Düren - Berufsförderungswerk gründet Fußballmannschaft für Blinde

Berufsförderungswerk gründet Fußballmannschaft für Blinde

Von: Stephan Johnen
Letzte Aktualisierung:
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Erfahrungssache: Mit Finger- und Zehenspitzengefühl tastet sich die Mannschaft der Rur Soccers an die Materie Fußball heran. Foto: Stephan Johnen

Düren. Loslassen. Mit diesem Wort lässt sich die erste Lektion im Training dieser Fußballmannschaft wohl am treffendsten beschreiben. Schließlich ist es nicht leicht, sich in die Weiten des Raums fallen zu lassen, das Spielfeld zielsicher und selbstbewusst mit flotten Tempo zu überqueren - ohne Taststock, ohne Blindenhund, zunächst nur mit rudimentärer Orientierung.

„Ja, anfänglich ist es eher ein Herumtappen”, sagt Michael Wahl, Trainer der „Rur Soccers Düren”. „Doch das ändert sich schnell!” 20 mal 40 Meter sind viel freie Fläche für vier Feldspieler und zwei Torhüter. Freie Fläche, die erarbeitet werden will. Freie Fläche, die darauf wartet, erobert zu werden.

Der Trainer ist Nationalspieler

Eine Herausforderung, sicher. Dass sie gemeistert werden kann, zeigt Michael Wahl. Leichtfüßig flitzt er über das Feld, dribbelt um seine Spieler herum. Der Kölner ist Nationalspieler in der Deutschen Blindenmannschaft und trainiert seit Mai das von Berufsförderungswerk und Louis-Braille-Schule gegründete Dürener Team.

Gespielt wird auf einem Handballfeld. „Die Torhüter sind Sehende”, erklärt Michael Wahl, die jeweils zwei Feldspieler werden von einem sogenannten Guide, einer Art Lotse, oder vom Trainer von der Mittellinie aus geführt. Ein weiterer Guide steht hinter dem gegnerischen Tor - und gibt jeweils Entfernung und die beste Torschussposition durch. Der Ball macht selbst auf sich aufmerksam: Er ist eine Art mit Leder ummantelte Rassel. Kleiner als ein Fußball, viel schwerer. Banden grenzen das Geschehen räumlich ein.

Während bei den Zuschauern mit Ausnahme des Torjubels vor allem Stille zu herrschen hat, dominiert eine rege Geräuschkulisse das Spielfeld: Der Ball rasselt, die Spieler geben ihre Position durch den Ruf „Voy!” („Ich komme!”) bekannt und die Torwarte weisen per Stimme die Verteidiger auf ihre Positionen. „Die Kunst ist es, den Durchblick zu behalten”, sagt Michael Wahl. Wie das „Ping” eines Sonars lassen die akustischen Signale der Spieler eine Art taktische Karte in ihren Köpfen entstehen. Klappt das in Sekundenbruchteilen, gilt die freie Fläche des Spielfelds als erobert, stehen taktische Winkelzüge auf dem Lehrplan.

So weit ist das Dürener Team, das gerne noch blinde und sehende Mitspieler aufnimmt noch nicht. Der Nationalspieler und seine Schützlinge arbeiten derzeit an der Orientierung, feilen an der Schusstechnik, üben das Dribbeln. Oft führt Michael Wahl dabei Fuß und Ball bei jedem einzelnen Spieler mit den Händen zusammen. Er vermittelt nicht nur Wissen: Seine Mannschaft soll lernen, wie sich Fußball wirklich anfühlt - jede Facette des Spiels muss ertastet, ausprobiert, verinnerlicht werden. Damit die Spieler loslassen können - ohne nachzudenken, ohne zu zögern.

Seit den 60er Jahren hat sich Blindenfußball besonders in Südamerika etabliert. Zögerlicher war die Entwicklung in Deutschland, wo die Paralympische Sportart noch in den Kinderschuhen steckt. Eine Bundesliga gibt es seit zwei Jahren. Doch das Interesse wächst rasant.

„Lange Zeit diente der Blindensport vor allem dazu, dass die Menschen fit bleiben und nicht einrosten”, sagt Dr. Hans-Joachim Zeißig, Geschäftsführer des Berufsförderungswerkes (BFW). Er will das Sportangebot für blinde Menschen stark ausbauen. „Es geht wie bei Sehenden selbstverständlich um Teamgeist, Selbstwertgefühl und Selbstverwicklung”, findet Zeißig.

Eine Einschätzung, die die Spieler der noch jungen Mannschaft teilen. „Wir wollen als ganz normale Menschen behandelt werden”, sagt beispielsweise Masoud Shahabnia. Der 32-Jährige möchte nicht jeden Tag seines Lebens Mitleidsbekunden in Empfang nehmen. Er wünscht sich nur eines: Respekt. Im Leben, im Alltag, auf dem Spielfeld.

„Düren als Hochburg für blinde und sehbehinderte Menschen soll auch zu einem Leistungszentrum für den Paralympischen Sport werden”, sagt Hans-Joachim Zeißig. Die Fußballmannschaft und weitere Angebote sollen alle Menschen in der Region ansprechen. Und wie geht es bei den Kickern der Rur Soccer weiter? „2011 sind wir Deutscher Meister”, sagt Zeißig. Von dieser Vision möchte er nicht loslassen.
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