Jahren handelte es sich bei einem Drittel der Bevölkerung in Düren um Zuwanderer. In der aufstrebenden Stadt an der Rur gab es damals viele Arbeitsplätze. Der Umstand erschwerte die Nachforschungen. Dennoch wurde Peter Vogt nach intensivem Suchen häufig fündig.

Die aufgefundenen Fakten mussten in der Auflistung nachgetragen werden. Das geschah auch, gefiel aber nicht. Die ungleichmäßige Schriftstärke wurmte den rüstigen Senior ebenso wie das vom Verfall bedrohte Zeitzeugnis. So kam ihm die Idee, das alte Buch neu aufzulegen, doch auch hier gab es Schwierigkeiten. Einen Sponsor aufzutreiben gestaltete sich ebenso problematisch wie einen passenden Rohling zu finden.

Die Sparkasse Düren übernahm letztlich die Kosten, die Schwestern vom Karmeliterinnenkloster in Düren fertigten ein neues Buch mit Ledereinband und entsprechend vielen Seiten an. Die Aufgabe, die Schrift einzufügen, übernahm der gelernte Schriftsetzer und pensionierte Polizist Peter König.

Mit Bandzugfedern in zweieinhalb- und anderthalb Millimeter Schriftstärke, mit schwarzer Tusche und mit viel Ruhe und Geduld ging der 67-jährige Kalligraph vor. Seine Herausforderung: Er durfte sich nicht verschreiben, denn Seiten durften aus dem maßgeschneiderten Buch nicht entfernt werden.

Peter König gelang das Kunstwerk. Ohne einen falschen Strich zu setzen, beschrieb er Blatt für Blatt. Peter König: „Für mich ist die Kalligraphie Zerstreuung und Erholung, daher empfand ich die Tätigkeit nicht als belastend.“

Das alte Buch soll demnächst in einem Facharchiv gelagert werden. Das neue Werk dagegen soll zukünftig in der Kirche St. Johannes Evangelist an die Gefallenen erinnern. Was Vogt und König an diesem Zeitdokument so ungeheuer ergreift: „Das Buch spiegelt wieder, wie viel Blutzoll allein in so einem kleinen Ort wie Gürzenich während der Kriege gezahlt werden musste.“

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