Betreuung für junge Flüchtlinge: Plätze Mangelware

Von: Stephan Johnen
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Zehntausende Flüchtlinge sind jeden Tag auf dem Weg nach Europa, darunter auch viele unbegleitete Minderjährige. Dieses Bild von Flüchtlingen entstand in Griechenland. Foto: stock/ZUMA Press
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Ansgar Kieven ist Leiter des Dürener Jugendamtes. Foto: sj

Düren. Zeit zum Durchatmen gibt es nicht. „Wir reagieren auf Wasserstandsmeldungen und versuchen, Notsituationen zu bewältigen“, sagt Ansgar Kieven, Leiter des Jugendamtes der Stadt Düren. Derzeit leben 24 minderjährige Flüchtlinge unter Vormundschaft des Amtes in der Stadt.

Es sind Kinder, die ohne Eltern oder erwachsene Verwandte die Flucht angetreten, zum Teil Schreckliches erlebt und gesehen haben. Sie wohnen im Kinderheim und in Wohngruppen, manche haben Zuflucht bei Verwandten gefunden.

Seit dem 1. November hat sich die gesetzliche Lage geändert, wird die Verteilung minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge auf die Kommunen neu geregelt. „Wir stellen uns darauf ein, bis Ende des Monats 50 Kinder und Jugendliche zu betreuen“, sagt Kieven. Er mutmaßt, dass die noch Zahl weiter steigt. Obwohl bereits heute alles „auf Kante genäht“ sei.

„Es gibt bundesweit keine Plätze mehr“, sagt auch Gregor Dürbaum Leiter des Kreis-Jugendamtes. Derzeit sind 48 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Obhut des Kreis-Amtes, Dürbaum stellt sich infolge der Neuregelung auf eine Verdopplung ein. In Kinderheimen und Wohngruppen der Träger der freien Jugendhilfe seien die Kapazitäten ausgeschöpft. „Beide Jugendämter suchen mit allen Partnern nach Lösungen, das Angebot auszubauen“, sagt Dürbaum. Für Ansgar Kieven ist zudem klar, dass auch die bisherige Kindergartenplanung keinen Bestand mehr hat und neu begonnen werden muss.

Bislang waren für minderjährige Flüchtlinge die Jugendämter der Städte und Landkreise zuständig, in denen sie aufgegriffen wurden. Vor allem grenznahe Ämter wie das in Aachen waren überlastet. Die Belastungen sollen nun besser verteilt werden. „Anfangs lag der Schlüssel bei einem minderjährigen Flüchtling pro 5000 Einwohner, dann pro 3000, dann pro 1750“, sagt Kieven.

Die Mitarbeiter der Ämter, der Vereine und Hilfsorganisationen würden mit viel Herzblut und Überstunden an einer Lösung arbeiten. „Wir werden es aber nicht schaffen, wenn wir nicht über eine Absenkung der Standards in Krisenzeiten reden“, ist Kieven überzeugt. Gesetzlich sei bislang beispielsweise vorgeschrieben, dass sich maximal zwei Kinder einem Raum teilen dürfen und Jugendliche ab 14 Jahren Anspruch auf ein Einzelzimmer haben. Auch gebe es Regelungen, wie viel Fachpersonal zur Verfügung stehen muss. „Es gibt aber kaum noch Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Kieven.

In der vergangenen Woche hätten Kinder und Jugendliche auf den Fluren der Polizeiwache schlafen müssen, berichtet er. „So etwas möchte ich nicht mehr erleben.“ Daher habe sich das Jugendamt entschlossen, mit dem Kinderheim eine Notgruppe zu installieren, die keine Betriebserlaubnis hat. „Wir übernehmen die Verantwortung“, sagt Kieven. Es könne keine Alternative sein, die Standards ausnahmslos zu wahren und Obdachlosigkeit zu produzieren.

Keine Prognose wagen

„Wir stehen bei vielen Dingen erst am Anfang“, fügt der Jugendamtsleiter hinzu. Denn das neue „Gesetz zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher“ regele auch, dass staatlich bestellte Vormünder bei den Jugendämtern für die erzieherische, schulische sowie kulturelle Integration verantwortlich sind und sich auch um gesundheitliche und therapeutische Belange kümmern sollen. „Wir bauen ein Netzwerk mit Ärzten und Psychologen auf“, sagt Kieven. Die Ämter sind aber auch zuständig für das Asylverfahren, die Beschaffung von Ausweispapieren und die Familienzusammenführung. Über zu viel Personal in diesem Bereich verfüge das Jugendamt schon heute nicht.

Wie weit dies alles den städtischen Haushalt belastet, dazu möchte Kieven keine Prognose wagen. „Der Bund hat angekündigt, alle Kosten für die stationäre Unterbringung zu übernehmen. Das sind im Schnitt 150 Euro pro Kind und Tag“, sagt er. In dieser Rechnung seien die Personal- und Sachkosten in der Verwaltung nicht berücksichtigt. Es zeichne sich aber eine Entlastung ab, in Kürze soll eine Verwaltungspauschale von 3100 Euro pro Flüchtling und Jahr gezahlt werden. Kieven: „Wir haben noch keine Erfahrungen, ob das reicht.“

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