Vettweiß - Brandschutz: Nachts ist die Welt noch in Ordnung

Brandschutz: Nachts ist die Welt noch in Ordnung

Von: Burkhard Giesen
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Ein ausgebrannter Pkw bei Gladbach: Geraten Menschen in Gefahr, muss die Freiwillige Feuerwehr ausrücken und Leben retten. Der neue Brandschutzbedarfsplan in Vettweiß sieht vor, dass die Feuerwehr spätestens in acht Minuten in ausreichender Stärke vor Ort sein muss. Für viele Feuerwehren ein ehrgeiziges Ziel bei immer weniger ehrenamtlichen Kräften. Foto: Feuerwehr Vettweiß
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Thomas Vlatten (links) von der Gemeinde Vettweiß und Wehrführer Ralf Weyers setzen auf eine enge Kooperation. Foto: Burkhard Giesen

Vettweiß. Thomas Vlatten von der Gemeinde Vettweiß sagt es sehr diplomatisch: „Unter Beachtung der Finanzsituation der Kommune erfüllen wir alle Wünsche der Feuerwehr.“ Wehrleiter Ralf Weyers bestätigt das gute Verhältnis zur Gemeinde: „Wir mussten bisher nicht über die Anschaffung von Fahrzeugen diskutieren.“ Soll heißen: Der notwendige Bedarf wurde stets erfüllt.

Vlatten hat für die Kommune den Entwurf für den neuen Brandschutzbedarfsplan erstellt – in enger Abstimmung mit Weyers. Der Plan hat es in sich: Er gibt vor, wie die Einsätze der Feuerwehr zur Rettung von Menschenleben zu organisieren sind – aber auch mit welcher Ausrüstung. Dazu hatte die Gemeinde bereits im März eine Bestandsaufnahme vorgenommen. Beides soll nun in den kommenden Monaten von einer Arbeitsgruppe aus Verwaltung, Feuerwehr und Politik diskutiert werden, damit der notwendige Brandschutzbedarfsplan mit Leben gefüllt werden kann.

Dass, was in dieser Diskussion alle eint, ist das gemeinsame Ziel: In kritischen Situationen, wo der Einsatz der Feuerwehr gefragt ist, gilt als oberste Priorität, Menschenleben zu retten. Eine Maßgabe, die nur begrenzt Spielraum lässt. Egal, ob bei einem Wohnungsbrand oder schweren Verkehrsunfall: Innerhalb von acht Minuten muss eine erste Einheit der Feuerwehr mit neun Mann vor Ort sein.

Spätesten fünf Minuten danach muss – wenn nötig – die zweite Einheit eintreffen. Der Zeit von acht Minuten liegen wissenschaftliche Untersuchungen über die Erträglichkeitsgrenze für eine Person im Brandrauch zugrunde. Die liegt bei 13 Minuten. Bleiben acht Minuten, wenn man die Zeit vom Notruf bis zum Ausrücken abzieht.

Genau dieses Ziel will die Freiwillige Feuerwehr in 90 Prozent aller Fälle einhalten. Eine durchaus ehrgeizige Absicht, weil die Feuerwehren mit Personalmangel zu kämpfen haben. 158 aktive Feuerwehrleute gibt es in der Gemeinde Vettweiß – sie alle arbeiten ehrenamtlich und absolvieren im Jahr zwischen 65 und 80 Einsätzen. „Unsere Personalstruktur ist noch gesichert.

Bei Vollalarm können wir die Einsätze auch tagsüber sicherstellen“, betont Wehrleiter Ralf Weyers. Das ist fast schon eine Besonderheit. Denn gerade tagsüber kann es personell eng werden, weil die Aktiven selten in der Kommune arbeiten, wo sie als Feuerwehrmann benötigt werden. Weyers: „Bei uns engagieren sich viele Feuerwehrleute, die im Schichtdienst arbeiten. Das ist ein großer Vorteil.“ Damit stehen auch tagsüber Feuerwehrleute zum Einsatz bereit. Da, wo es eng wird, sucht man andere Lösungen: So wurden zum Beispiel in der Gemeinde Hürtgenwald oder in Merzenich gezielt Mitarbeiter von Bauhof und Verwaltung angesprochen und ausgebildet, um den Brandschutz zu gewährleisten.

