Bibliothekarinnen: Klassiker sind nicht mehr „kindgerecht“

Von: Sonja Essers
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Dürener Stadtbücherei
Sie wissen, was bei kleinen und großen Leseratten beliebt ist: Diana Baur (links) und Kuni Nellessen von der Dürener Stadtbücherei. Klassiker wie „Winnetou“ seien eher etwas für ältere Herrschaften, sagen sie. Foto: Sonja Essers

Düren. Er ist der Schöpfer von literarischen Legenden wie Winnetou und Old Shatterhand und gleichzeitig der erfolgreichste Autor deutscher Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts: Karl May. In diesem Jahr wäre May, der laut Unesco der am häufigsten übersetzte deutsche Schriftsteller aller Zeiten ist, 175 Jahre alt geworden.

Für Kinder und Jugendliche sind seine Werke heute allerdings kaum noch interessant, wie Kuni Nellessen berichtet.

In der Stadtbücherei Düren leitet sie die Kinder- und Jugendbibliothek und hat die Erfahrung gemacht, dass die Bücher von Schriftstellern wie Karl May, Erich Kästner, Mark Twain und Charles Dickens ihre besten Zeiten hinter sich haben – zumindest bei den jungen Leseratten. „Wenn wir diese Bücher ausleihen, dann meistens an ältere Herrschaften“, sagt Nellessen. Das habe gleich mehrere Gründe. Einer davon: die Sprache. „Die ist einfach nicht mehr kindgerecht“, sagt Nellessen.

Gehörten die Geschichten über Winnetou, Räuber Hotzenplotz, Oliver Twist und Tom Sawyer einst in jedes vorzeigbare Bücherregal, sind es heute eher Werke wie „Harry Potter“, „Der Herr der Ringe“ oder auch „Gregs Tagebuch“, die kleine und große Leseratten faszinieren. Das seien die Klassiker der nächsten Generation, sind sich Nellessen und ihre Kollegin Diana Baur sicher. „Heute gehört es zum guten Ton, einen Harry Potter zu lesen“, sagt Nellessen. Der Schwerpunkt liege bei Kindern und Erwachsenen zudem auf den Neuerscheinungen. „Das ist das, was nachgefragt ist“, sagt Nellessen.

Dass Kinder und Jugendliche nur wenig lesen, können Nellessen und Baur allerdings nicht bestätigen. „Wenn es sie einmal gepackt hat, bleiben sie auch dabei“, sagen sie. Ein gutes Beispiel dafür sei der „SommerLeseClub“, den die Dürener Stadtbücherei jedes Jahr in den Sommerferien anbietet.

Drei Bücher müssen die Teilnehmer, allesamt zwischen zehn und 16 Jahren, in den Ferien lesen und besprechen. 200 Kinder und Jugendliche schafften das im vergangenen Jahr. „Es gibt Kinder, die lesen in dieser Zeit drei Bücher, es gibt aber auch Kinder, die lesen in der gleichen Zeit 20 Bücher.

Es ist schön, so etwas mitzuerleben“, sagt Nellessen, die auch in diesen Osterferien mit viel Zulauf rechnet. In den Ferien sei die Stadtbücherei oft Ausflugsziel für Familien, die in den Regalen stöbern, sagt sie.

Dass Karl May & Co. auch heute noch im Regal der Stadtbücherei stehen, ist vor allem Neuauflagen und Neuverfilmungen zu verdanken. Die Neuauflagen seien oft nicht nur attraktiver gestaltet, sondern auch die Sprache werde angepasst, sagen Nellessen und Baur. „Wenn niemand mehr diese Bücher lesen würde, würden die Verlage auch nicht in die Überarbeitung investieren“, sagt Nellessen.

In der Kinder- und Jugendliteratur werden die Werke „5 Freunde“ sowie „Hanni und Nanni“ derzeit überarbeitet. Bei den Erwachsenen erfreuen sich die neuaufgelegten Werke von Agatha Christie großer Beliebtheit. „Bei den Lesern über 50 finden diese Bücher reißenden Absatz“, sagt Baur.

Nicht zu unterschätzen seien auch Neuverfilmungen. Zu Weihnachten zeigte RTL Karl Mays „Winnetou“, das machte sich auch in der Dürener Stadtbücherei bemerkbar. „Dann ist die Nachfrage immer wieder da“, sagt Nellessen. Auch die TV-Präsenz von Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga wirke sich auf die Ausleihzahlen aus. „Es sind nicht unbedingt die Kinder selbst, die diese Bücher ausleihen. Aber daraus wird ihnen oft vorgelesen“, sagt Nellessen.

In Zukunft wollen Nellessen und Baur die noch vorhandenen Klassiker in der Bücherei, die in verschiedenen Regalen stehen, auch entsprechend auszeichnen, damit diese dann von ihren Fans auch auf Anhieb gefunden werden.

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