Blutrünstige Erzählungen zu mittelalterlicher Musik

Von: Bruno Elberfeld
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Bassem Hawar, Maria Jonas und Dominik Schneider (v.l.) spielten ein außergewöhnliches Konzert bei Becker & Funck. Foto: bel

Düren. Im gut gefüllten Saal von Becker & Funck kamen die Gäste zu einem seltenen musikalischen Genuss: Das Ensemble Sanstierce (ohne Terz) entführte sie in die Zeiten vom 11. bis 13. Jahrhundert.

Zwei Instrumentalisten, der Iraker Bassem Hawar und der Deutsche Dominik Schneider, begleiteten auf ihren Instrumenten Maria Jonas, die sich in der Doppelrolle von mittelalterlicher Interpretin und improvisatorischer Komponistin als Trobairitze bezeichnet.

Trobairitze ist das weibliche Gegenstück des Troubadours. Die Bezeichnung hat ihren Ursprung in Okzitanien, Südfrankreich. Bassem Hawar brillierte im Verlauf des Konzerts mit der Djoze, einer irakischen Fidel, und einer Trommel. Bei Dominik Schneider kamen verschiedene Flöten und die Quinterne (Laute) zum Einsatz. Die Gäste wurden recht akribisch über die einzelnen Instrumente informiert.

Das Wichtigste natürlich: die Musik. Recht ungewohnte Laute erzeugten die Musiker mit Instrumenten und menschlicher Stimme. Die Verbindung zu orientalisch-arabischer Musik wurde rasch hörbar. Maria Jonas erinnerte in der Rolle der Moderatorin an die mittelalterliche Geschichte Europas, die Rolle des Südwestens des heutigen Frankreichs, Okzitaniens, das bis über die Pyrenäen hinaus nach Spanien reichte. Spuren okzitanischer Sprache sind heute noch in der Region zu finden.

Für viele Gäste erstaunlich war die Tatsache, dass die Lieder, ja die ganze Musik, mündlich überliefert wurde. Noten, Notenblätter, Notenlinien kamen erst viel später ins Spiel. So lebten die Lieder im Konzert von Interpretation und Improvisation.

Das erste Lied des Ensembles hieß „A chantar“ und soll von der Comtessa Beatriz de Dia geschrieben worden sein. Maria Jonas sang Okzitanisch, das sprachlich an eine Mischung aus Spanisch und Französisch erinnert.

In den meisten der folgenden Stücke „Canso: Ar em al freg temps“, „Chanterai pur mon courage“ und „Ab jois e jovens ma´paija“ war das singende Ich eine Frau. Komponiert wurden die Stücke von Männern. Die Melodie von „Canso: Ar em…“ stammt aus der Feder von Maria Jones.

Die große Leistung der Musiker an diesem Konzertabend war, dass sie praktisch ohne Unterlagen Lieder aus den Anfängen des letzten Jahrtausends wiedergaben. So mussten sich Maria Jonas und die Instrumentalisten auf andere Quellen stützen, mussten mittelalterliche Schriften wälzen, um mit ihren Interpretationen den Originalen möglichst nahe zu kommen.

Der zweite Abschnitt des Abends war ein Liederzyklus von Martin Codax, genannt „Cantigas de Amigo“. Geschichten aus dem Alltag der Menschen werden singend erzählt. Die Melodien kommen aus dem iberischen Raum. Von ihnen allen gibt es keine schriftlichen Zeugnisse.

Im Mittelpunkt stand die mündliche Überlieferung. Bilder von dem meist friedlichen Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen tauchen in den Liedern auf. Große Lücken in der Überlieferung von solchen musikalischen Schätzchen gab es in Zeiten des Krieges. „Mit dem Krieg verschwand damals wie heute die musikalische Tradition“, erklärte Maria Jonas.

Im dritten und letzten Teil des Konzerts widmeten sich Sanstierce „Sephardischen Gesängen“, den Liedern von Juden, die über ganz Europa verstreut lebten und noch leben. Solistische Einlagen der Instrumentalisten überzeugten durch technische Finessen, gepaart mit großem Einfühlungsvermögen. Bei geschlossenen Augen fühlte sich ein Besucher an himmlische Klänge mit meditativem Hintergrund erinnert. Trotz aller manchmal blutrünstiger Erzählungen nahmen die Musik und die klare Stimme von Maria Jonas die Hörer gefangen.

Das Konzert im Rahmen der monatlichen „Tonspuren-Konzerte“ präsentierte Geschichte mit Mitteln alter Instrumente, alter Lieder, mit alter Musik, mit Musik aus einem anderen Jahrtausend.

Begrüßt worden waren die Gäste von Dr. Hans-Joachim Güttler, dem Vorsitzenden des Kunstfördervereins des Kreises Düren.

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