Beim Zeugnistelefon ruft kaum jemand an: Warum das nicht schlecht ist

Von: Carsten Rose
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Ein Experte für Schulpsychologie, der Ende des Monats in Rente geht: Für den Kölner Günter Müller ist nach 35 Jahren Arbeit im Kreis Düren Schluss. Er spricht von einer Zeit voller Herausforderungen. Foto: Rose

Kreis Düren. Oft klingelt das Zeugnistelefon nicht. Das Angebot des Schulpsychologischen Dienstes des Kreises Düren, um Eltern und Kinder im Umgang mit einem schlechten Zeugnis zu beraten, nehmen jährlich im Schnitt „eine Handvoll“ Eltern war, sagt Günter Müller, 65. Ein Grund es einzustellen?

„Nein“, antwortet der Schulpsychologe. „Man kann unser Angebot mit der Feuerwehr vergleichen: Die ist auch nicht stündlich unterwegs, sondern muss bereit sein, wenn sie gebraucht wird.“ Um im Bild mit der Feuerwehr zu bleiben: Das Frühwarnsystem – quasi die Rauchmelder – vor einem schlechten Zeugnis hat sich entwickelt. Denn wirklich große Augen vor Entsetzen würde heute kaum mehr jemand bei seinen Zeugnisnoten machen, erklärt Müller.

„Zu meiner Schulzeit in den 60er Jahren waren die Noten überraschender. Heute werden Eltern bei Sprechtagen oder mit den sogenannten ,Blauen Briefen‘ früh informiert, wenn die Versetzung des Kindes gefährdet ist.“ Eine Krisensituation zwischen Eltern und Kindern zum Schuljahresende habe Günter Müller daher nie erlebt.

Und bei den wenigen Anrufen müssten Müller und sein Team nicht immer schulpsychologisch eingreifen, sondern vermitteln, weil sich die Anfragen etwa um schulrechtliche Fragen drehen würden. Wenn der Schulpsychologische Dienst eingreifen muss, dann ist die Arbeit zukunftsorientiert: Wie kann es demnächst besser werden?

Das Zeugnistelefon ist also nur ein zusätzliches, temporäres Angebot am letzten Schultag und dem ersten Ferienmontag. Die Kernarbeit der Anlaufstelle im Haus C der Kreisverwaltung hat drei Säulen. Die erste ist die Beratung für Eltern, deren Kinder – abseits der Notenprobleme – andere Schwierigkeiten in der Schule haben wie beispielsweise Mobbing, Konzentrationsschwächen, Verhaltensauffälligkeiten.

Laut Müller melden sich jährlich bis zu 600 Eltern zu einem Erstgespräch. Nach der Diagnostik können weitere Beratungstermine folgen, mitunter auch über ein Jahr verteilt, sagt Müller. Die Gespräche sind nicht mit einer Therapie gleichzusetzen. Wenn eine nötig sei, vermittele der Dienst weiter.

Die zweite Säule ist die Beratung für Schulleiter und Kollegium. Zusätzlich zu Fragen wie „Wie gehe ich mit einer Klasse um, die ich nicht im Griff habe?“ kümmern sich Müller und sein Team um Fortbildungen. „Das Angebot der Schulberatung wird immer besser nachgefragt“, berichtet Müller, ohne dass er diese Entwicklung negativ betrachtet – er lobt sie.

„Früher waren Lehrer Einzelkämpfer, die Probleme alleine lösen wollten. Heute tauscht sich das Kollegium besser aus, man überlegt gemeinsam. Daher ist die Schwelle, sich an uns zu wenden, niedriger geworden.“ Dementsprechend bewertet Müller die Zahl von bis zu 70 Lehrern, die Kontakt suchen, als „erfreulich, weil sie sich Hilfe holen wollen“.

Müller betont in dem Zusammenhang, dass die Schulleitung aufgrund der dienstlichen Schweigepflicht nicht informiert werde. Andererseits würden auch Schulen vermehrt das Beratungsangebot wahrnehmen, weil das Zusammenspiel Lehrer-Schüler nicht immer wie gewünscht funktioniere. „Wie in vielen Fällen kann man sagen, dass die Probleme objektiv nicht wirklich mehr werden, sondern dass man mehr darüber spricht. Die Akzeptanz des Dienstes ist gestiegen.“

Es gebe viele Gründe, „warum die Welt für Kinder heute anders ist als damals“, und warum die Schüler daher als „schwieriger“ wahrgenommen würden, sagt Müller. Einer davon: Heute werden bis zu 50 Prozent der Grundschulabgänger am Gymnasium angemeldet – zu Müllers Schulzeit waren es sieben. „Immer mehr Eltern wollen das Abitur für ihr Kind, aber nicht jedes kommt damit klar. Der Druck wächst. ,Einfach probieren‘ ist aber alles andere als einfach.“

Außerdem sagt Müller, der Ende des Monats nach 35 Jahren als Schulpsychologe im Kreis Düren in Rente geht, aus Erfahrung, dass die Erziehung sich geändert habe. Sogenannte „Helikoptereltern“, die jedes Problem für ihre Kinder lösen wollten, würden den jungen Schülern mit ihrer Einstellung nicht helfen. „Es macht uns doch stark, wenn wir selbst Lösungen finden“, betont Müller, „manchmal habe ich das Gefühl, dass Kinder mit einigen Herausforderungen in der Schule nicht zurechtkommen, weil sie nicht eigenständig sind.“

Die dritte Säule im Angebot ist die Krisenintervention/Prävention: Wenn zum Beispiel ein Kind Selbstmordgedanken äußere, ist der Dienst häufig die erste Institution, die die Schule kontaktiert. Laut Müller komme das bis zu 20 Mal im Jahr vor. Zudem berät der Dienst, wie Lehrer und Schüler mit dem Tod eines Kollegen oder Mitschülers umgehen können.

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