Diesen Schritt will man für die Zukunft auch in Vettweiß gehen. Thomas Vlatten: „Unser Bürgermeister will eine ‚Löschgruppe Rathaus‘ ins Leben rufen.“ Hinzu kommen andere Schritte. In der Gemeinde Kreuzau beispielsweise gibt es bei Stellenausschreibungen den Hinweis, dass Bewerbungen von Feuerwehrleuten „gerne gesehen“ seien. „In einem Fall“, sagt der Kreuzauer Bürgermeister Ingo Eßer, „haben wir einen Bauhof-Mitarbeiter eingestellt, der in einer anderen Kommune Feuerwehrmann ist“, und dementsprechend tagsüber in Kreuzau aushelfen kann. Ein Modell, das man ähnlich auch in Vettweiß umsetzt. So ist zum Beispiel ein Mitarbeiter des Bauhofes Löschgruppenführer in Soller. Thomas Vlatten: „Er ist entsprechend ausgebildet und darf zu jedem Zeitpunkt zum Einsatz fahren.“

Wie die Personalstärke die Einsätze der Feuerwehr verändert, wird den Bürgern tagsüber deutlich. Thomas Vlatten: „Wurden früher vielleicht ein oder zwei Löschgruppen alarmiert, müssen wir heute einen Vollalarm auslösen. Dann stehen hier 15 Feuerwehrfahrzeuge auf der Straße und die Bürger fragen auch noch, ob wir nichts Besseres zu tun haben, als die Fahrzeuge spazieren zu fahren.“

Dabei ist die Entlastung der Feuerwehr auch mit ganz einfachen Mitteln umzusetzen. „Die Ölspur auf der Straße oder der Tierkadaver werden tagsüber inzwischen von unserem Bauhof entfernt“, sagt etwa Thomas Vlatten. Neben einer Kooperation mit den Städten Zülpich und Nideggen setzt man in Vettweiß seit Januar zudem noch auf eine organisatorische Änderung, die die Arbeit der Feuerwehr enorm erleichtern soll: Installiert wurde ein Einsatzleitdienst.

So ist sichergestellt, dass immer eine Führungskraft im Bereitschaft ist. Den Vorteil sieht Ralf Weyers so: „Es ist immer jemand innerhalb von acht Minuten vor Ort, der den Einsatz koordinieren und die Wehrleute einteilen kann.“ Die ersten Meldungen über ein Unfallgeschehen seien in der Hektik oft unverständlich, erklärt Weyers. Wer zuerst vor Ort ist, kann sich nicht nur ein genaues Bild von der Einsatzlage machen, sondern „sofort sagen, ob noch nachalarmiert werden muss“. Das hilft, Zeit zu sparen.

Wie schwer die Zielvorgaben umzusetzen sind, weiß auch Kreisbrandmeister Karlheinz Eismar: „Wenn wir in 80 Prozent aller Fälle in acht Minuten vor Ort sind, sind wir wirklich gut. In den meisten Kommunen schaffen wir das tagsüber vielleicht in 45 Prozent der Fälle – man muss sich da nichts vormachen.“ Der Brandschutzbedarfsplan sei eben keine Garantie, dass die Ziele auch immer erreicht würden. „Nachts ist die Welt noch in Ordnung“, bringt es Eismar auf den Punkt: dann stehen mehr Feuerwehrkräfte zur Verfügung. Lebt es sich deswegen in einzelnen Kommunen gefährlicher?

Nein, sagt Wehrleiter Ralf Weyers. „Wenn nur der Maschinist fehlt, ist das Schutzziel schon nicht erreicht – egal, ob 40 Leute im Einsatz waren und eine Person innerhalb von acht Minuten gerettet werden konnte.“ Die Ziele weiter herunterzuschrauben, ist für Eismar natürlich nicht die Alternative. „Hürtgenwald und Merzenich zeigen uns, welchen Weg wir gehen müssen“, betont Eismar – also die Feuerwehr um Kräfte aus Rathäusern oder Verwaltung ergänzen, um tagsüber gleich einsatzfähig zu sein. Die Alternative wäre fatal: Es müsste eine Berufsfeuerwehr her, die sich die Kommunen kaum leisten könnten.

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