Aachen/Düren - Betrug mit Lebensversicherungen: Entsetzen über Verkauf an „Bestatter”

Betrug mit Lebensversicherungen: Entsetzen über Verkauf an „Bestatter”

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:

Aachen/Düren. In einem waren sich die Ermittlungsbeamten der Aachener Polizei und die Verteidigung der wegen Betruges mit Lebensversicherungen angeklagten Christina S. (39) aus Nideggen völlig einig.

Die zwei Beamten, die am Montag als Zeugen vor der Großen Wirtschaftsstrafkammer am Aachener Landgericht aussagten, und der Kölner Verteidiger Michael Urbanek zeigten sich entsetzt darüber, dass die Kauffrau und langjährige Geschäftsführerin Christina S. die Firmen ihres Vaters einfach an einen Menschen veräußerte, der sich im Internet als Wirtschaftsexperte anpries und ihr ansonsten unbekannt war.

Dieser Mann, der eine sogenannte Consulting-Firma betrieb, übernahm von Christina S. nach dem Tode ihres Vaters im Dezember 2009 die Firmenholding. Diese war in bis zu sieben Unterfirmen, darunter auch die Dr. Mayer & Cie. mit ihren Versicherungskäufen, gegliedert. Nach der Übernahme, so die übereinstimmende Erkenntnis, lief gar nichts mehr.

In der Anklageschrift werden der Käufer und seine später hinzugekommenen Finanzjongleure aus Bremen und Berlin als sogenannte „Firmenbestatter” bezeichnet, gegen die gesonderte Verfahren anhängig sind. Christina S. sagte am Montag dazu, dass sie im Sommer 2010 bereits psychisch und physisch am Ende war. Sie habe nur noch weg gewollt, sie zog zu einer Freundin nach London und ließ die neuen Besitzer ihrer eigentlich gesunden Immobilienfirma schalten und walten - bis die Polizei kam.

Denn angeklagt ist in mehr als 500 Fällen der Betrug mit dem Ankauf von Lebensversicherungen. Etwa 60 bis 70 Prozent des Wertes dieser Lebensversicherungen wurden direkt an die Verkäufer ausgezahlt, der Rest sollte dann über Jahre in Raten bezahlt werden.

Als niemand mehr diese Raten bediente, brach das System zusammen. Denn weder kam frisches Geld durch die Akquise von neuen Versicherungen herein, noch wurden die Geschäfte mit der Dr.-Mayer-Immobilien-Holding mit einer erquicklichen Rendite weitergeführt.

Als die Ermittler 2011 die Firmen durchkämmten, weil sich immer mehr Menschen geprellt fühlten, waren die meisten Geschäftsakten bereits in einer Garage in Berlin gelandet, Computer und Server verschwunden und Immobilien verkauft worden.

Doch bislang scheint es Christina S. nicht nachweisbar zu sein, dass sie wesentliche Firmenwerte beiseite geschafft hat. Sicher, das gestand sie direkt zu Beginn des Prozesses ein, habe sie zum Erhalt der privaten Familien-Immobilien in Nideggen und in Altenburg Gelder benutzt. Die hätten ihr aber zugestanden, erklärte sie am ersten Prozesstag.

Auch wurde jetzt offenbar, dass der im Unternehmen als herrisch bekannte Vater, der vor seinem Tode schwer von seiner Krankheit gezeichnet war, 2009 bereits ein inhaltlich gleiches Strafverfahren „am Bein” hatte. Das wurde dann mit seinem Tode hinfällig.

Insgesamt, so bestätigten am Montag die Ermittler, hatte die Dr. Mayer & Cie. etwa 3700 Versicherungsverträge seit 2004 aufgekauft. Die Absicht dahinter war, genügend Kreditvolumen für die verschiedenen Immobiliengeschäfte des gesamten Firmengeflechts zu generieren.

Da jetzt „nur” 522 Betrugsfälle angeklagt seien, könne man da eventuell den Schluss ziehen, dass rund 3000 Kunden „zufrieden” seien, wollte die Kammer unter Vorsitz von Richter Harald Brandt wissen. Nein, erklärte der Kripomann allerdings eher zögerlich. Man habe Stichproben aus den anderen Fällen genommen. Auch da hätten sich viele unzufriedene Kunden ergeben, die allerdings keine Anzeigen erstattet hatten.

Der Prozess geht am Freitag, 14. September, weiter.
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