Bonsai: Mehr als Bäume in der Schale

Von: Stephan Johnen
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Mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl: Günter Maintz aus Zerkall hat sich der Bonsai-Gestaltung verschrieben. Foto: Stephan Johnen
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x. Fotos: Stephan Johnen Foto: Stephan Johnen
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Zerkall. Bonsai – das Wort ist schnell erklärt. Es bedeutet haargenau, was auch jeder Nicht-Gartenexperte auf den ersten Blick sehen kann: Ein Baum (Bon) wächst in einer Schale (Sai). Ursprünglich in China entstanden, wanderten die Bonsais nach Japan – und gelangten dort vor Jahrhunderten zur Blüte. So weit, so unvollständig.

„Bonsai ist eine dreidimensionale Kunst – ähnlich der Bildhauerei“, sagt Günter Maintz aus Zerkall. Acht Jahre hat er von japanischen Meistern gelernt, seit einem Vierteljahrhundert befasst er sich mit dieser asiatischen Form der Gartenkunst. Doch Bonsai ist mehr als Formensprache und Ästhetik – in Asien ist Bonsai eine Natur- und Weltanschauung, teils konfuzianisch, teils taoistisch beeinflusst, eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden. „Bonsai ist auch eine Geisteshaltung“, sagt Maintz.

Eine eigene Philosophie

Vor 25 Jahren sah der heute 56-Jährige zum ersten Mal einen Bonsai. Die Faszination hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. „Ich habe mir damals Fachliteratur gekauft, Werkzeug, Erde, Schalen – alles, was ich für notwendig erachtete“, sagt Maintz. Er stieg immer tiefer in die Materie ein und wollte wissen, was hinter den kunstvollen Miniaturbäumen steckt. Mittlerweile ist der Familienvater, der als Techniker arbeitet, anerkannter Bonsai-Gestalter und Lehrer.

Schnell lernte er auf dem Weg dorthin, dass eine der wichtigsten Voraussetzungen für diese Form der Kunst Zeit ist. Bonsai – das sei kein Konzept für den Augenblick, sondern für die Ewigkeit. Die Pflege und Gestaltung nimmt Jahre in Anspruch. In Japan beispielsweise werden die Schalen mit Bäumen über Generationen weitergegeben und dabei hingebungsvoll gepflegt. „Wabi Sabi“ lautet die Idee dahinter: „Einfachheit und Schönheit“ reifen mit dem Alter und der damit einhergehenden langen Pflege. Bonsais sind lebendige Kunstwerke, deren Besitzer ein Leben lang die Verantwortung für sie übernehmen.

Mehr als 100 Bäume hat Maintz dort stehen, wo sie hingehören: im Garten. Manche sind älter als er selbst, er hat sie zum Teil vor Jahren aus Asien importiert, sie weiter gestaltet. Andere hat er selbst gepflanzt und in Form gebracht. So hat er beispielsweise Buchen aus einer Hecke gerettet, die sonst entsorgt worden wären. Die Kunst des Bonsai-Gestalters ist es, künftige Schönheit dort zu erkennen, wo andere sie nicht vermuten. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Besitzer wechselten die knorrigen Stämmchen den Eigentümer.

Der Weg zu einem Bonsai bedarf viel Geduld. Ursprünglich wurden alte Bäume, die wegen widriger Umstände in der Natur kleingeblieben waren, ausgegraben und in Schalen umgepflanzt. 14 Stilarten von Baumformen gibt es in der Lehre – vom windgepeitschten Stämmchen bis zum „Floß“, bei dem aus einem umgestürzten Stamm Triebe gewachsen sind. Ziel der Pflege ist es, die Natur zu spiegeln. Die Schönheit soll freigelegt werden.

Der erste Schritt ist es, den Baum an das Leben in der Schale oder auf einem Stein zu gewöhnen, der Wurzelballen muss sich zurückbilden. Das kann bis zu fünf Jahre dauern. Anschließend werden die Pflanzen geformt. Wie bei einer Skulptur muss der Gestalter dabei erkennen, welche Formen er aus dem Bäumchen herausarbeiten möchte. Statt Gestein nimmt er Äste weg, oder formt sie mit Draht um. So werden beispielsweise Nebenäste zu Stämmen geformt oder Terrassen in der Krone angelegt.

Ordnung und Proportionen (goldener Schnitt) sind wichtig, aber auch das Eigenleben des Baumes muss respektiert werden. „Gegen den Baum zu arbeiten funktioniert nicht“, sagt Maintz. Der Bonsai-Gestalter müsse den Baum als Lebewesen respektieren – und ihn stets wachsam beobachten und pflegen. Die Lebenserwartung eines Bonsais stehe den Artgenossen in „freier Wildbahn“ in nichts nach. Eine Eiche könne beispielsweise Hunderte Jahre alt werden. Maintz: „Bonsais haben Charakter. Es sind mehr als Bäume in Schalen.“ 

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